Regeln am Strand auf Mallorca: Darf ich mein Handtuch zwischen zwei Liegen ausbreiten?
Und wie viel Strandfläche darf überhaupt vom Liegenverleiher eingenommen werden? Nachgefragt bei der zuständigen Behörde

Kein seltenes Bild: Die Strandliegen sind frei – und dennoch gibt es kaum Platz für Badegäste mit Handtuch. | FOTO: NELE BENDGENS
Ein Sommertag im August. Cala Sa Nau. Die Sonne brutzelt am Himmel. Der Strand gleicht einem prall gefüllten Hähnchengrill. Ein Pärchen Mitte 30 sucht verzweifelt einen Platz, um das Handtuch auszubreiten. Aus Mangel an Alternativen schlagen die beiden schließlich zwischen zwei Sonnenliegen ihr Quartier auf. Wie ein Sheriff baut sich sofort der Liegenwächter vor ihnen auf. „Der Abschnitt ist mein Strand“, sagt er. „Ihr müsst hier weg.“ Das Pärchen behält die Ruhe. „Ihnen gehört der Strand nicht. Wenn wir falsch liegen, holen Sie bitte die Polizei, damit sie es uns erklärt.“
Diese Szene, so erlebt von einem Redakteur der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“, stammt zwar bereits aus dem Jahr 2010, hätte sich aber auch diesen Sommer so abspielen können. Zum Beispiel am Strand von Sant Elm, wo mittlerweile weite Teile des Strands mit Liegen und Schirmen zugepflastert sind. Wenn dann auch noch für ein Event, wie die Vuelta a Dragonera, Zelte aufgebaut sind, bleibt für die Strandtuch-Badegäste nur noch ein schmaler Streifen direkt vor den Mülltonnen. „Wir waren zum Glück sehr früh da und haben noch einen Platz gefunden“, sagt die deutsche Strandbesucherin Lore. „Mittags war es dann proppevoll und alles sehr eng.“
Das muss alles genehmigt werden
Seit dem 1. Juli 2023 ist die Zuständigkeit für die Überwachung der Strände in Sachen Liegen und Schirme von der Küstenbehörde ans balearische Meeresministerium übergegangen. Die von den Rathäusern ausgeschriebene Strandbewirtung muss dort genehmigt und verzeichnet werden. „Gesetzlich sind wir angehalten, den gewerblichen Gebrauch der Strände so gering wie möglich zu halten“, sagt Carlos Simarro, Generaldirektor für Küstengebiete der MZ. „Bei den Genehmigungen haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können die Liegen für ein bis vier Jahre autorisieren. Oder eine Konzession vergeben, die länger gültig sein kann“, sagt Simarro. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass bei Stadtstränden maximal 50 Prozent der Fläche mit Liegen zugestellt werden darf. Bei Naturstränden liegt die Obergrenze bei zehn Prozent. Gemessen wird jeweils mit dem höchstmöglichen Wasserstand.
Die Liegen müssen mindestens sechs Meter vom Wasser entfernt stehen. „Die Rathäuser schlagen konkrete Zonen vor. Die sind rechteckig oder quadratisch“, erklärt Carlos Simarro. „Wie bei der Nutzung von Bürgersteigen und Plätzen seitens der Gastronomie werden die Flächen gekennzeichnet.“ Da der Meeresspiegel steigt und die Strände schmaler werden, verringert sich analog der Platz für Liegen. „Wenn die sechs Meter zum Meer nicht mehr eingehalten werden können, müssen die Anbieter zurückbauen. In Cala Major ist das derzeit der Fall“, sagt Simarro. Die Regeln gelten natürlich nur für gewerbliche Anbieter. „Wer seine private Liege mit an den Strand bringt, kann sie hinstellen, wo er will.“
Strand ist immer kostenlos
Kommen wir zurück zur Anekdote an der Cala Sa Nau. Der Liegenwächter hat mittlerweile einen Ortspolizisten herbeigerufen. Das beeindruckt das Pärchen jedoch wenig. „Ich verstehe nicht, warum wir hier weg sollen. Am restlichen Strand ist kein freier Platz. Die Liegen sind auch alle belegt. Uns bleibt nichts anderes übrig“, sagen die Strandbesucher. Auch der Beamte pocht darauf, dass der Abschnitt dem Konzessionär gehöre. „Er zahlt dafür und sie nehmen ihm den Platz weg.“ Mit der Frage, ob der Polizist denn ein Strafzettel ausstellen könne, wenn sich das Pärchen weigere, wird der Beamte entwaffnet. „Das darf ich nicht.“
Wie ist nun die Rechtslage? Das Ley 22 aus dem Jahr 1988 regelt die Strandbesuche. Mit dem Real Decreto 876/2014 gibt es eine neuere Fassung. „Der Gebrauch der öffentlichen Küstenabschnitte ist in allen Fällen frei und kostenlos“, heißt es in beiden. „Strandbesucher haben jegliches Recht dazu, sich zwischen zwei Liegen breitzumachen“, bestätigt Simarro. „Der Liegenwächter kann zetern, wie er will. Die Leute wegschicken darf er aber nicht.“ Ebenso wenig darf er sie abkassieren, solange sie die Liegen nicht nutzen. Selbst wenn der Schatten des Sonnenschirms neben den Hamacas genutzt wird. „Auch der Zugang zu den Bereichen muss ständig möglich und kostenlos sein. Auf Ibiza habe ich es mal selbst erlebt, wie mir der Zutritt zu einem Chiringuito verwehrt wurde“, sagt der Behördenleiter.
Palma reduziert die Liegen
Nicht nur an der Cala Major wird die Anzahl der Liegen heruntergeschraubt. Das Rathaus Palma kündigte jüngst an, an fünf Stadtstränden 20 Prozent der Liegen zu entfernen – insgesamt 1.750 Stück. Neben dem Strandschwund seien die vielen Beschwerden der Anwohner dafür verantwortlich, die selbst keinen Platz mehr am Strand finden. Bürgermeister Jaime Martínez sei sich dabei darüber bewusst, dass nur wenige Residenten die kostenpflichtigen Liegen und Sonnenschirme nutzen, zitiert das „Diario de Mallorca“ eine Sprecherin der zuständigen Abteilung im Rathaus. 90 Prozent gehen an Urlauber.
Betroffen sind neben der Cala Estància, Ciutat Jardí, Can Pere Antoni und Cala Major auch die Playa de Palma. Bisher gab es in der deutschen Urlauberhochburg 6.000 Liegen, künftig wird es nur noch 4.436 geben sowie nur noch 2.218 Sonnenschirme statt wie bisher 2.503. Dafür zuständig ist seit über 30 Jahren der Konzessionär Mar de Mallorca. Die Stadt plant, den Strand künftig aufzuteilen und die Konzession für mehrere Anbieter auszuschreiben.
Strände nur für Residenten?
Wenn es darum geht, über zu viele Urlauber und einen zu vollen Strand zu schimpfen, ist die Initiative Mallorca Platja Tour ganz vorne dabei. Die Gruppierung machte im vergangenen Jahr mit verschiedenen Strandbesetzungen auf sich aufmerksam. Während der Protest an der kleinen Instagram-Bucht Caló des Moro durchaus Wirkung zeigte, gingen die gut 100 Demonstranten an der fünf Kilometer langen Playa de Palma unter. Am Freitag (20.6.) kündigte die Initiative an, bald wieder einen Strand besetzen zu wollen. Wann und wo, wolle man in Kürze bekannt geben. Mit der Aktion will Mallorca Platja Tour fordern, dass Strände exklusiv für Residenten eingeführt werden. Per Zugangskontrolle sollen dann die Urlauber abgewiesen werden. Ähnliche Modelle gebe es bereits in Italien. Mit der MZ wollte die Initiative aber nicht sprechen.
Der Hoteliersverband an der Playa de Palma sei einer der Pioniere in Sachen Strandliegen gewesen, sagt Präsident Pedro Marín. „Es ist eine wichtige Dienstleistung, wie auch die Strandduschen.“ Platz sei wahrlich genug da. „Der Strand an der Playa ist wirklich nicht überfüllt. Es gibt mehr Bereiche ohne Liegen als mit“, so der Hotelier. An den Balnearios 5 und 6 könne es zu Stoßzeiten manchmal schwierig sein, eine Liege zu ergattern. „Auf Höhe des Balneario 15 ist aber immer etwas frei.“
Den aus den Hotels bekannten „Handtuchkrieg“ gibt es auch an den Stränden. „Ja, das ist üblich“, sagt Marín. „Man steckt dem Liegenwächter 50 Euro zu und schon hat man die Liege die ganze Woche reserviert.“ Auf MZ-Anfrage meint Mar de Mallorca, dass es keine offizielle Möglichkeit gebe, die Liegen zu reservieren. Das soll sich 2026 mit einer App ändern.
Was die deutschen Urlauber von den Strandliegen halten, lesen Sie hier.
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