Flink steigt Carles Constantino die bemoosten Treppen zum Botanischen Garten in Sóller auf Mallorca hinab. Hier verfärben sich die Blätter der Bäume, eine dicke Schicht Laub bedeckt den Boden, es riecht modrig. Nur wenige Minuten dauert es, und der 77-Jährige hat den ersten Pilz gefunden. Das kommt nicht von ungefähr, gemeinsam mit dem Pharmazeuten Josep Siquer (MZ berichtete) hat der Internist das Standardwerk „Els Bolets de les Balears“ verfasst, das 1996 erschien und mittlerweile in einer dritten, überarbeiteten Auflage erhältlich ist. Constantino praktizierte als Facharzt für den Magen-Darm-Trakt in einer Gemeinschaftspraxis in Sóller sowie in der Clínica Juaneda. Seit sieben Jahren ist er im Ruhestand.

Der Schwefelporling ("Laetiporus sulphureus" bot., "girgola de garrover" kat.) wächst am Johannisbrotbaum. Joan Lillo

Welche Rolle spielen die Pilze im Museum für Naturwissenschaften in Sóller?

In den Anfängen des Museu Balear de Ciències Naturals (MBCN) organisierten wir Pilzwanderungen. Das war in den 90er-Jahren in Spanien neu. Die Beiträge der Pilzsucher, das waren manchmal 30 Personen und mehr, stifteten wir dem Museum. Dies waren, während die Ausstellungen vorbereitet worden sind, die einzigen Einnahmen. Später dann spendeten wir auch die ersten Autorenhonorare einer Pilzbroschüre dem Museum. Ich bin das Mitglied mit der Nummer eins des Fördervereins und war zwölf Jahre Leiter des Museums.

Wie kam es zu Ihrem Interesse für Pilze?

Als Jugendlicher faszinierten mich Fossilien, deshalb war ich viel in der Serra de Tramuntana unterwegs. Damals kannte man auf der Insel nur den Weinroten Kiefernreizker, der wegen seines roten Milchsaftes unverwechselbar war. Einige wenige weitere Sorten waren bekannt, beispielsweise der Schwefelporling, der als Seitling an Baumstämmen wächst. Oder ein paar wenige giftige Sorten, die eindeutig identifiziert werden konnten. Im Baskenland und in Katalonien dagegen gab es schon damals viel mehr Pilzkenner. Meine Begeisterung für die bolets (kat. für Pilze) begann, als wir mit anderen Naturwissenschaftlern von Barcelona aus Pilze sammeln gingen.

Die Farbe des Scheidenstreiflings ("Amanita vaginata" bot., "cogoma" kat.) kann zwischen Weiß, Grau und Braun variieren. Joan Lillo

Ihr zweibändiges Buch über die Inselpilze gilt als Standardwerk und als Longseller …

Als der erste Band der „Bolets de ses Islas Balears“ 1995 erschien, war er in dem Jahr das bestverkaufte Sachbuch. Josep Siquer und ich haben das Material zusammengetragen, Fotos ausgetauscht, alles ohne Computer. Der zweite Band steigt dann schon eher wissenschaftlich tiefer in die Materie ein.

Stört es Sie, dass seither die Zahl der Pilzesammler rasant zugenommen hat?

Es ist gut, dass die Pilzliebhaber informiert sind. Doch die Menschen aus den Städten wollen bei ihren Ausflügen Schnecken, Spargel und eben auch Pilze sammeln. Verrückt ist, wenn nach einer Sendung im Fernsehen Massen an den Drehort stürmen. Manche kommen sogar mit Rechen und Schaufeln und zerstören damit das Ökosystem des Waldbodens.

Hat der Klimawandel Auswirkung auf das Wachstum der Pilze?

Es regnet viel zu wenig, bis zu den heftigen Niederschlägen im November wurden bisher in Sóller gerade mal acht Liter pro Quadratmeter gemessen. Solch geringe Mengen kommen auf den Waldböden gar nicht an. Oder es sind heftige Niederschläge, die als Starkregen Erosion verursachen, Blätter wegschwemmen und manchmal sogar Pilze abreißen. Vor drei Jahren hatten wir ein gutes Jahr. Da schossen die Weinroten Kiefernreizker in Kiefernwäldern, wo wir sie zuvor noch nie gesehen hatten. Im vergangenen Jahr gab es wenig Pilze. Wie dieses Jahr wird, muss sich noch zeigen.

Der Hut des Waldchampignons ("Agraricus silvaticus" bot., "xampinyó silvestre" kat.) kann bräunlich oder rot gefärbt sein. Joan Lillo

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen „hongo“ und „seta“?

Mit hongo ist das gesamte Pilzgewächs gemeint, also das unterirdische Myzel sowie die Frucht, die seta genannt wird. Die gleiche Unterscheidung gibt es im Katalanischen mit fong für das Pilzgewächs und bolet für die Pilzfrucht.

Welcher Pilz schmeckt Ihnen am besten?

Der beste Speisepilz ist der Steinpilz (Boletus edulis), auf der Insel kommt er als Bronze-Röhrling (Boletus aereus) vor, auch beim Trocknen verliert er sein Aroma nicht.

Der Mediterrane Röhrling (Suillus mediterraneensis" bot., "pixaca groc" kat.) kommt häufig vor. Er schmeckt aber nicht. Joan Lillo

Wo wächst Mallorcas Kultpilz, der Weinrote Kiefernreizker (esclata-sangs), der zurzeit in großer Zahl auf Märkten verkauft wird?

Viele von ihnen sind esclata-sangs forasters, wie wir sie nennen, das heißt, sie stammen nicht von der Insel und haben lange Wege hinter sich. Wenn sie aus Katalonien kommen, handelt es sich um enge Verwandte, die rovellons. Oft heißt es, sie kämen aus Barcelona, doch die Nachfrage ist so groß, dass sie unmöglich mit iberischen Pilzen gedeckt werden kann. In manchen Ländern werden die Reizker als Speisepilze gar nicht so geschätzt. Wahrscheinlich kommen sie aus Osteuropa, kürzlich wurde mir erzählt, dass eine Kiste Pfifferlinge aus Russland stammte.

Können sie nicht gezüchtet werden?

Der esclata-sang gehört zu den Pilzen, die in enger Symbiose mit dem Wurzelgeflecht von Kiefern leben. Sie können jedoch in beträchtlichem Abstand von Stamm noch Pilze bilden, weil sich die Baumwurzeln im großen Radius ausbreiten. Züchten kann man sie nicht.

Die begehrteste Pilzsorte auf der Insel gedeiht unter Kiefern: der Weinrote Kiefernreizker ("Lactarius sangifluus" bot., "esclata-sang" kat.) Joan Lillo

Warum machen sich Pilzsucher so früh am Morgen auf die Suche?

Der frühe Termin ist ein Gerücht, das durch die Konkurrenz unter den Pilzsammlern zustande kam. Die Pilze wachsen nicht nur morgens, wer also früh dran sein will, kann auch nachmittags suchen gehen. Was mich auch immer wundert: Sogar die wurmstichigen Pilze werden gesammelt. Diese Leute würden ganz bestimmt keinen verwurmten Apfel essen. Ich lasse solche Pilze immer stehen.

Wie geht nachhaltiges Pilzesammeln?

Am besten, man löst den Pilzstiel als Ganzes vorsichtig aus der Erde, denn bei manchen Sorten ist es wichtig, den ganzen Pilz zu sehen. Und nur solche sammeln, bei denen man sich ganz sicher ist, dass sie essbar sind, die anderen lässt man in Frieden. Für den Transport ist ein geflochtener Korb empfehlenswert, denn bei jedem Schritt werden Sporen frei und der Sammler sät neue Pilze. Am besten lernt man die Pilzsorten von einem Experten, oder man zeigt sie nach der Wanderung einem Pilzkenner. Ich empfehle auch die Pilztage hier im Museum: Ende November sammeln Experten eine Woche lang Pilze für die Ausstellung.

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