05. April 2012
05.04.2012

Der mit den Steinen spricht

Carsten Spachmann ist ein "Hochstapler". Wann immer sein Gemütszustand es zulässt, schichtet er Steine zu Türmen auf - gerne auch auf Mallorca

05.04.2012 | 03:00

Manchmal sehen sie aus wie altgriechische Amphoren, manchmal wie schmale Bäume, zuweilen auch wie erigierte Penisse, die Kunstwerke des Carsten Spachmann. Die aufgeschichteten Steine stehen nicht lang in der Landschaft herum, am Rhein, in Frankreich, auf Mallorca und anderswo, sie sind vergänglich, beim ersten, zweiten oder dritten Windstoß fallen sie um.

Und sie entstehen nicht einfach so und jederzeit, sondern nur dann, wenn der emotionale Zustand des Künstlers dies ausdrücklich zulässt. Und wenn ihn mit einem Mal das Gefühl übermannt, dass die Steine tatsächlich willens sind, benutzt zu werden. „Ich spreche mit denen", sagt der in Hürth bei Köln und Alcanar (Katalonien) lebende Spachmann (50), der sich – „man muss nicht alles bierernst nehmen" –„der Hochstapler" nennt und diese Variante der sogenannten „Land Art" seit anderthalb Jahren betreibt. „Und wenn sie nicht wollen, dann kippen sie um."

Wenn die Steine ihn jedoch „anlachen", wie er sagt, und er „im Einklang" mit sich selbst ist, also nicht „zu viele andere Gedanken im Kopf" umhergeistern, dann gibt es kein Halten mehr. So wie vor einigen Wochen auf Mallorca, am Cap de Ses Salines, dem südlichsten Zipfel der Insel, wo das Steintürmchen-Bauen ohnehin Tradition hat. Da stimmte plötzlich alles, und Carsten Spachmann – von Beruf Bauingenieur – stapelte vor sich hin, stundenlang, fast wie im Rausch, oder, wie der Künstler äußert, „als Meditation", hier mit niedrigen, aus nur zwei Steinen bestehenden Türmen, dort mit höheren Konstruktionen. Nichts kippte um, und unter dem tiefblauen Winter-Himmel fotografierte er alles mit Hingabe. Zwar wuchs keines der Kunstwerke 1,75 Meter in den Himmel, wie er das nach eigenen Angaben auch schon mal hingekriegt hatte, aber was soll´s €

Und als sämtliche Steine fein aufgeschichtet den Küstenabschnitt zierten, war Spachmann bis in die Fingerspitzen happy. Denn er konnte mal wieder feststellen: „Die leben für mich." Von ungefähr sei die Gutherzigkeit der Steine nicht gekommen, denn schließlich sei er „gut zu denen" gewesen.

Wenn alles gelingt, dann fühlt sich Carsten Spachmann wie der berühmte Andy Goldsworthy, sein großes Vorbild aus Großbritannien, das „Land Art" als Lebensaufgabe sieht und im Unterschied zu dem Rheinländer auch mit Blättern, Ästen und Grasfasern arbeitet. Goldsworthy dokumentiert seine teils hochgradig fragilen Kunstwerke mit künstlerisch anspruchsvollen Fotografien. Immer mal wieder streut er Blütenblätter in einen Fluss und lichtet sie kurz vor dem endgültigen Zerrinnen mit seiner edlen Hasselblad-Kamera ab.

Das Gefühl des Glücklichseins weiß Carsten Spachmann momentan intensiver denn je zu schätzen, war er doch in jüngerer Vergangenheit psychisch mehrfach völlig am Ende. Mit der Schock-Diagnose „Burn-out" musste sich der empfindsame Mann zweimal in einer Spezialklinik in Bonn-Bad Godesberg behandeln lassen.

„Und dort brachte mir eine Therapeutin ´Land Art´ näher", sagt der Künstler. Er habe sich dann das Steineaufschichten selbst beigebracht und dabei immer wieder feststellen können, dass es ihm helfe, „im Gleichgewicht" zu bleiben, seine „innere Mitte" zu finden. „So gesehen handelt es sich nicht nur um Kunst, sondern auch um Selbsttherapie", sagt Spachmann. Selbsttherapie hin zu einem finalen Ziel, dem ausgeglichenen Zustand schlechthin: „Wenn bei mir der Bauch anfängt zu lachen, bin ich glücklich", weiß Spachmann.

Dass er wie sein Alter Ego Goldsworthy so weit ist, allein von seiner Kunst leben zu können, verneint der Rheinländer. Aber er wolle dorthin. Und deswegen gebe es bald eine Ausstellung mit einigen seiner Werke, am 18., 19. und 20. Mai in der Lindenstraße 20 in Alt-Hürth bei Köln. Darüber hinaus könne man Fotos von seinen Kunstwerken in Plakatform oder als Postkarte käuflich erwerben (siehe www.balance-der-steine.de). „Das wäre was für Arztpraxen, die sich neu einrichten", sagt Spachmann.

Bereits in der letzten April-Woche, also vor Beginn seiner Ausstellung, will der 50-Jährige wieder nach Mallorca kommen, da ihn die Insel „einfach nicht loslässt". Hier reize ihn die „Vielfältigkeit der Landschaft". Und dann wird Spachmann, wenn er gut drauf ist und die Steine ihn anlachen, mit Sicherheit wieder aktiv, irgendwo, und manch einer wird sich vielleicht wundern, warum plötzlich so viele Türmchen in der Gegend herumstehen.

In der Printausgabe vom 5. April (Nummer 622) lesen Sie außerdem:
- Ostern: Alle Promis sind da
- Model kontra Scheich: Ermittlungen zur Vergewaltigung eingestellt

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