Dass die Biofinca Son Piol erreicht ist, verrät eine Herde Rinder, die sich ganz friedlich und eng aneinandergedrängt im Schatten versammelt. Doch sie werden nicht die Protagonisten dieses Artikels sein, denn in den Morgenstunden soll auf einem Feld die Ernte der Okra beginnen. Georg Bräutigam (59) wird die Schoten pflücken. Seit drei Jahren lebt und arbeitet er hier in der Gemeinde Vilafranca, mittlerweile ist er wieder im Besitz des Biozertifikats des Inselrats. Zuvor hatte der ehemalige deutsche Banker zwölf Jahre lang einen Ökohof nahe Artà bewirtschaftet.

Georg Bräutigam. Nele Bendgens

Die Veganer und Vegetarier der Insel haben die Minischote noch nicht so richtig für sich entdeckt. Doch das könnte sich bald ändern. Bräutigam hat schon einmal sein gutes Gespür für trendiges Superfood bewiesen: Als der Palmkohl (kale engl.) auf Mallorca noch völlig unbekannt war, hatte er schon die ersten Pflanzreihen gesetzt, heute ist das Wintergemüse auf Märkten und Theken überall präsent.

Empfehlung eines Insellandwirts

Auf die Okraschote kam der Biofarmer durch Zufall: Ein Insellandwirt empfahl ihm, die Pflanze zwischen die Tomatenstauden zu setzen. Sie helfe gegen die Miniermotte, im Spanischen tuta absoluta genannt. „Die Wirkung war mäßig, aber die Schoten schmeckten mir, und ich säte sie jedes Jahr wieder aus“, sagt Bräutigam. Die Pflanze zählt zur Familie der Malvengewächse, sie hat auf der Insel wilde Verwandtschaft. Ihre spektakulären weiße Blüten mit farbigem Stempel hat sie nur einen einzigen Tag geöffnet, die Bestäuber müssen sich also beeilen. Einen kurzen Anflug haben Bienen, deren Behausungen am Rande der Felder stehen. Aber auch wilde Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge kommen zu Besuch.

Blüte und Okraschote an einem Strauch. Nele Bendgens.

Die Blüten sitzen neben den Schoten an den Stängeln der einjährigen Pflanze. Nach oben bieten riesige Blätter Schutz. Sie sind an der Unterseite mit feinen Stechhärchen besetzt, weshalb empfohlen wird, zur Ernte lange Ärmel und Handschuhe zu tragen. Die Okrapflanze wird im Mai in die Erde gepflanzt, zuvor wird sie in Anzuchttöpfen ausgesät. Wenn dann die Erde mit Kompost angereichert worden ist, kommen die Setzlinge in die Erde, ihre Wurzeln werden mit Stroh bedeckt, das hält die Feuchtigkeit im Boden.

Okra benötigt vergleichsweise wenig Wasser

Die Okra benötigt, im Vergleich zu anderem Gemüse, wenig Wasser. Sie reift in der gleichen Zeit wie die Tomaten, liebt die Hitze und veträgt keine Minusgrade. Die grüne Schote könnte also zum idealen Inselgemüse werden, die Pflanze ist hübsch und die Schote gesund. Sie bietet reichlich Vitamin C, wirkt positiv auf den Knochenaufbau und reguliert den Phosphor- und Kalziumhaushalt. Der Geschmack erinnert an grüne Bohnen. Jede Schote verbirgt in fünf Kammern Samen, die mitgegessen werden. Die Okras schmecken gedünstet, gebraten, eingelegt oder zu Salaten. Zusammen mit Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten entsteht ein perfektes Sommergericht.

Doch neu ist sie nicht: Die Okrapflanze (Abelmoschus esculentus bot., ocra span., combo kat.) könnte zu dem ersten Gemüse gehört gehört haben, das vor unserer Zeitrechnung im später ägyptischen Zweistromland angebaut worden ist. Danach kam es zu Plantagen in Afrika, insbesondere in Äthiopien. Mit den Sklaventransporten soll die Schote Amerika erreicht haben. Dort ist sie eine wichtige Zutat der tropischen Küche, so in Kuba, wo die Schote quimbombó genannt wird. Der weltweit größte Produzent ist mittlerweile Indien.

Energiekosten reduzieren

Jetzt also auch auf Mallorca. Auf Son Piol wachsen die Okrapflanzen zusammen mit Zwiebeln, Fenchel und Cherry-Tomaten auf einem Feld mit Vollsonne. Damit das Sommergemüse genug Wasser bekommt, hat Bräutigam einen safareig bauen lassen, der mittels Solarpaneelen die Bewässerung im Gemüsegarten speist. Das reduziert die Energiekosten, denn der Spritpreis für den Trecker ist gewaltig gestiegen. „Vielleicht ergibt sich aus den hohen Dieselpreisen auch Positives“, sagt Bräutigam. Wenn die Transporte teurer werden, könnte dies ein Anreiz werden, Lebensmittel von der Insel zu kaufen. Und sie nicht mehr kreuz und quer über den Planeten zu schicken. Zusätzlich zu den Spritkosten sind die Preise für Futter gestiegen: das Korn für die Hühner und, wenn die Weiden abgegrast sind, das Heu für die Rinderherde.

Fünf Kühe nebst ihren Kälbern und Bulle genießen die Kühle des Schattens. Sie werden mit Biofutter versorgt, die Haltung im Freien ist artgerecht. Nele Bendgens

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Deren Biofleisch aus artgerechter Haltung ist bei Kunden von der ganzen Insel beliebt. Früher waren vor allem Filets gefragt. „Heute kaufen Personal Trainer für die Keto-Diät auch Stücke mit Fett“, sagt Bräutigam – sogar Herz, Nieren und Knochen. Alle drei bis vier Monate bietet Bräutigam Fleisch an. Wie es der Zufall will, auch am Tag, an dem die MZ erscheint (28. Juli). Aber noch stehen die Rinder bei der Abfahrt im Schatten. Die Kälber lehnen sich an ihre Mütter, und der Bulle steht ganz cool mittendrin. Dass es ihnen gut geht, beweist eine Kuh, die ihm zärtlich den Nacken leckt.

Georg Bräutigam: Tel.: 649-03 64 13