Verborgene Mallorca-Wanderung: Wo ein Höllenweg zu einer prähistorischen Höhle führt
Kurze Route an Mallorcas offiziell längstem Sturzbach zu den Geheimnissen eines prähistorischen Bauwerks
Der Wanderweg-Charakter ist auf dieser Route eher selten, der Großteil der Distanz verläuft über enge asphaltierte Landstraßen. / Thomas Fitzner
Als ich diese Wanderung bei Petra zum ersten Mal in Angriff nahm, erwartete ich mir weder berauschende Ausblicke noch beeindruckende Landschaften. Ich hatte die Route als leichte Teststrecke ausgewählt, um herauszufinden, ob mein fünf Monate zuvor gebrochener Knöchel wieder voll funktionsfähig war. Und erlebte eine Überraschung: Die alles andere als aufregend scheinende Route führte mich in ein verborgenes Tal, an dem ich Tausende Male auf dem Weg nach Manacor ahnungslos vorbeigerauscht war. Und als Hauptattraktion wartete eine Höhle mit prähistorischer Vergangenheit.
Ebenso fand ich erst später heraus, dass durch dieses Tal Mallorcas offiziell längster torrent führt (Sturzwassergraben oder „Teilzeitbach“): Der Torrent de na Borges entwässert eine Region von 330 Quadratkilometern und hat seinen Ursprung zwischen Porreres und Felanitx. Er verläuft dann Richtung Norden an Petra vorbei durch das besagte Tal (Vall de sa Nou) und mündet nach insgesamt 40 Kilometern bei Son Serra de Marina am Strand Platja de na Canova ins Meer. Um alle zu verwirren, die seinen Verlauf auf einer Karte nachvollziehen wollen, wechselt er mehrmals den Namen und tritt etwa als Torrent de Vall, Rieró de na Borges und Torrent de Son Valls auf.
Anmerkung: Die Literatur führt den Torrent als längsten Mallorcas. Jedoch verrät ein Blick auf eine hydrologische Inselkarte, dass der Torrent de Muro alias Torrent de Vinagrella, der das Feuchtgebiet S’Albufera mit Süßwasser speist, als zusammenhängendes Entwässerungssystem bedeutend länger ist. Allerdings wird dort als km 0 der bei Inca liegende Zusammenfluss zweier anderer Sturzwassergräben mit weit auseinanderliegenden Ursprungsgebieten herangezogen. Daher der Zusatz „offiziell“ längster torrent.
Nur punktuell idyllischer Anfang
Der Auftakt der Wanderung führt durch eine nur punktuell idyllische Gegend mit unromantischen Agrar-Vibes, aber schmackhaften Resultaten: In der rotschwarzen Erde gedeihen inselweit geschätzte Wasser- und Honigmelonen. Die Route verläuft hauptsächlich über einfach zu gehende, vielfach asphaltierte Wege. Kurz nach Beginn der Strecke tauchen wir in einen etwas wilderen Abschnitt mit dem beunruhigenden Namen Camí de l’Infern ein – Höllenweg. Es folgt ein umzäuntes Gelände mit kontaktfreudigen Eseln und einem Schild, das – wenn die Obra Cultural Balear davon erfährt – einen Shitstorm auslösen wird, weil es mitten im ruralen Kern der Insel nur auf Englisch das Füttern der Tiere verbietet.
Wer landschaftliches Drama sucht, ist mit dieser Route schlecht bedient. Die Reize des Inselinneren sind die sanften Hügel, die friedvolle Ländlichkeit und vielfach malerisch platzierte Anwesen – und manche weniger malerische. Was jedoch bald nach der Ankunft im Talboden ins Auge sticht, sind die gewaltigen Schilfbestände. Genau die und der damit zusammenhängende Wasserreichtum haben dazu geführt, dass hier Mühlen errichtet wurden, die u. a. einer Papierfabrik dienten. Die Reste derselben sind weiter im Norden des Vall de sa Nou zu sehen, allerdings muss dafür eine andere Route gegangen werden, da geschlossenes Privateigentum das Tal sperrt. Daneben gab es in der Nähe auch Getreide- und Zuckermühlen. Eine Getreidemühle wurde sogar nach 1945 aufgrund des kriegsbedingt grassierenden Mangels an Lebensmitteln für kurze Zeit wiederhergestellt und neu in Betrieb genommen.
Wundervoll am Hang gelegen wartet am Ende der Tal-Tour ein Landgut namens Torre Vella, an dem unser Weg aus dem Vall de sa Nou herausführt. Bald danach eine Abzweigung rechterhand: Hier beginnt der Abstecher zur Cova del Voltor, auch als Cova dels Coltors oder Cova de Son Montserrat bezeichnet. Ein Tor sperrt den anfangs komfortablen Feldweg für Fahrzeuge und lässt sich problemlos öffnen.
Verschlossenes Tor kann passiert werden
Allerdings habe ich bei meiner zweiten Tour auf dieser Route ein weiteres Tor etwa auf halber Strecke zur Höhle mit einem Vorhängeschloss abgesperrt gefunden. Ist das der Fall, umrundet man das Gebäude am Tor linkerhand, wo ein Mauerdurchbruch das Weiterkommen ermöglicht. Aus zwei Gründen halte ich das für legitim: 1) Das Tor ist für Fahrzeuge angelegt und nirgendwo verbietet ein Schild den Durchgang. 2) Der gewichtigere Grund: Die Gemeinde Petra hat im Oktober des vergangenen Jahres das Grundstück mit der Höhle erworben, es handelt sich somit um öffentliches Eigentum und ein beliebtestes Ausflugsziel auch für die Dorfbewohner, die üblicherweise den kürzeren direkten Weg nehmen. Darüber hinaus wurde die Cova del Voltor schon 2008 zum kulturell wertvollen Gut (BIC) erklärt. Das hatte offenbar mit einem Alarmschrei von Archäologen im selben Jahr zu tun, denn ein Blick aufs Satellitenfoto verrät, dass sich genau über der Höhle direkt hinter der Geländekante ein gewaltiger moderner Marès-Steinbruch befindet. Dessen Buddlerei hatte sich der historischen Geierhöhle bis auf 20 Meter angenähert.
Zurück zur Route: Nach dem Tor oder der Umgehung geht es vom Feldweg, der zu einer Finca führt, linkerhand ins Gebüsch, und der Weg wird steinig, schmal und ist teilweise auch überwachsen. Kein Problem für eine minimal geländegängige Person. Nach ein paar Minuten Dschungelpfad steht man vor einer Höhle, die von Talaiot-Freaks als eines der schönsten Beispiele für prähistorischen Underground bezeichnet wird.
Noch nicht systematisch erforscht
Behausung oder Grabstätte? Die Frage der ursprünglichen Nutzung ist bis heute ungeklärt, weil die Cova del Voltor noch nicht systematisch erforscht wurde. Klar scheint nur, dass diese natürliche Kalksteinhöhle von den Inselbewohnern der Eisenzeit bis circa 500 vor Christus ausgebaut wurde, daher die schönen Säulen. Spätere Bewohner der Region haben die Cova als Viehstall und für den Abbau von Marès (Sandstein) genutzt.
Bei meinem letzten Besuch machte die Geierhöhle ihrem Namen Ehre, tatsächlich kreiste ein imposanter Aasfresser über ihr. Allerdings hatte auch ein Bienenschwarm den Charme der Örtlichkeit erkannt und sich in einem Loch der Höhendecke ein Nest gebaut. Als Picknickplatz und für Leute mit Apiophobie (Angst vor Bienen) somit nur bedingt zu empfehlen. Fazit: Eine leichte Wanderung, besonders empfehlenswert für historisch und ethnologisch Interessierte, und ein Genuss für Fans der diskreten Schönheit der Insel abseits von Küste und Bergen.
Distanz: 10 km
Netto-Gehzeit: 2 Std.
Höhenunterschied: 156 m
Schwierigkeitsgrad: *
Anfahrt: Auf der Straße Sineu-Manacor nach dem Kreisverkehr bei Petra die erste Abzweigung links auf eine schmale Landstraße, dann die erste größere Abzweigung rechts hinein und einen Platz fürs Auto suchen.
Tourencharakter: Leichte, kurze Wanderung mit einem steinigeren Abstecher, der aber kein Problem darstellt.
Tipps: In der warmen Jahreszeit eher am Tagesrand. Obwohl die Wanderung großteils über asphaltierte Wege verläuft, ist wanderfähiges Schuhwerk empfehlenswert.
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