Die Kraft der Seherinnen - Santanyí vermittelt das Mysterium des Sibyllengesangs
Am Sonntagabend (21.12.) kommen bei einem Konzert in der Kirche Sant Andreu in Santanyí 18 Sibyllen verschiedener Generationen zusammen. Gemeinsam singen sie eine uralte Prophezeiung vom Weltuntergang – begleitet von Chorgesang und Orgelmusik. Programm und Texte gibt’s auch auf Deutsch

Der Einzug der Sibyllen mit Kerzen in der Kirche Sant Andreu in Santanyí bei der Probe am Montagabend. / Nele Bendgens
Die älteste Sibylle Santanyís ist als Erste da. Mehr als eine halbe Stunde vor Probenbeginn steht Catalina Bonet vor der Kirche in Santanyí, bereit loszulegen. Etwas später zeigt sie im Inneren des Kirchenschiffs auf die Kanzel. Dort hat sie als junge Frau gestanden. Ganz alleine. Mit erhobenem Schwert in der Hand. Mehr als 350 Menschen saßen auf den vollbesetzten Kirchenbänken unter ihr und blickten sie erwartungsvoll an. Fünfzehnmal ist sie aufgetreten. Niemand habe ihr den Ton gegeben, den habe sie einfach aus dem Orgelspiel heraushören und danach selbst treffen müssen, erzählt die heute über 80-Jährige.
Hektische Betriebsamkeit in der Kirche von Santanyí
Ganz so viele Menschen wie an den Christmetten sind am Montagabend nicht in der Kirche. Und doch ist viel Leben im Gotteshaus. Die Menschen laufen auf und ab, reden aufgeregt, hantieren, tragen Dinge umher, rufen sich Anweisungen zu. Sogar das spanische Fernsehen ist da. Der Grund für die hektische Betriebsamkeit: In der Kirche von Santanyí laufen die Vorbereitungen für das „Audi Spiritus concert de Nadal: Sibil·lers i sibil·leres dels darrers cent anys a Santanyí“. Zu Deutsch: Audi Spiritus Weihnachtskonzert: Sibyllensänger und Sängerinnen der letzten hundert Jahre in Santanyí.
Achtzehn Frauen jeden Alters werden am Sonntag (21.12.) hier als Sibyllen eine düstere Prophezeiung verkünden. Was sie eint: Für alle ist es nicht das erste Mal. Sie waren schon einmal Sibyllen in Santanyí. Es wird eine besondere Würdigung einer Tradition, die es so fast nur auf Mallorca gibt. Und das ansonsten vor allem am Heiligabend.
„An diesem Tag hört man den Sibyllengesang auf Mallorca wirklich fast in jeder Kirche, in nahezu jedem Gottesdienst“, sagt Francesca Suau. Sie ist die Organistin der Kirche Sant Andreu in Santanyí und Musiklehrerin vor Ort. Suau organisiert das anstehende Konzert und hat viel zum Sibyllengesang geforscht. Aus ihrer Feder stammen auch die historischen Erläuterungen, die während des Konzerts auf Katalanisch vorgetragen werden. Über einen QR-Code auf dem Programmheft lassen sie sich auch in einer deutschen Übersetzung mitlesen.

Die Organistin der Kirche und Organisatorin des Konzerts Francesca Suau sang vor 30 Jahren selbst als Sibylle an Weihnachten in Santanyí. / Nele Bendgens
Weltkulturerbe mit Wurzeln in der europäischen Antike
Die Wurzeln des Sibyllengesangs reichen weit zurück bis in die europäische Antike. Die ursprünglichen Sibyllen waren Weissagerinnen im alten Griechenland – darunter die Sibylle von Delphi. Auch zur Römerzeit spielten ihre Prophezeiungen in Form von schriftlichen Überlieferungen noch eine Rolle, wie Francesca Suau erzählt. Auf umschlungenen Wegen fand der Sibyllengesang im frühen Mittelalter seinen Weg in die christliche Liturgie. Die Auftritte in der Kirche wurzelten wohl in einem beliebten historischen Volkstheater. Das Publikum fieberte regelrecht auf die singende Sibylle hin. Ihre Integration in die Kirchen kam gut an. Doch die gute Stimmung wurde dem Sibyllengesang später zum Verhängnis. Im Konzil vonTrient sollten heidnische Gebräuche, und alles, was vom Wesentlichen ablenkt, aus den Kirchen verbannt werden. Das traf auch die Sibylle.
Auf Mallorca ließ sich das Verbot jedoch schwer umsetzen, wozu die Insellage wohl ihr Übriges tat. So kam es zu einem Kompromiss: Einmal imJahr durfte der in der Vergangenheit häufig und gern gehörte Gesang auf der Insel noch aufgeführt werden, und zwar an Heiligabend. Faszinierenderweise hat sich diese Tradition bis heute gehalten. Neben Mallorca gibt es sie noch in einzelnen Kirchen auf Sardinien und Ibiza. Erst im 21. Jahrhundert erfolgte die Anerkennung von anderer Stelle: Die UNESCO ernannte den Gesang 2010 zum immateriellen Weltkulturerbe.
Bei der Probe am Montag werden die Lichter gedämpft. Die Sibyllen stehen zusammen. Jede von ihnen hält eine flackernde Kerze in der Hand. Die meisten von ihnen tragen bereits ihre Kostüme, die im Feuerschein leuchten. Langsamen Schrittes ziehen sie den Kirchengang entlang nach vorne, sammeln sich auf halbem Weg zum Altar in einem Kreis. Dann stimmen sie einen ersten gemeinsamen Gesang an. Die Melodie ist angelehnt an die gregorianische Gesangsliturgie.

Sieben von 18 Sibyllen (v.li.): Aina Xamena Klein, Maria Caldentey, Antònia Vidal, Maria Antònia Burguera, Antònia Burguera, Francesca Suau, Xesca Bennàssar. / Nele Bendgens
Die Prophezeiung des Weltuntergang
Es ist die Vorhersagung der Apokalypse, des Weltuntergangs, die da auf Katalanisch erklingt, aber als Übersetzung im deutschen Programm mitzulesen ist. Darin heißt es unter anderem: „Ein großes Feuer wird vom Himmel herabstürzen; Meer, Quellen und Flüsse – alles wird verbrennen. Die Sonne wird ihr Licht verlieren und die ganze Welt wird voller Trauer sein.“ So ganz passen mag dieses Schreckensszenario nicht zur weihnachtlichen Botschaft des Erlösers. Wohl deshalb, sagt Francesca Suau, sei irgendwann die Beschwichtigung der letzten Strophe hinzugefügt worden: „O demütige Jungfrau Ihr, die ihr das Jesuskind in dieser Nacht geboren habt, flehet zu eurem Sohn, dass er uns vor der Hölle bewahren möge.“
In der Gruppe singen die Sibyllen zunächst nur wenige Worte, lösen dann ihren Kreis auf. Die meisten schreiten weiter nach vorne, während Francesca Suau umdreht, um die Treppen zur Orgel hochzugehen. 30 Jahre ist es her, dass auch sie 1995 in ihrem Heimatort als Sibylle auf der Kanzel stand. Heute ist sie in den jährlichen Auswahlprozess der Sibyllensängerinnen maßgeblich eingebunden. Die Musikerin scoutet in der örtlichen Musikschule. Wenn ihr talentierte Mädchen mit besonderer Stimme auffallen, fühlt sie vor, leistet Überzeugungsarbeit.
Lange Vorbereitungszeit und hohe Anforderungen
Und wenn es so weit ist, trainiert sie die meist jungen Frauen, die sich für die Aufgabe entschieden haben und dafür ausgewählt wurden. In Einzelunterricht bereitet sie die künftigen Sibyllen auf ihren großen Auftritt vor. Die Anforderungen sind hoch. Es braucht eine Stimme mit Volumen, schnelle und hohe Tonfolgen sind zu meistern. Seit April ist Suau mit der Programmvorbereitung beschäftigt. Die Chöre üben seit September. Im Oktober begann die Probenarbeit mit den Sibyllen.
Während des Konzerts in der Kirche sitzen sie auf Stühlen vor dem Altar, ihr Blick ins Publikum gerichtet. Nacheinander treten sie nach vorn an ein Mikrofon, um wie im Sibyllengesang üblich a cappella eine Strophe zu singen. In den Pausen spielt Francesca Suau auf der Orgel teils von ihr selbst für den Anlass komponierte Stücke. Dazu singt ein Chor, bestehend aus 46 Frauen und Männern aus den Chören der Kirche Sant Andreu und der Musikschule. Eingestreut werden insgesamt acht kurze erläuternde Vorträge.

Maria Antònia Burguera steht bei der Probe in Sibyllentracht am Mikrofon und singt eine Strophe. / Nele Bendgens
Eine andere Sibylle tritt ans Mikro. Jegliche Begleitung verstummt. Das Schwert liegt während der Probe nur bereit. Während des Konzertes werden die Sibyllen es beim Singen in die Hand nehmen. Die charakteristische Requisite ist ein Überrest der theatralen Inszenierung. An diesem Montag sind es zwölf Sibyllen, am Sonntag werden es 18 sein. Sie gemeinsam singen, nebeneinander sitzen und in den Pausen zusammen lachen zu sehen, zeigt, wie lebendig diese Tradition ist. Bis auf zwei der insgesamt 20 ehemaligen Sibyllen in Santanyí hätten alle sofort zugesagt, erzählt Suau. Auch zwei Männer sind dabei. Sie singen zwar nicht, doch laufen sie mit ein und werden in der ersten Reihe sitzen. Beide haben in Santanyí einst als Knaben die Sibylle gesungen, weil damals Frauen noch nicht in einer Kirche auftreten durften.

Sebastià Monserrat war um 1930 in Santanyí die Sibylle / Privat
Die in diesem Jahr auserwählte junge Frau heißt Aina Xamena Klein. Sie strahlt großen Enthusiasmus aus und hat bereits Erfahrung, sang schon vier Mal an Heiligabend an verschiedenen Orten auf Mallorca, auch in Santanyí. Ihr zweiter Nachname geht auf ihren Großvater zurück: Er war Deutscher, lernte ihre mallorquinische Oma in Deutschland kennen, gemeinsam zogen sie auf die Insel. Die Enkelin spricht kein Deutsch, obwohl Oma und Mama die Sprache beherrschen.
Eine mallorquinische Tradition öffnet sich für Fremde
Trotz vieler Deutscher in Santanyí und eines deutschen Nachnamens der diesjährigen Sibylle: Der Sibyllengesang bleibt primär mallorquinische Domäne. Allerdings nicht ganz: Einmal sei auch eine Schweizerin als Sibylle aufgetreten, sagt Suau. Die Frau stammt aus dem französischsprachigen Landesteil, spricht perfekt Katalanisch. Sie lebte lange auf der Insel, inzwischen allerdings nicht mehr, sodass sie beim Konzert am Sonntagabend nicht dabei sein wird. Dass Programm und Erklärtexte auf Deutsch übersetzt vorliegen, darf dennoch als Zeichen der Verständigung an die deutsche Community in Santanyí und auf Mallorca verstanden werden. So schafft der lokale Brauch vielleicht Brücken.
Die gemeinschaftsstiftende Wirkung des Sibyllengesangs, von der Francesca Suau so schwärmt, ist schon in den Vorbereitungen spürbar. Der Gesang entfaltet eine raum- und zeitübergreifende Kraft. Gegenwart und Geschichte vereinen sich schon während der Probe im Hier und Jetzt. Dies lässt Gutes erwarten für das Konzert am Sonntagabend in der Kirche Sant Andreu in Santanyí. Alle Beteiligten arbeiten seit Wochen voller Enthusiasmus darauf hin.

Sibyllen bei der Probe mit Kerzen. Hinten mit der roten Jacke die älteste Sibylle Catalina Bonet. / Nele Bendgens
INFORMATION: Audi Spiritus Weihnachtskonzert in der Pfarrkirche von Santanyí am Sonntag, 21.Dezember 2025 um 18.30 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro. Mit 18 Sibyllen, Chor Sant Andreu und Chor EMMS (geleitet von Alejandra Carrizo), Francesca Suau, Jaume Burguera, Ferran Escalas, Pep Toni Rojas, Tomeu Vidal. Tickets gibt es online unter: https://ticketrona.com/evento/audi-spiritus-concert-de-nadal-en-santanyi.
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