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Mallorcas vergessene Wildnis: Eine Wanderung durch die düstere Vergangenheit des Parc de Llevant

Eine Wanderung durch den wild-romantischen Parc Natural de Llevant zeigt: Nicht alles war früher besser

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An den markanten Orten dieser Route könnte man einen Gedenkstopp einlegen. Dass wir überhaupt diesen weitgehend naturbelassenen Winkel im Osten Mallorcas nahezu uneingeschränkt genießen können, verdanken wir einigen beherzten Aktivisten und Politikern. Einer – der Bürgermeister von Son Servera – kam nur dank des Eingreifens der Guardia Civil ungeschoren davon, als am 11. Mai 2000 um die 400 Landbesitzer das Rathaus stürmten, um gegen die geplante Deklaration der Serra de Llevant zum Naturschutzgebiet zu protestieren.

Ein Vergleich der damaligen Pläne mit den heutigen Grenzen des Parc Natural zeigt, dass das Projekt ursprünglich noch viel ambitionierter war. Die gesamte Serra de Llevant (Ostgebirge, die kleine Schwester der Tramuntana) sollte unter Schutz gestellt werden. Dagegen gingen Landeigentümer, Jäger und Bauern auf die Barrikaden, weil sie ihre Nutzrechte eingeschränkt sahen. Übrigens mit Erfolg, das Gemeindegebiet von Son Servera blieb außen vor. Doch immerhin: Knapp 11.000 Hektar Land machen den Parc Natural heute aus und werden von der balearischen Forstverwaltung Ibanat gepflegt.

Die hier vorgeschlagene Route zieht eine große Schleife durch dieses Naturschutzgebiet und ist nur eine von vielen Varianten, die das gut ausgebaute Wegenetz zulässt. Der Parc ist darüber hinaus ein Paradies für gemütlichere Mountainbiker, die auch ohne lebensgefährliche Stunts ganz gut zurechtkommen.

Die Anfahrt ist ein Erlebnis

Wir starten auf dem Parkplatz des Besucherzentrums, das in einem historischen Landgut eingerichtet ist. Schon die Anfahrt von Artà ist ein Erlebnis, nicht nur weil die Landstraße äußerst schmal ist und volle Konzentration erfordert, sondern vor allem wegen der friedlichen Ländlichkeit, in die man schon eintaucht, bevor der erste Wanderschritt getan ist.

Ab dem Parkplatz eine weitere angenehme Überraschung: Die Wege sind gut beschildert, um hier die Orientierung zu verlieren, muss man sich anstrengen. Die vorgeschlagene Route führt zunächst auf einem Feldweg sanft bergauf bis zu einer Anhöhe, von der an klaren Tagen die Nachbarinsel Menorca erspähbar ist. Dann geht es durch ein malerisches Tal sanft bergab Richtung Küste. Bei meiner Wanderung brummte gelegentlich ein gelber Land Rover von Ibanat vorbei, mehrere Teams waren mit Renovierungsarbeiten auf einer zu diesem Zweck abgesperrten Nebenstrecke beschäftigt.

Manchmal erscheint die Bemutterung durch die Parkverwaltung erratisch. So stoße ich kurz vor der Küste auf einen Abstecher, der sich „Mirador de Sa Senyora“ nennt und laut Piktogramm einen fotogenen Ausblick verspricht, der den insgesamt 400 Meter langen Abstecher rechtfertigt. Als ich mich dort umsehe, komme ich zum Schluss, dass die Namensgebung etwas Frauenfeindliches hat. Denn ich lade zu einer Challenge ein: Wer es schafft, vom „Ausblickspunkt der Dame“ ein Foto zu machen, das auf Instagram mehr als zwei Likes erhält, darf an der Cala de sa Font Salada nackt in die Wellen springen. Oder muss. Aber für eine Jausenpause ist der aussichtslose Platz durchaus angenehm. Ich überrasche dort eine Ibanat-Brigade beim Kräfteschöpfen.

Ein Stück an der Küste entlang

Teilweise durch Kiefernwald verläuft der breite Feldweg bis zum Meer, auf das wir an der genannten Cala (kleine Bucht) stoßen. Ein kurzes Stück geht es hier die Küste entlang, ein einsamer Picknick-Baum bietet Schatten, und ich beobachte die Insassen einer Luxusyacht, die ihre Wasserspielzeuge ausprobieren, allen voran ein Lift Foil, diese motorisierten Surfboards, mit denen besonders coole Jungs und Mädels über den Wellen schweben. Ich sehe eine Weile zu, aber die erhoffte Kollision des Unterwassermotors mit einem Unterwasserfelsen bleibt aus. Wir lernen: Man darf sich von einer Wanderung im Parc de Llevant nicht zu viel erhoffen. (Trigger-Entwarnung: Das war ein ironischer Einschub, um die nicht für alle erträgliche XL-Dosis an stiller Friedlichkeit zu konterkarieren).

Bevor uns das Gelände wieder Richtung Landesinnere zwingt, sehen wir eine von drei Ibanat-Hütten, in denen man sich einmieten kann, genannt Refugi de S’Arenalet. Die Reservierungsprozedur suggeriert, dass bestimmte Personengruppen entmutigt werden sollen, Info siehe Kasten.

Die Straße der Gefangenen

An der Hütte teilt sich der Weg, und man kann den langen Anstieg auf zwei unterschiedlichen Routen bewältigen. Beide münden in die sogenannte Straße der Gefangenen. Ich bin beide Varianten gegangen und empfehle die rechte, die näher an der Küste verläuft und deren letzter Teil den Charme eines lauschigen Waldpfads bietet, während man auf der linken Route über eine schmale, teilweise asphaltierte und betonierte Straße hochkeucht. Auch eröffnet die rechte Variante die am wenigsten mühsame Möglichkeit, eine Anhöhe zu erklimmen, die einen spektakulären Blick über die Bucht von Alcúdia bietet: den Puig de sa Tudossa. Aufgrund der dort installierten Antennenanlagen samt Küstenradar ist dieser Platz über eine komfortable Straße erreichbar.

Bei Fortsetzung der Route auf dem „Camí dels Presos“ bieten sich zwei weitere Gipfel an, wo jeweils direkt an der Kante der nahezu vertikal gen Küste abfallenden Felsen ein noch grandioseres Landschaftserlebnis wartet: Talaia Freda und Puig de sa Creu. Allerdings erfordern diese Abstecher zwar keine Kletterkünste, jedoch einiges an Energie, weshalb ich sie für eine andere Route vorschlage, die von Betlem in die Serra führt und über die Einsiedelei wieder zurück ins Tal.

Boden einer düsteren Vergangenheit

Wir sind hingegen weiter auf dem „Camí dels Presos“ unterwegs, der Straße der Gefangenen, und betreten auf der Zielgeraden der Wanderung den Boden einer düsteren Vergangenheit. Nach einer Anhöhe geht linker Hand ein Weg ab in eine Ruinensiedlung: die Überreste eines Arbeitslagers, in dem die Schergen Francos von November 1941 bis Dezember 1942 politische Gefangene aus ganz Spanien dazu zwangen, zuerst das Lager und danach eine Straße zu bauen. Die Straße sollte zu einer geplanten Küstenbatterie am Cap Ferrutx führen, mit der sich Franco im Zweiten Weltkrieg gegen eine befürchtete Landung der Alliierten absichern wollte. Als diese Garantien abgaben, das nicht zu tun, wurde die Anlage überflüssig und das Projekt abgeblasen. Die Straße blieb unvollendet.

Für den letzten Teil der Route empfehle ich Augen auf, denn als Alternative zum Asphalt bietet sich ein weiterer hübscher Waldweg an.

Fazit: Eine anstrengende, jedoch unproblematische Wanderung durch eine der schönsten Naturregionen der Insel und ein erholsamer Kontrast zu überlaufenen Stränden und Städten.

Distanz: 21 km

Netto-Gehzeit: 5 Std.

Höhenunterschied: 765 m

Schwierigkeitsgrad: ***

Anfahrt: Von Artà der Beschilderung „Parc Natural“ folgen, Besucherzentrum mit großem Parkplatz.

Tourencharakter: Wegen des langen Aufstiegs anstrengende, aber vom Wegcharakter und der Orientierung her einfach zu bewältigende Route mit zahlreichen Rastplätzen.

Tipps: In der warmen Jahreszeit eher am Tagesrand. Obwohl die Wanderung großteils über asphaltierte Wege verläuft, ist solides Schuhwerk empfehlenswert.

Übernachtung: In den drei Ibanat-Hütten des Parc de Llevant kann man sich bis zu maximal 3 Nächte einquartieren. Die ausschließlich online mögliche Reservierung maximal 60 Tage im Voraus ist kompliziert, zumal verlangt wird, dass mindestens 50 % der Kapazität der Hütte gebucht werden müssen, ohne dass die Kapazität der einzelnen Hütten ersichtlich ist. Zur Info am besten anrufen: 971 17 76 52 Mo-Fr 10-14 Uhr. Ein Reservierungsversuch zum Zeitpunkt des Verfassens des Artikels hat ergeben, dass beispielsweise im paradiesisch gelegenen Refugi de S’Arenalet in den kommenden 60 Tage für 2 oder 4 Personen kein Platz frei ist. Hier gilt: Das Abenteuer beginnt beim Buchen.

Infos (Web nur auf Spanisch und Katalanisch verfügbar)

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