Fliegen nur noch auf Sicht: Welche Folgen hat der mögliche Kerosinmangel für die Mallorca-Verbindungen?
Die Sorge um den Nachschub an Jet-Treibstoff wächst. Stand jetzt gibt es noch keine Flugstreichungen. Das aber kann sich ändern. Was Experten jetzt raten

Ein Airbus A320 der Fluggesellschaft Eurowings wird am Flughafen Stuttgart mit Kerosin betankt. / CHRISTOPH SCHMIDT/DPA
Ist der Mallorca-Urlaub in Gefahr? Seit Tagen beherrscht die Debatte um einen möglichen Kerosinmangel in der Tourismus-Hochsaison die Schlagzeilen. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hatte prognostiziert, dass „Europa vielleicht noch sechs Wochen Jet-Treibstoff übrig“ habe. Man werde angesichts der Blockade der Straße von Hormus schon bald erste Meldungen hören, nach denen einzelne Flüge aufgrund von Kerosinknappheit gestrichen werden müssten.
Lange ließen diese Meldungen nicht auf sich warten. Unter anderem hat die Lufthansa 20.000 Flüge ihrer Tochter Cityline abgesagt und damit die Airline eingestellt. So sollen mehr als 40.000 Tonnen Kerosin eingespart werden, heißt es vom Konzern. Ursprünglich sollte Cityline erst 2028 geschlossen werden.
Weltweite Folgen
Die niederländische Airline KLM hatte zuvor 160 geplante Flüge gestrichen und bei der US-Fluggesellschaft Norse Atlantic Airlines wurde gar der gesamte Sommerflugplan kurzerhand eingestampft. Der deutsche Luftfahrtexperte Cord Schellenberg aus Hamburg bestätigt der MZ: „Die 2026 möglicherweise drohende Kerosinknappheit dürfte den zivilen Luftverkehr weltweit beeinflussen.“
Womöglich sind die bisherigen Streichungen nur die Vorboten: Sollten durch die Straße von Hormus nicht bis Ende Mai wieder regelmäßig Tanker mit Öl nach Europa gelangen, könnte den Fluggesellschaften ein Defizit von bis zu 35 Prozent beim Treibstoff drohen. Von der italienischen Zeitung „Corriere de la Sera“ zitierte Branchenkenner sprechen von „Hunderten von Flügen“ die pro Tag gestrichen werden müssten. Möglicherweise könnten manche Flughäfen ab Juni Rationierungen bei der Betankung der Maschinen einführen.
Notfallvorrat und Beobachtungsstelle
Schließlich verbraucht der europäische Luftverkehr laut der IEA 1,6 Millionen Barrel Kerosin – pro Tag. 500.000 Barrel davon werden importiert, und das zu rund 75 Prozent aus dem Nahen Osten.
Die EU-Kommission tagte am Mittwoch (22.4.) in Brüssel, um eine Strategie für einen möglichen Kerosinmangel zu entwerfen. Unter anderem sollen Mitgliedsstaaten einen Notfallvorrat an Treibstoff bereithalten und eine Treibstoffbeobachtungsstelle einrichten. So weit die globale Situation.
Was sollten Reisende jetzt tun?
Wenn man auf Mallorca zoomt, stellt sich die Lage bislang entspannt dar. Das sieht auch Luftfahrtexperte Schellenberg so: „Als Passagier plane ich meine Reisen wie bisher auch. Dazu gehört für mich, direkt bei einer Fluggesellschaft oder – wenn ich auch Hotel oder Ferienwohnung benötige – eine Pauschalreise direkt beim Veranstalter zu buchen.“
Von Streichungen auf Mallorca-Verbindungen ist bisher nicht die Rede. Ein Sprecher von Eurowings teilt der MZ mit: „Für die im Sommerflugplan vorgesehenen Flüge erwartet die Lufthansa Group und damit eingeschlossen auch Eurowings eine stabile Treibstoffversorgung.“ Die Lufthansa Group arbeite an „unterschiedlichen Maßnahmen“, etwa auch zur Preissicherung.
Frühes Buchen macht sich bezahlt
Um hier aber keine böse Überraschung zu erleben, raten sowohl die Airlines als auch Luftfahrtexperte Schellenberg dazu, möglichst frühzeitig zu buchen. Derzeit sehe es so aus, als seien „nicht alle südlichen Warmwasserziele in diesem Sommer verfügbar wie in den Vorjahren“, schätzt Schellenberg die Lage ein.
Deshalb sollten Verbraucher steigende Preise vor allem für stark nachgefragte Reiseziele einplanen und schnell Verfügbarkeiten prüfen. „Sollten die angebotenen Preise zum geplanten Budget passen, würde ich die Sommerreise jetzt buchen“, sagt Schellenberg.
Airlines haben sich abgesichert
Die Mallorca-Marktführer bestreiten mögliche Preissprünge. Bei Eurowings, das aus den deutschsprachigen Ländern das größte Angebot an Mallorca-Flügen bereithält, versichert ein Sprecher: „Der Kerosinbedarf für die Lufthansa Group ist für das Jahr 2026 zu rund 80 Prozent auf Basis des Rohölpreises abgesichert, für das Jahr 2027 zu rund 40 Prozent – beides zu einem Vorkrisen-Preisniveau.“ Auch Ryanair hat den Kerosinbedarf gedeckt und rechnet nicht mit Preissteigerungen.
Billigflieger Easyjet hingegen riet explizit zu raschem Buchen. Nach Angaben des Südeuropa-Chefs Javier Gándara könne die Airline Preisstabilität und konstante Auslastung derzeit nur für die kommenden drei Wochen zusichern. Vorhersagen zur Marktentwicklung und zur Verfügbarkeit von Treibstoff seien derzeit „schwierig“. Kurzfristig sei die Versorgung gesichert, aber bei einer anhaltenden schwierigen Lage im Nahen Osten seien Preissteigerungen für die Wintersaison nicht auszuschließen.
Volotea verlangt Aufschlag
Einen Aufschlag auf bereits gekaufte Tickets kündigte indes die spanische Billigairline Volotea an. Sollte der Kerosinpreis sieben Tage vor der Reise höher liegen als zum Zeitpunkt der Buchung, werde ein Aufpreis von bis zu 14 Euro pro Ticket verlangt, kündigte die Fluglinie an.
Von einer Zurückhaltung bei Flügen auf die Balearen ist derzeit nichts zu spüren. Für den Sommerflugplan sieht Javier Gándara, der auch Präsident der spanischen Airline-Vereinigung ALA ist, einen Anstieg der verfügbaren Sitzplatzkapazitäten für Mallorca um rund zwei Prozent auf dann etwas mehr als 33 Millionen Plätze.
Spanien steht besser da
Sowohl in Deutschland als auch in Spanien bemühen sich Politikerinnen und Politiker, die vergleichsweise günstige Versorgungssituation beider Länder zu unterstreichen. Spanien ist bei den Importen nur geringfügig von den von der Krise betroffenen Ländern im Nahen Osten abhängig und raffiniert zudem fast den gesamten Kerosinbedarf im eigenen Land.
Nach Angaben der Zeitung „La Vanguardia“ importiert Spanien mit 15 Prozent an der Gesamtmenge das meiste Öl aus den USA. Auf Platz zwei folgt Brasilien mit knapp 13 Prozent vor Mexiko mit rund zwölf und Nigeria mit elf Prozent. Laut der zuständigen Ministerin für Ökologischen Wandel, Sara Aagesen, muss nur ein Anteil von fünf Prozent der Erdölimporte und zwei Prozent der Gasimporte durch die Straße von Hormus gelangen.
85 Prozent des in Spanien benötigten Kerosins werden in den acht Raffinerien hierzulande hergestellt. Man habe genügend Kapazitäten und könne anderen europäischen Ländern im Fall angespannter Versorgungslage aushelfen, sagte Aagesen. Deutschland steht ebenfalls bisher gut versorgt da, hier kommen allerdings 40 Prozent des Öls aus dem Nahen Osten. Kerosin kann in den Raffinerien des Landes aber hergestellt werden.
Die Ansprüche der Passagiere
Ganz eindeutig sind die Regelungen im Falle von Flugstreichungen aufgrund von Kerosinmangel bisher nicht. Fest steht aber: Wird ein Flug bis zu 14 Tage vor dem Flugantritt annulliert, haben Passagiere keinen Anspruch auf Entschädigung. Sie können von der Fluggesellschaft einen Ersatzflug zu einem anderen Zeitpunkt verlangen oder die Erstattung des Ticketpreises. Wird kurzfristiger annulliert, könnte es sein, dass ein Anspruch auf Entschädigung greift. Das müssen aktuell Gerichte klären.
Tui-Chef Sebastian Ebel hat bereits ausgeschlossen, dass bei Flugstreichungen wegen Kerosinmangels Entschädigungen gezahlt werden. Er verweist auf „höhere Gewalt“. Laut der Verbraucherzentrale „haftet die Airline dann nicht, wenn sie nachweist, dass sie die Annullierung nicht verschuldet hat“. Das muss wohl jeweils im Einzelfall geklärt werden.
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