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"Kakteen brauchen Zuhörer": Zu Besuch im Topfpflanzen-Paradies auf Mallorca

Xavi Simó vermehrt und kreuzt auf seiner Terrasse in Palma de Mallorca seltene Pflanzenarten, die für ihre Trockenresistenz bekannt sind. Viele davon sind vom Aussterben bedroht

Die Kugeln des „Strombocactus geometricus“. Nele Bendgens

Mit den Pflanzen zu sprechen, das wäre so eine Sache, sagt Xavi Simó. Viel wichtiger sei, auf sie zu hören, ihre Bedürfnisse lesen zu lernen und sie zu verstehen. „Sie alle wollen leben, und wenn wir genau hinsehen, sagen uns die Gewächse, was sie von uns erwarten“, sagt Simó auf seiner Terrasse in Palma de Mallorcas Stadtteil La Vileta. Der 54-jährige Mallorquiner ist Autodidakt, er hat sich jahrzehntelang botanisches Wissen angeeignet und sich mit anderen Experten ausgetauscht. Auf seiner Dachterrasse pflegt der Sammler eine unüberschaubare Zahl von Topfpflanzen. Die meisten von ihnen sind winzig. Er zeigt auf ein Pflänzchen und erklärt, dass es bereits acht Monate alt ist. Zum Vergleich hält er ein erwachsenes Exemplar der gleichen Art daneben. Es ist knapp 20 Zentimeter hoch und schon zehn Jahre alt.

Spätestens dann merkt der Besucher: Diese Art von Pflanzenzucht erfordert neben großem Einsatz viel Zeit und Geduld. Das alles hat Xavi Simó, er ist voller Stolz und Begeisterung. Wenn er seine Pflanzen vorstellt und beim Namen nennt, sagt er jedes Mal, dass sie una maravilla sind oder sogar las niñas de mis ojos, was großzügig übersetzt bedeuten könnte, dass sie sein Augenstern sind.

Der Pflanzenzüchter Xavi Simó auf seiner schattigen Terrasse im Stadtviertel La Vileta in Palma. Nele Bendgens

Die Kollektion

Was alle Pflanzen auf der Terrasse vereint: Sie sind Weltmeister im Wassersparen, sie wachsen wild in verschiedenen Wüstenregionen des Planeten. Einige von ihnen zählen zu den xerophilen Pflanzen, die so gut wie ohne Wasser auskommen. Nicht wenige sind an ihren Heimatstandorten vom Aussterben bedroht. Ein Beispiel dafür ist der Strombocactus geometricus, der ursprünglich in Mexikos Tonschieferfelsen wuchs und mittlerweile auf der Roten Liste gefährdeter Arten als vulnerable geführt wird. Mitschuldig daran sind illegale Sammler. Simó ist ein vehementer Gegner dieses Raubbaus durch die Wilderer, die heute statt mit Tieren mit seltenen Sukkulenten handeln. „Der Mensch ist gierig, das wird sich nicht ändern, ich versuche etwas dagegenzusetzen“, sagt er. Aber er wisse auch, dass seine Sukkulenten-Nachzucht nur ein Tropfen auf den heißen Stein des Artensterbens sei.

Zurück zum Strombocactus geometricus, einem Kaktus, bei dem eine Kugel auf der anderen sitzt, was dann einen Ast ergibt, mehrere davon eine Staude. Wenn sich in den nächsten Tagen die Blüten öffnen, wird der Züchter von einer zu anderen gehen und sie mit dem Pinsel bestäuben. Denn die in der tropischen Heimat des Kaktus vorkommenden Bestäuber gibt es auf Mallorca nicht. Die Samen keimen später in einem kleinen Gewächshaus, bis sie in Anzuchttöpfe umgepflanzt werden können. Weil sich die Kollektion so immer weiter vergrößert und auf der Terrasse Platz frei werden muss, steht er mit Sammlern in Kontakt und verkauft die Sukkulenten und Kakteen online in ganz Europa oder direkt auf seiner Terrasse.

Die Wüstenblume („Adenium obesum“) Nele Bendgens

Von Insel zu Insel

Dass viele der seltenen Pflanzen hier oben aus Madagaskar stammen, erklärt Simó so: Die Evolution habe dort, ähnlich wie bei den Tierarten auf den Galapagos-Inseln, eigene Arten hervorgebracht. So zum Beispiel die Wüstenblume (Adenium obesum, rosa del desierto span.). Dort, wo der Stamm in die Erde übergeht, bildet er eine flaschenförmig Verdickung, Caudex genannt. Dies ist eine Bezeichnung für Wüstengewächse, die in der Lage sind, in einer Verdickung über dem Wurzelgeflecht große Mengen Wasser zu speichern. Der bekannteste unter ihnen ist der Affenbrotbaum (Adansonia), auch Baobab genannt.

Zu den Caudex-Gewächsen gehört ebenfalls das Pachypodium rosulatum, das zur Familie der Hundgiftgewächse gehört. Die Übersetzung von Pachypodium lautet in etwa „dicker Fuß“, die Sukkulente ist als Zimmerpflanze beliebt, ein Begriff, der Simó gar nicht gefällt, weil Wüstenpflanzen nicht dafür gemacht sind, in Innenräumen zu vegetieren.

Das „Pachypodium rosulatum“ zählt zu den Wüstenpflanzen mit verdickten Stämmen als Wasserspeicher. Nele Bendgens

Einen großen Teil der Sammlung machen die Euphorbien aus, die zur Familie der Wolfsmilchgewächse gehören. Am bekanntesten ist die Euphorbia milii, die wegen ihrer roten Blüten und grünen Blätter im Deutschen Christusdorn und im Spanischen Corona de Cristo genannt wird. Simó züchtet die stachligen Wolfsmilchgewächse mit Blüten von Weiß über Lachs bis hin zu orangen und roten Tönen. In einem Behälter trocknen dafür Ableger, die später in Töpfe kommen.

Sorgfältige Pflege

Viele der Gewächse sind Schattenpflanzen. Doch Schatten ist nicht gleich Schatten. Manche vertragen die direkte Sonneneinstrahlung nicht, mögen aber trotzdem viel Licht. Deshalb ist die Terrasse zur Hälfte mit Netzen bespannt. Manche Gewächse brauchen für ihre Blütenbildung Sonne, doch ihre Wurzeln sind empfindlich gegen Hitze. Deswegen stehen sie auf der Terrasse in den hinteren Reihen direkt an der kühlenden Mauer.

Auch die Bougainvillea ist dafür bekannt, dass sie am besten dort gedeiht, wo ihre Wurzeln im Schatten liegen und sie dann mit der Hilfe von Mauern oder Dächern in die Höhe klettern kann. Simó züchtet Sorten in Creme und zartem Rosa. Bei den Bougainvilleen in den Inselgärten, so der Züchter, käme es nicht zur Samenbildung. Denn der Kletterer kann sich nicht selbst bestäuben und ist auf langschnäblige Vögel wie die Kolibris oder auf Schmetterlinge mit langen Rüsseln angewiesen. Seine Kletterpflanzen bestäubt Simó sobald sich die ersten Blüten zeigen. In Holland, so sagt er wehmütig, vermehrten bereits Maschinen allein diese Pflanzenart.

Kontakt und und Info: Xavi Simó auf Facebook.

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