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Mallorcas "Teufelsbalkon": Wandern bis zur Gänsehaut

Wandern mit der MZ: Coll de Sa Gramola – Mirador d’en Josep Sastre: Eine leichte Tour bei Andratx zu einem Aussichtspunkt mit Höhenangst-Garantie

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Der Höhepunkt, obwohl nicht höchster Punkt, dieser Wanderung ist der „Mirador d’en Josep Sastre“, von Hobby-Dramatikern auch „Teufelsbalkon“ genannt: ein unscheinbarer, schmucklos ummauerter Aussichtspunkt direkt am Abgrund. Wer sich über die Brüstung lehnt, schaut mehr als 400 Meter senkrecht in die Tiefe. Waagrecht bietet der Blick eine herrliche Perspektive der Insel Dragonera.

Drei Routen führen zum Mirador: von Sant Elm über Sa Trapa, von S’Arracó und vom Coll de Sa Gramola. Die hier beschriebene Rundwanderung beginnt beim letztgenannten Pass (coll) und startet auf einem sehr großen Parkplatz, ein wichtiger Pluspunkt, zu finden linkerhand an der Verbindungsstraße von Andratx nach Estellencs, dort wo sich die Landschaft zur Nordküste auftut.

Einer der stillsten Winkel der Tourismus-Hochburg

Diese Route führt durch einen der stillsten und naturbelassensten Winkel dieser Tourismus-Hochburg und bietet die Wahl zwischen zwei Varianten, je nach Zeitbudget, Wanderlust und Kondition: Vom Parkplatz am Coll de Sa Gramola zum Mirador und auf demselben Weg wieder zurück, oder man biegt nach etwa zwei Drittel der Strecke links ab auf einen ebenso breiten Weg, der zunächst hinunter ins Tal führt, und zieht eine Schleife über den Puig de ses Basses, höchster Punkt der Wanderung und mit „Berggipfel“ etwas pompös tituliert angesichts seiner schüchternen 493 Höhenmeter. Danach steigt man zum Mirador ab und geht zum Parkplatz zurück, wobei man nach etwa einer halben Stunde auf denselben Weg stößt, den man bereits beim Hinweg genommen hat.

Ist die etwa 3,5 Kilometer längere Variante die Mühe wert? Wer die körperliche Anstrengung dosieren möchte, ist mit der Hin- und Zurückvariante besser bedient, zumal mit der Schleife zunächst etliche Höhenmeter verloren gehen, die man sich erst wieder zurückholen muss. Allerdings hat der unproblematische, weil nicht allzu steile Aufstieg entlang eines Bergrückens namens Paret des Moro seine Reize. Die Vegetation ist bei aller Diskretion attraktiv, und je nach Wetterlage sind auf dem Bergkamm, wenn es zum Puig de ses Basses geht, großartige Ausblicke zu genießen. An besonders klaren Tagen ist hinter Sa Dragonera ein Schatten am Horizont sichtbar, der sich als die Nachbarinsel Ibiza entpuppt, Luftlinie circa hundert Kilometer entfernt.

Hier geht es los

Zurück zum Anfang. Die Route verläuft zunächst über einen komfortablen Feldweg durch weitläufiges Hügelgelände mit nur vereinzelten Bäumen. Aufgrund der kärglichen Vegetation wundert man sich über die zahlreichen Steinterrassen, die zwar großteils verfallen und in schlechtem Zustand sind, aber nahezu alle Hänge durchziehen. Normalerweise ein Anzeichen für Landwirtschaft, die man sich jedoch schwer vorstellen kann angesichts der Bodenverhältnisse. Außer dem unfassbar malerisch gelegenen Landgut Es Ratjolí tief unten im gleichnamigen Sturzwassergraben (sichtbar gleich auf den ersten Metern der Route) sind nirgendwo Gehöfte zu sehen. Die Recherche ergibt aber, dass in dieser heute so verlassenen und kargen Ecke in früheren Jahrhunderten Landwirtschaft betrieben wurde, unter anderem Getreideanbau. Eines der historischen und schon im 13. Jahrhundert dokumentierten Landgüter gab dem Passübergang auch seinen Namen: die Possessió de la Gramola.

Die Zone gehörte zu den am härtesten getroffenen des verheerenden Waldbrands von 2013, den ich nachts am Steuer eines Segelboots, von Ibiza kommend und aus gut fünfzig Kilometer Entfernung als monströsen Feuerschein am Horizont beobachten konnte. Entlang des Weges zeugen noch heute verkohlte Baumreste von der Zerstörung, welche die karge Vegetation zumindest teilweise erklärt. Alleine in Andratx sind damals 2.400 Hektar niedergebrannt, gut ein Viertel des gesamten Gemeindegebiets. Im Grunde genommen führt die Route durch ein Katastrophengebiet, das sich auch nach 13 Jahren noch nicht vollständig erholt hat, insbesondere was den Baumbestand anlangt. Zahlreiche Freiwillige haben bei der Wiederaufforstung geholfen, die sich unter anderem auf den Bereich nahe dem Coll de Sa Gramola konzentrierte. Aufgrund der vielen Wildziegen muss allerdings jeder Setzling mit einem Drahtkäfig geschützt werden, um nicht sofort abgefressen zu werden, was die Arbeit entsprechend erschwert.

Die Wanderung inklusive Schleife über den Puig de ses Basses geht man am besten im Uhrzeigersinn, damit die schönsten Blicke nicht gleich zu Beginn weggefrühstückt werden, sondern quasi zur Belohnung in der zweiten Hälfte. Vom Gipfelchen des Puig präsentieren sich die Nordküste und viele der großen Tramuntana-Berge in ihrer ganzen Pracht, bis hin zum Puig Major.

Die Perle: der Mirador

Doch die Perle der Wanderung ist und bleibt der besagte Mirador d’en Josep Sastre. Wer nicht schwindelfrei ist, dem wird sich beim Blick nach unten zuverlässig der Magen umdrehen. Zumal direkt neben der hüfthohen Mauer eine Terrasse ohne jede Absicherung auf nervenstarke Scherzbolde wartet, die ihre Begleiter mit einem Picknick am Abgrund in Panikattacken treiben. Trotz meiner Bemühungen konnte ich bislang nicht klären, wer dieser Josep Sastre war, nach dem die Aussichtsterrasse benannt ist. Meine Recherche dazu fraß mehr Zeit als die ganze Wanderung. Das Internet präsentierte als möglichen Kandidaten den Schützenkönig des FC Barcelona des Jahres 1929. Warum nicht? Fußballverrückt ist die Wanderszene ja bestimmt auch.

Doch nirgendwo eine Bestätigung. Ich lese Dutzende Wanderberichte, doch scheint es, als hätte niemand jemals diese Frage gestellt. Der Eindruck verstärkt sich mit einem Anruf bei der Touristeninformation der Gemeinde Andratx. Dort teilt man nach anfänglicher Ahnungslosigkeit mit, Josep Sastre sei Präsident des 1905 gegründeten Foment de Turisme gewesen, der den Mirador gebaut hat. Und schöne Grüße von der KI …

Die Lösung klingt so banal, dass ich mich kurz schäme, nicht selbst darauf gekommen zu sein. Allerdings spuckt das Internet keinen Tourismusförderungspräsi dieses Namens aus. Also Anruf beim Fomento. Niemand hat dort je von einem Josep Sastre gehört. Ich werde an einen erfahrenen Fomento-Wanderführer verwiesen, der auf Mallorca jeden Stein kennt. Aber leider nicht den Namensgeber des Miradors. Er mutmaßt, es könne sich um einen beliebten lokalen Bergfex handeln, dem man eine Freude machen wollte. Das meinen auch zwei weitere Wanderführer, die ich kontaktiert habe.

Fazit: Die KI ist für Wanderungen auf Mallorca kein zuverlässiger Begleiter. Und der Name eines der spektakulärsten Aussichtspunkte der Insel bleibt vorläufig ein Rätsel.

Distanz (ohne/mit Schleife): 9/12 km

Netto-Gehzeit (ohne/mit Schleife): 2 Std. 40 Min. / 3 Std. 30 Min.

Höhenunterschied (ohne/mit Schleife): 100/360 m

Schwierigkeitsgrad: **

Anfahrt: Andratx nach Estellencs, kurz vor Kilometerstein 106 großer Parkplatz links.

Tourencharakter: Leichte Wanderung, gut für Familien geeignet, für die Variante mit Schleife sollte man einigermaßen fit sein.

Tipps: Ausreichend Wasser mitbringen. Auf Sonnenschutz achten und/oder an heißen Tagen die Tagesmitte eher meiden, da auf der gesamten Strecke nur punktuell Schatten für eine Rast verfügbar ist.

GPS-Track: Hier

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