13. Dezember 2017
13.12.2017
40 Años

Warum sich Mallorquiner bald als Deutsche fühlen könnten

Wer sich tiefer gehend für Mallorca interessiert, landet immer wieder bei den gleichen Experten. In einer Serie stellen wir sie vor. Teil zwei: Pere Salvà, unser Mann für Einwanderungsfragen

15.12.2017 | 18:14
Pere Salvà erforscht seit Jahrzehnten die Einwanderung auf den Balearen.

Als Pere Salvà 1978 seine Doktorarbeit über Landbesitz auf Mallorca beendete, hatte er herausgefunden, dass rund 30 Prozent der Fincas in der Tramuntana Ausländern gehörten. „Damals waren es weniger Deutsche, eher Schweizer", erzählt der Humangeograf von der Balearen-Universität UIB. Dennoch dauerte es ein paar Jahre, bis er beschloss, sich mit der Migration auf den Balearen wissenschaftlich auseinanderzusetzen. „In den 80er-Jahren sorgte die Tageszeitung 'El Mundo' mit einer Serie für Aufruhr, in der sie den Ausverkauf der Insel anprangerte." Der heute 67-jährige Professor nahm sich des Themas Einwanderung an. Er war es, der Mallorca zuerst als „Neues Kalifornien" bezeichnete, da es seinen Forschungsergebnissen nach dem US-Bundesstaat ähnelte: Reiche Menschen, die einen Sommer- oder Altersruhesitz suchen, arme Immigranten auf der Suche nach Jobs und Zuzug von Spezialisten. Im Fall von Kalifornien aus der Technologiebranche, im Fall der Balearen im Tourismus. Im Laufe der Jahre hat die MZ immer wieder bei ihm angerufen, damit er aus wissenschaftlicher Perspektive den Zu- und Wegzug von Deutschen erklärt.

Herr Salvà, Sie erforschen seit Jahren die Einwanderung auf der Insel. Wer sind die Mallorca-Deutschen, kann man ein Profil erstellen?
Es gibt, grob gesagt, drei Kategorien: diejenigen, die jobbedingt nur wenige Monate auf der Insel sind und dann weiterziehen. Die haben logischerweise wenig Bedürfnis, sich zu integrieren. Dann gibt es diejenigen, die etwa für deutsche Firmen dauerhaft hier arbeiten oder Firmeneigner sind, etwa im Dienstleistungssektor. Die haben ihren Lebensmittelpunkt hauptsächlich auf der Insel. Sie haben den größten Anreiz, zumindest ordentlich Spanisch zu sprechen. Und dann sind da diejenigen, die ihren Alterssitz hier gefunden haben. Letztere haben drei Hauptanliegen für ihr Leben hier: Sicherheit, grundlegende Dienstleistungen und gute Flugverbindungen nach Deutschland. Was wir weniger sehen, sind junge Menschen, die herkommen, um dauerhaft hier zu leben.

Wann sind die Deutschen überhaupt auf die Insel gekommen?
Wirklich massiv wurde es erst ab 1986. Da trat Spanien in die Europäische Gemeinschaft ein, was den Erwerb von Grundstücken erleichterte. Ab da wurde Mallorca für die Deutschen zur Investition. Bei den Briten war es ein wenig anders. Sie hatten hier schon vorher Häuser gekauft, ihre Anzahl verändert sich nach 1986 erst einmal wenig. Die Deutschen hingegen wurden mehr und mehr und lösten die Briten als größte Zuwanderergruppe ab.

Bis vor wenigen Jahren.
Genau. 2011 verschärfte Spanien die steuerlichen Bestimmungen für wohlhabende ausländische Residenten. In der Konsequenz haben sich seither auf den Balearen über 17.000 Deutsche abgemeldet. Dass sie wirklich weg sind, glaube ich aber nicht. Sie haben sich einfach wieder in Deutschland angemeldet, verbringen hier aber genauso viel Zeit wie früher. Es kontrolliert ja auch keiner. Das sieht man etwa auch an den Schweden. Santa Catalina in Palma wird schon „Little Sweden" genannt, aber die Zahl der dort gemeldeten Schweden ist konstant geblieben.

Ist das bei den Briten auch so?
Nein. Das liegt aber auch daran, dass die meisten Briten keinen Besitz mehr in ihrer Heimat haben. Viele haben dort ihr Haus verkauft, um hier eine Finca zu kaufen. Sie waren steuerlich nicht so betroffen.

Aktuell sind die Marokkaner die größte Ausländergruppe.
Ja, sie melden sich ja auch an. Sie haben selten steuerliche Konflikte, so wie eigentlich alle Menschen, die hier zum Arbeiten herkommen. Ob sie tatsächlich die größte Gruppe sind, lässt sich aber nur schwer einschätzen.

Wie werden die unterschiedlichen Einwanderergruppen aufgenommen?
Diejenigen aus den nördlichen Ländern haben keine Probleme. Diejenigen, die zum Arbeiten kommen, werden eher kritisch beäugt. Das ist absurd, denn sie stellen eigentlich kaum eine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt dar, da sie Jobs machen, die sonst keiner will. Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt stellen eher Deutsche oder Briten dar.

Sind die Migranten aus dem Norden vielleicht besser integriert?
Im Gegenteil. Nehmen wir beispielsweise die Sprache. Die Mi­granten, die arbeiten, werden immer zumindest ein wenig Katalanisch lernen, weil sie es für die Arbeit brauchen. Das ist für Leute, die ihren Alterssitz hier haben, nicht der Fall. Als wir im Jahr 2003 eine Studie zur Integration machten, kam heraus, dass nur zwei Prozent der hier lebenden Mittel- und Nordeuropäer es für wichtig befanden, Katalanisch zu lernen oder sich mit der hiesigen Kultur auseinanderzusetzen. Ich weiß nicht, ob sich das in den vergangenen Jahren verändert hat.

Wie erklären Sie sich diese Ablehnung oder dieses Desinteresse?
Es ist für sie nicht notwendig. Als Deutscher braucht man ja kaum Spanisch. Alle Dienstleistungen gibt es auf Deutsch, egal ob Handwerker, Supermarkt oder Zeitungen. Man hält sich an dem fest, was man am besten kennt und was am leichtesten ist. Deshalb sind ja auch die Flugverbindungen so wichtig: Wenn ein Deutscher ernsthaft krank wird, will er lieber in ein Krankenhaus nach Deutschland.

Das klingt nach „Einwanderung light". So richtig will man nicht ankommen. Warum lässt man sich nicht mehr auf sein Gastland ein?
Es fällt generell schwer, seine Wurzeln zu kappen. Das geht dem Spanier oder Mallorquiner im Ausland nicht anders als dem Deutschen. Aber noch einmal: Es ist auch nicht wirklich nötig.

Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn eine große Anzahl an Einwanderern sich nicht ­integrieren will?
Wir werden sehen, welche Kultur sich durchsetzt. Ich halte es durchaus für möglich, dass wir uns hier mit der Zeit mehr als Deutsche fühlen denn als Mallorquiner. Oder eben als Marokkaner. Kultur ist nichts Statisches, sie verändert sich. Das ist ganz natürlich. Und es kann sein, dass sich die verschiedenen Einflüsse gegenseitig befruchten oder eben dass eine Kultur so dominant ist, dass sie die anderen verschluckt.

Sehen Sie denn einen Austausch der Kulturen auf Mallorca?
Ich sehe eher Parallelkulturen und teilweise Gettoisierung. Aber das hängt auch damit zusammen, dass die Gesellschaft und die Politik das erlaubt haben. Es gab nicht genug Bemühungen, die Menschen zu
integrieren. Zum Beispiel mit der Sprache: einfach mal erklären, dass man stolz hier auf die Sprache sein kann, dass das aber keine Aussage darüber bedeutet, wie man zur katalanischen Unabhängigkeit steht. Dass die sogenannten països catalans, die katalanischen Länder, ein rein kulturelles, kein politisches Konzept sind.

Wobei es bei der Integration sicher auch aufs Umfeld ankommt.
Natürlich. Wer in einer Urbanisation mit lauter Deutschen lebt, wird es mit der Integration schwer haben. Wer eher auf dem Land oder in einem Dorf lebt, wird auf die eine oder andere Weise den Kontakt zu den Einheimischen suchen.

Wie steht es um die zweite Generation der Einwanderer?
Sie fühlen sich als Mallorquiner. Sie sprechend fließend Katalanisch, sie sind Teil der Gesellschaft. Wobei das aber auch nur für die Kinder der europäischen Einwanderer gilt. Die Kinder von Südamerikanern und Afrikanern haben immer den Stempel als Einwandererkind, egal ob sie ihr ganzes Leben auf der Insel gelebt haben. Die Kinder von Europäern verlieren den Stempel. Sie haben die gleichen Chancen wie die Einheimischen auch. Wir müssen da aufpassen, dass wir die Kinder von den Einwanderern aus dem Süden auch mitnehmen. Ich erinnere nur an die schweren Auseinandersetzungen in den französischen banlieues, weil die Kinder von Migranten keine Zukunftsperspektive haben.

1995 veröffentlichten Sie eine Studie laut derer die Deutschen zwar für Fleiß, Sparsamkeit und Ehrlichkeit gelobt wurden, beim Thema Beliebtheit aber nicht weit vorne lagen.
Ich erinnere mich. Das war schon kurios. Zum einen fragten wir nach dem Bild, das die Mallorquiner von verschiedenen Einwanderern hatten. Da kamen viele Stereotypen raus, etwa dass die Andalusier faul sind, obwohl sie die ganze Infrastruktur hier mit aufgebaut haben. Und die Deutschen hatten einen guten Ruf. Als wir aber zu der Frage kamen, ob man auch eine Deutsche oder einen Deutschen heiraten würde, standen sie nicht mehr so hoch im Kurs. Die Männer favorisierten die Schwedinnen, die Frauen wollten lieber einen Italiener oder einen Argentinier. Ich glaube, die Anzahl an deutsch-mallorquinischen Paaren heutzutage beweist, dass sich dieses Bild ein wenig verändert hat.

Was ist das Beste, was die Deutschen Ihrer Meinung nach für Mallorca getan haben?
Sie haben sich unglaublich für die Wahrung der Landschaft eingesetzt. Wenn Deutsche eine Finca kaufen, legen sie viel Wert darauf, sie ordentlich zu restaurieren. Sie haben viel Respekt vor der Landschaft und vor der Umwelt. Das haben wir Mallorquiner nicht immer. Das gilt vor allem für diejenigen, die auf dem Land ihr Haus haben.

Und das Schlechteste?
Die Gettoisierung in den Urbanisationen. Wobei das nicht die Schuld der Deutschen per se ist, sondern generell der Gesellschaft, die es erlaubt hat. Dass sich diese – und mir ist klar, dass der Begriff ex­trem ist – Zysten auf unserer Insel gebildet haben, ist nicht gerade ein Gütesiegel. Vor allem sind sie ein Paradoxon.

Inwiefern?
Nun, viele Menschen, nicht nur Deutsche, die hier herkommen, lieben die sogenannte „mediterrane Art". Aber die besteht ja genau aus dem Gegenteil von dem, was sie praktizieren. Die hiesige Lebensweise besteht ja eher darin, dass man Kontakt zu seinen Nachbarn sucht, dass man sich nicht einschließt, viel kommuniziert. Sie suchen eher die Sonne, die Ruhe und vielleicht die Siesta, aber das ist eben nur ein Teil von dem, was das Leben hier ausmacht. Wobei das für die Menschen ja nicht unbedingt ein Problem darstellt. Sie haben oftmals gefunden, was sie wollten.

Sie haben mal gesagt, Mallorca sei ein einzigartiges Labor.
Es kommen hier eine Reihe Gegebenheiten zusammen, die es sonst so nicht gibt. Wir sind eine kleine Insel, aber wir sind wie ein Autobahnkreuz zwischen Norden und Süden, Osten und Westen. Zwischen arm und reich. Zwischen legalen und illegalen Einwanderern. Zwischen Tradition und Moderne. Und dann auch noch eine Insel mit 3.600 Quadratkilometern, auf der in einem Jahr über 14 Millionen Touristen landen. Das ist an sich schon wahnsinnig. Für einen Human­geografen ein unvergleichliches Forschungsgebiet.

Wo steuert dieses Labor hin?
Gerade sieht es nicht gut aus. Es fehlt an Management. Und es fehlt ein Plan, wo wir überhaupt hinwollen. Wir stoßen hier an unsere Grenzen. Und gerade unsere Forschung kann helfen, einen solchen Plan zu entwickeln. Aber wir brauchen Entscheidungsfreude. Und an der mangelt es gerade, weil wir immer Angst haben, jemanden auf den Schlips zu treten. Entweder den Hoteliers oder den Einheimischen oder den Touristen. Aber diese Angst bringt uns keine Lösungen.

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