Fernreisen statt Wohnungskauf: Warum immer mehr junge Inselbewohner Glück auf Reisen statt im Eigenheim suchen
Junge Inselbewohner investieren ihr Erspartes lieber in lange Reisen als in klassische Lebenspläne. Zwei junge Frauen erzählen, warum sie Arbeit, Alltag und Zukunft neu denken

Paula bei einer ihrer Reisen in Indien. / privat
Auf Mallorca gibt es die Theorie, dass man einem Inselbewohner begegnet, egal wo auf der Welt man gerade ist. So traf MZ-Kulturredakteurin Brigitte Rohm in einem Boot in der Halong-Bucht in Vietnam auf eine Familie aus Binissalem. Und bei nahezu jeder Krise irgendwo auf der Welt haben die mallorquinischen Medien einen Inselbewohner parat, der etwas zum Vulkanausbruch, Attentat oder Krieg sagen kann.
„Wir können auf jeden Fall einen Trend unter jungen Menschen feststellen, die bereits im Arbeitsleben stehen und ihr Erspartes sowie ihre Urlaubstage dafür investieren, regelmäßig lange Reisen in ferne Länder zu unternehmen“, bestätigt Pedro Fiol vom Verband der Reiseveranstalter auf den Balearen (AVIBA). Statt wie früher eisern auf eine eigene Immobilie hin zu sparen, habe sich der Fokus verlagert. „Zumal viele, was die Frage nach Hypotheken angeht, ohnehin bereits das Handtuch geworfen haben“, so Fiol. So ist es auch bei Paula, die regelmäßig Fernreisen unternimmt. Von April bis Oktober hat die Krankenschwester zwei Jobs, um genügend Geld anzusparen: „Ich habe meinen festen Job im Krankenwagen. Nebenbei arbeite ich auch noch in einem staatlichen Krankenhaus“, sagt die 27-Jährige, die erst Ende März von ihrer China-Reise auf die Insel zurückgekehrt ist.
Es geht nicht um Erholung
In den vergangenen Jahren sei sie vor allem nach Asien gereist: Thailand, Türkei, Nepal, Vietnam, Kambodscha und Indien gehörten unter anderem zu ihren Reisezielen. „Es geht nicht mehr darum, den Urlaub als Erholung zu nutzen. Die jungen Menschen wollen weit weg, besondere Dinge sehen und Einzigartiges erleben, das sie auch persönlich weiterbringt. Es ist ein neuer Lebensstil“, sagt Pedro Fiol.
Mit 18 machte Paula ihre erste Reise ohne Familie, mit Freunden nach Italien: „Wir sind getrampt, haben viele Menschen kennengelernt und sind günstig durch das Land gereist“, sagt die 27-Jährige. Dadurch sei ihr klar geworden, dass genau diese Art zu reisen ihr Ding sei: ohne großen Luxus und planlos. Vor ihren Reisen wartet dennoch ziemlich viel Organisation. „Meine Katze bringe ich zu meinen Eltern nach Sevilla“, sagt die Krankenschwester. Ihr Hab und Gut verteilt sie zwischen dem Haus ihrer Eltern auf dem Festland und Garagen von Freunden auf der Insel.
Wenn sie dann ein halbes Jahr später wieder auf Mallorca ist, muss sie ihr Leben erst einmal neu aufbauen. „Einen Job im Krankenhaus finde ich superschnell. Leider – oder zum Glück – gibt es da immer eine große Nachfrage“, sagt die Krankenschwester. Die ständigen Umzüge seien zwar etwas stressig, meist verlaufe aber alles gut. Emotional sei sie nach der Reise oft aufgewühlt: „Etwas in mir hat sich dann verändert, aber die Zeit scheint auf der Insel stehen geblieben zu sein.“

Paula bleibt bei ihren Reisen immer lange in einem Land, um einen tiefen Einlick in einheimische Kultur zu bekommen. / privat
So wird es wohl auch sein, wenn sie im Oktober 2026 nach Mexiko fliegt. Danach soll eine längere Reise durch Lateinamerika folgen. „Planmäßig möchte ich im April 2027 wieder auf Mallorca sein“, sagt Paula. Auch wenn für junge Inselbewohner keine Sprachbarriere besteht, ist Lateinamerika weniger gefragt als Asien. „Grund dafür sind die höheren Preise. Viele Saisonkräfte auf den Balearen nutzen den Winter zum Reisen. Gleichzeitig fliegen auch viele lateinamerikanische Saisonarbeiter in ihre Heimat zurück“, erklärt Fiol.
Neuer Trend Australien
Paulas nächstes großes Ziel ist Australien – diesmal für ein ganzes Jahr. Dort will sie in verschiedenen Bereichen arbeiten, Geld sparen, ihr Englisch verbessern und Menschen aus aller Welt kennenlernen, die nicht in dem Beruf arbeiten, den sie studiert haben. „Ich möchte mir eine Pause von meinem Beruf als Krankenschwester nehmen. Ich liebe meinen Job, aber ich möchte mich nicht bis zum Burn-out kaputtarbeiten“, sagt die Sevillanerin.
Ein Jahr Work and Travel in Australien liegt derzeit bei jungen Spaniern stark im Trend. Meist reisen sie Mitte 20, mit Studium und Arbeitserfahrung in der Tasche, zu Kängurus und Koalas. So ist es auch bei Sandra, die derzeit als Psychologin in einer Wohnanlage für Menschen mit Behinderung arbeitet. „Noch traue ich mir nicht zu, allein außerhalb Europas zu reisen“, sagt die 25-Jährige, die es bald für zwei Wochen nach Bulgarien zieht, um dort allein in den Bergen zu wandern.

Sandra auf dem Jakobsweg in Galicien. Die 25-Jährige träumt davon, nach Australien zu reisen. / Privat
In eineinhalb Jahren soll es aber nach Australien gehen. „Ich freue mich darauf, Menschen kennenzulernen, die genauso ungewiss wie ich in die Zukunft blicken und einfach nur reisen und viel erleben wollen“, sagt sie. Am liebsten würde sie dort in einem Café als Barista arbeiten, sie sei aber offen für alles.
Zukunftspläne
„Ich war nie der Typ Mensch, der sich ein Haus kaufen und eine Familie gründen möchte“, sagt die Krankenschwester.
Auch Sandra sieht ihre Zukunft eher offen. „Ich könnte mir vorstellen, nur noch zu reisen, aber auch auf die Insel zurückzukehren oder auf dem Festland zu leben“, sagt die 25-Jährige. Sie würde sich auch gerne stärker als forensische Psychologin etablieren, also in dem Bereich, auf den sie sich spezialisiert hat. Auch Tätowiererin zu werden, könne sie sich vorstellen. Viele junge Menschen suchten heute nach neuen Lebensformen, die nicht immer zu den Vorstellungen älterer Generationen passten, sagt Paula. „Ich finde es wichtig, den eigenen Weg zu gehen und sich nicht von Angst aufhalten zu lassen – auch wenn man damit manchmal gegen den Strom schwimmt.“
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