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Wandern mit Nervenkitzel auf Mallorca: Zur alten Kanone über dem Meer

Anspruchsvolle Rundtour über die Halbinsel La Victòria und zu der erstaunlichen Geschichte der „Canó d’es Moro“

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Diese Route hat alles: steile Aufstiege, spektakuläre Ausblicke, eine schwindelerregende Passage, aber auch angenehme Waldwege. Darüber hinaus ist es eine Menü-Wanderung: zwei Abstecher kann man auslassen. Allerdings würde man damit beim ersten, nämlich dem zum Penyal de Migdia, auch Penya Roja genannt, ein Highlight versäumen. Dort wartet in einsamer Höhe eine befestigte Plattform mit einem Kanönchen darauf, dessen Geschichte so beeindruckend ist wie der Ausblick.

Aber der Reihe nach. Vom Parkplatz unweit des Inselchens S’Illot und einer Jugendherberge, die beim Start der Route gelegentlich für den markanten Klassenreise-Soundtrack sorgt, geht es zunächst durch einen Sturzwassergraben und einen steilen Waldweg zur Ermita de la Victòria, einer Einsiedelei, die in ihrer mehr als 700-jährigen Geschichte zweimal von Piraten überfallen und geplündert wurde. Hier ahnt der analytische Leser schon den Zusammenhang mit der erwähnten Kanone.

Weiter geht es zu einem der wenigen Orte, an denen ich beim Wandern mit Vandalismus in Berührung gekommen bin: Ses Tres Creus, die drei Kreuze. Der Überlieferung zufolge haben vor 700 Jahren Hirtenkinder hier ein Madonnenbild gefunden, was zur Gründung der Einsiedelei führte. Im Januar 2025 fand ich die beiden flankierenden Holzkreuze zerstört vor. Das mittlere ist aus Stein und war den Idioten wohl zu hart. Die Holzkreuze wurden mittlerweile repariert.

An der Kette entlang

Eine Weile geht es auf einem breiten Fahrweg durch den Wald, bis zu einer Abzweigung, wo man sich entscheiden kann, den Abstecher zum Kanonengipfel zu unternehmen oder weiter direkt zur Atalaia d’Alcudia zu gehen, dem höchsten Punkt der Wanderung und wegen des großartigen Ausblicks auf beide Buchten, der von Alcúdia und der von Pollença, für sich allein ein lohnendes Ziel. Was würde man versäumen? Zunächst einen wundervollen Weg entlang eines bewaldeten und immer steileren Abhangs. Dann gelangt man zu einem am Fels klebenden überwölbten Durchgang und einem schmalen Gehweg, der wegen des fehlenden Geländers bergseitig mit einer Kette gesichert ist, an der man sich festhalten kann.

Anmerkung zum Thema „schwindelfrei“: Viele Beschreibungen erwähnen Trittsicherheit und Schwindelfreiheit als erforderlich. Trittsicherheit ist bestimmt Voraussetzung, tollpatschiges Herumstolpern ist hier ein No-go. Schwindelfreiheit sehe ich differenziert. Ich bin nicht schwindelfrei und habe diese Wanderung bereits vier Mal gemacht. Zugegeben, beim ersten Mal flatterten mir die Hosen. Als mir dann eine fröhliche südamerikanische Familie mit Oma, Kind und Zwergpudel entgegenkam (mit Anden-Genen?), sah ich das Thema relativiert. Die Kernfragen lauten: Bekomme ich die Höhenangst unter Kontrolle? Erkenne ich, wenn es zu haarig wird? Und bin ich klug genug, gegebenenfalls umzukehren oder eine mögliche Umkehr einzuplanen? Wenn jeweils ja: grünes Licht, auch wenn nicht schwindelfrei.

Nach dieser Passage öffnet sich ein großartiger Blick auf das verborgen und unverschämt idyllisch gelegene militärische Sperrgebiet Cap d’es Pinar. Ebenfalls zu sehen sind die Bauten, die hier als Bestandteil einer Befestigungsanlage errichtet wurden, unter anderem Unterkünfte und ein Wasserdepot. Dann noch eine Kletterpartie, die keine alpinistischen Talente erfordert, und man steht auf dem 358 Meter hohen Penya Roja, mit seiner Kanone.

Kontrolle der Zugänge zu den Buchten

Wer hat sie warum, wie und wann hier raufgeschafft? Das Warum ist mit dem Blick beantwortet: Die Position kontrolliert die Zugänge zu allen kleinen und großen Buchten eines gewaltigen Küstenabschnitts, der von Formentor bis zur anderen Seite der Bucht von Alcúdia reicht. Nötig war diese Kontrolle wegen der Bedrohung durch nordafrikanische Piraten, auf die auch die Errichtung der Wachtürme entlang der gesamten Inselküste zurückgeht.

Überliefert ist die angebliche Reaktion des Baumeisters, als ihm der Capitán mitteilte, dass da jetzt Artillerie raufmüsse: „Ich pfeife auf die Kanone!“ Kurioserweise ist die Quittung jenes Arnold-Schwarzenegger-Urahnen erhalten, der mit seinen Leuten nach einem gescheiterten Versuch mit einem größeren Stück das „leichtere“, aber immer noch deutlich mehr als eine Tonne schwere Eisentrumm auf den Gipfel brachte. Ein gewisser Pere Ferrer aus Capdepera erhielt für das Meisterstück am 14. Juli 1630 die ansehnliche Summe von einer Libra-Münze, Edelmetallwert heute um die 250 bis 400 Euro, jedoch nach damaliger Kaufkraft mehrere Arbeiter-Monatslöhne. Der ehrgeizige Plan, hier eine ganze Küstenbatterie zu errichten, scheiterte letztlich an den Tücken des Geländes. Genau diesen ist zu danken, dass das historische Stück bis heute dort steht, denn andernorts wurden die Küstenkanonen durch modernere ersetzt oder recycelt.

Was konnte diese Kanone außer Krach noch machen? Im 17. Jahrhundert waren Präzisionsschüsse bis maximal 500 Meter möglich. Einiges deutet darauf hin, dass die „Canó d’es Moro“ (Maurenkanone) nur Signalschüsse abgeben sollte, um die Küstenorte zu warnen.

Nach dem Kanonen-Meeting geht es auf demselben Weg zurück und auf die Talaia d’Alcudia (445 Meter), wo noch die Grundfeste eines im 16. Jahrhundert errichteten Wachturms stehen, heute einer der schönsten Ausblickspunkte der Insel.

Eher theoretischer Abstecher

Ein schmaler Fußweg führt danach weiter zum Coll Baix, wo theoretisch ein Abstecher zu einem Traumstrand möglich ist, der in meinem Track auch zu sehen ist. Das Problem: Der Weg beginnt „schön“, mit rustikalem Geländer und dem nonverbalen Versprechen, dass er bis zum Strand führt. Doch dem ist leider nicht so. Unten warten ein Gewirr an Pfaden und die Frage, ob man über Küstenfelsen turnen möchte, um zur Platja des Coll Baix zu gelangen. Ich habe kanonenmäßig drauf gepfiffen. Viele Touristen, die hier hoffnungsfroh unterwegs waren, vielfach mit Badeschlappen, kapitulierten vernünftigerweise vor dem letzten Stück Weg. Ich habe hier schon einen Rettungseinsatz miterlebt, weil es einen Strandenthusiasten auf die Felsen geklatscht hatte.

Der Rest der Route verläuft auf leicht zu gehenden Wegen und Pfaden, zieht sich nur am Schluss etwas. Fazit: Wohl eine der schönsten Wanderungen im Nordosten der Insel, mit wunderbaren Stellen zum Verweilen, jedoch anstrengend und in Teilen anspruchsvoll.

Distanz (ohne Strand): 14 km

Netto-Gehzeit: 4 Std.

Höhenunterschied: 732 m

Schwierigkeitsgrad: ****

Anfahrt: Ab Alcúdia Richtung Mal Pas und La Victòria, mehrere Parkplätze gegenüber dem Inselchen S’Illot.

Tourencharakter: Streckenweise anspruchsvoll, Höhenangst-Kontrolle, Trittsicherheit und solide Kondition erforderlich.

Tipps: Mindestens sechs Stunden einplanen, um auf den beiden Gipfeln und dem Jausenplatz am Coll Baix genügend Zeit zu haben. Der Strand ist trotz eines anfänglich komfortabel erscheinenden Weges über Land nur schwer zu erreichen, Kraftreserven korrekt einschätzen! Am besten frühmorgens losgehen, der letzte Part verläuft dann in weiten Teilen im Schatten. Ausreichend Wasser mitbringen. Bei Regengefahr meiden, weil einige Streckenteile direkt durch Sturzwassergräben verlaufen.

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