Wandern auf Mallorca: Die Drei-Höhlen-Route vor Palmas Haustür
Son Quint – eine perfekte Tagesrand-Wanderung für Stadtmüde: ein historischer Weg, viel Underground und sogar Graffiti
2024 erwarb das Rathaus von Palma für 1,5 Millionen Euro am nördlichen Stadtrand ein 2.885.325 Quadratmeter großes Grundstück, das alle Attribute eines Abenteuerspielplatzes hat: ehemaliger Steinbruch, alte Gipsminen, Naturhöhlen, die Reste eines 800 Jahre alten gepflasterten Karrenwegs und Anhöhen, auf denen sich die Ortskenntnisse bezüglich Palma und Umland testen lassen. Durch dieses Wunderland namens Son Quint führt die hier vorgeschlagene Wanderung.
Das Thema Parkplätze lässt sich mit Achselzucken abhaken, denn die Route beginnt in einer beschaulichen Wohnsiedlung mit sehr viel Raum fürs Gefährt. Die moderne Umgebung mit Golfplatz und höherpreisigen Chalets soll nicht täuschen, vom ersten Meter an wandelt man auf einer historischen Route. Ein Blick auf den Stadtplan verrät, dass über den heutigen Carrer Industria, dann Carrer Dragonera, Camí de Son Rapinya und schließlich Golf Son Quint eine nahezu gerade Linie gezogen werden kann vom Zentrum der Inselmetropole bis in die Tramuntana, wo es dann kurviger weitergeht Richtung Puigpunyent.
Dieser Wald gewinnt keinen Schönheitswettbewerb
Anfangs ist eine gute Portion Fantasie nötig, um die historischen Schwingungen einzufangen, denn der Weg beginnt einigermaßen unromantisch mit einem Flachstück durch einen Wald, der keinen Schönheitswettbewerb gewinnen wird, gefolgt von einem ziemlich mühsamen Aufstieg. Was diesen ersten Teil der Strecke rettet, ist der Blick auf Palma, der sich nach wenigen Höhenmetern öffnet, und später das Speckgürtel-Panorama.
Um Begleitern diese Route schmackhaft zu machen, vergleiche ich sie mit dem Drei-Köstlichkeiten-Reis chinesischer Restaurants, und verschweige dabei, dass dies eine klassische Resteverwertungs-Speise ist. Die Tour hat nämlich drei große Attraktionen unterirdischen Charakters. Das hat einerseits mit der Tendenz der Insel zu tun, einen Schweizer Käse nachzuahmen (auf Mallorca sind mehrere Tausend Naturhöhlen registriert), andererseits mit der Vergangenheit dieses hügeligen Waldgeländes als Lieferant von Gips und Gestein für die Bauwirtschaft. Kenner sprechen von mehreren Kilometern Höhlensystemen und Minentunnel, die sich unter dem Hügelgelände verbergen.
Nachdem der erste große Aufstieg bewältigt ist und der Weg endlich in waldiges Idyll eintaucht, führt ein Abstecher zu einem kleinen Höhlenkomplex namens Cova dels Coals. Diese Naturhöhle wurde als Gipsmine genutzt und hat mehrere Eingänge. Der größte ist einigermaßen spektakulär. Von allzu forschem Eindringen sei gewarnt, denn die Stadtverwaltung hat nach dem großen Täterä des Erwerbs wenig getan, um Son Quint zum angekündigten Freizeitparadies zu machen. Das bedeutet, dass selbst möglicherweise vom Einsturz bedrohte Höhlen nur halbherzig verschlossen sind, wenn überhaupt, und man nicht unbedingt sein Leben auf die Stabilität der Hohlräume setzen sollte. Aber die Cova dels Coals ist schon vom Eingang her ein Prachtstück.
Weiter geht es zum nächsten Aufstieg, noch steiler und mühsamer, bis man auf der Serra de Son Marrill steht und sich über einen fantastischen Blick auf das Tal dahinter freuen kann, einschließlich prachtvolles Landgut. Im sichttoten Raum unterhalb läuft der Sturzwassergraben Sa Riera vorbei, der später durch den Paseo Mallorca ins Meer mündet.
Gewirr an Wegen und Pfaden
Ab dieser Stelle macht sich die Verwendung einer Wander-App bezahlt, denn das Gelände von Son Quint ist ein wahres Gewirr an Wegen und Pfaden. Sobald es flach wird, sollte man sein Adlerauge aktivieren, denn linker Hand im Wald lauert eine aufgelassene Gipsmine, deren Hohlräume immer wieder die Oberfläche durchbrechen. Daher Vorsicht beim Verlassen des Weges, damit man nicht in eines dieser Löcher plumpst. Barmherzige Seelen haben über einige Äste gelegt, um die schusseligeren unter den Waldläufern im doppelten Wortsinn vor Gips zu bewahren.
Apropos yeso: Das Material war vor allem für die Herstellung des mallorquinischen Zements nützlich.
Wir stoßen nun auf die noch erhaltenen Reste des gepflasterten Karrenwegs, der zumindest seit dem 13. Jahrhundert und möglicherweise bereits während der arabischen Herrschaft die Inselhauptstadt mit Puigpunyent verband. Hier gilt es, die Begleiter mit blumigsten Ausführungen über das mühsame Geschäft der Transporteure im 13. Jahrhundert einzulullen, denn obwohl es nun bergab geht, gehört dieser Abschnitt der Wanderung wegen der unsagbar groben Pflastersteine und des schlechten Zustands des Weges zu den unangenehmsten. Offenbar hat die Straßenverwaltung hier seit dem späten Mittelalter nicht mehr vorbeigeschaut.
Dann geht es rechts ab und wieder aufwärts, und wieder ist das Vorwärtskommen nicht ganz einfach. Es geht nämlich über einen schmalen Weg, der von Regenwasser ausgehöhlt ist, was gelegentlich Turnübungen erfordert. Auf einer meiner Wanderungen über diese Strecke habe ich hier ein Handy gefunden, das jemandem beim Herumturnen aus der Tasche gefallen war.
Distanz: 9 km
Netto-Gehzeit: 3 Std.
Höhenunterschied: 391 m
Schwierigkeitsgrad: ***
Die wunderbare Welt der Steinbrüche
Allmählich kommen wir dem Kernstück von Son Quint näher. Steinbrüche machen 7,8 der 2.885 Hektar aus, der zentrale zeigt sich auf dieser Route zunächst von oben. Bevor wir in die wundervolle Welt der aufgelassenen pedreres eintauchen, geht es wieder in den Untergrund: Sa Trinxeta heißt ein markanter Geländeeinschnitt, eine Art künstlich gebuddeltes Schlüchtchen, durch das es zu weiteren verlassenen Gipsminen geht. Gegen meinen Willen wurde ich von Begleitern (wahrscheinlich als Rache für den Karrenweg) in die untere Mine gezerrt, wo ein Tunnel zu einem größeren Höhlenraum führt, so tief im Berg, dass sich dort das Phänomen absoluter, tiefschwarzer Dunkelheit besichtigen lässt. Ich war froh, als ich wieder draußen war.
Nach einem weiteren sehr steinigen Weg bergab führt die Route über den Talboden des weitläufigen Steinbruchs, vorbei an reich mit Graffiti und Müll ausgestatteten Ruinen und dem Golfplatz Son Quint. Den Gag des Tages hält die Wanderung im Schlussstück bereit, wo der Friedhof von La Vileta wartet. Am Eingang verkündet ein Schild, man öffne irgendwann vor 9 Uhr und schließe irgendwann nach 18 Uhr. Eine coole Friedhofsverwaltung, die sich nicht festnageln lässt. Der Besuch lohnt, schon von außen ist etwa ein riesiger Jugendstil-Pantheon sichtbar, der Ricardo Roca gewidmet ist, einem bedeutenden Unternehmer und Kulturförderer.
Anfahrt: : Über die Umfahrungsstraße von Son Rapinya bis zum Camí de la Vileta, dort ist ausreichend Platz zum Parken. Nähe Green Valley International School.
Tourencharakter: Technisch einfache, jedoch wegen steiler Anstiege und steiniger Wege über weite Strecken mühsame Wanderung.
Tipps: Das Gelände von Son Quint erlaubt aufgrund des dichten Wegnetzes zahlreiche Varianten, zu denen man sich auch kurzfristig entschließen kann. Die Orientierung ist jedoch eine Herausforderung, die Wander-App daher empfehlenswert.
Die Route verläuft großteils im Schatten und ist daher auch für heißere Tage geeignet, bevorzugt am Tagesrand. Vorsicht in den unterirdischen Räumen, da sie nicht gesichert sind. Die Finca hat ihren eigenen Fanclub mit Zielsetzung Naturpark und einer sehr informativen Website: parcnaturaldeponent.cat
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