25. Dezember 2017
25.12.2017
40 Años

Mallorca-Bischof im Interview: "Hier geht viel Wissen verloren"

Der neue Oberhirte Sebastià Taltavull über eine immer größere Schar an Nichtgläubigen, die deutsche Christvesper und das Zölibat

31.12.2017 | 07:56
„Da muss man auf Zack sein": Sebastià Taltavull, der neue Bischof der Insel.

Mallorca hatte in den vergangenen Jahren wenig Glück mit seinen Bischöfen. Der Valencianer Jesús Murgui verließ 2012 die Insel, ohne mit ihr und ihren Menschen auch nur ansatzweise warm geworden zu sein. Sein Nachfolger Javier Salinas wurde von Papst Franziskus im vergangenen Jahr aufgrund eines zweifelhaften Verhältnisses zu seiner Sekretärin abgesetzt. Als Verwalter setzte der Vatikan den Menorquiner Sebastià Taltavull ein, der wohl auch aufgrund seiner Nähe zu Franziskus nun zum neuen Bischof von Mallorca ernannt worden ist. Ende November wurde er in der Kathedrale von Palma offiziell in sein Amt eingeführt. Die MZ traf den neuen Würdenträger im Bischofspalast.

Sie stammen von den Balearen. Ist mit dem Bischofsposten hier ein Wunsch in Erfüllung gegangen?
Es kommt nicht so sehr auf persönliche Wünsche an, sondern darauf, was der Papst sagt. Er beruft die Bischöfe, und wir gehen dorthin, wo wir hingeschickt werden. Jetzt geht es darum, den Menschen auf Mallorca eine Heimat zu geben.

Was wird die größte Herausforderung auf Mallorca sein?
Das Evangelium zu verkünden, und zwar allen Menschen, ohne Unterscheidungen nach Alter, Geschlecht oder Nationalität zu machen. Wir wollen uns vor allem den anderen christlichen Konfessionen und anderen Religionen öffnen, und auch denen, die von sich sagen, sie seien nicht gläubig. Große Teile des Evangeliums sind auch mit Nichtgläubigen kompatibel.

Können Sie als Bischof überhaupt nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die nicht an Gott glauben?
Wenn man mit ihnen ein intensives Gespräch führt, merkt man schnell, dass auch sie auf der Suche nach etwas sind. Jeder Mensch ist fähig, Gott zu entdecken. Wir als Kirche müssen lernen, nicht zu unterscheiden­ zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, wenn wir mit den Menschen reden.

Viele gehen regelrecht damit hausieren, nicht gläubig zu sein.
Es gibt viele, die sagen: Ich habe kein Problem damit, an Gott zu glauben. Aber ich habe ein Problem mit denjenigen, die ihn vermitteln, sprich mit der Kirche. Daran müssen wir arbeiten. Und das müssen wir mit jedem Einzelnen tun. Denn ich tue mich schwer zu glauben, dass es Menschen gibt, die an absolut gar nichts glauben.

Das Problem könnte auch daher rühren, dass viele Menschen sehr wenig über Religion wissen.
Sicherlich. Und das liegt vor allem daran, dass Religion zumindest an den staatlichen Schulen ein Wahlfach ist. Außerdem kommt es viel zu häufig vor, dass die Lehrer Religionsunterricht mit Katechese verwechseln. Es darf im Unterricht nicht darum gehen, ob und wie man an Gott glaubt, sondern um die kulturellen Konzepte von Religion. Die müssen vermittelt und gelernt werden wie andere Fächer auch. Leider gibt es inzwischen viele Eltern, die für ihr Kind keinen Religionsunterricht wollen. Und dann steht man mit den Jugendlichen im Prado und schaut sich die Gemälde mit Bibelszenen an, und die jungen Leute haben keine Ahnung, was da dargestellt ist. Hier geht viel kulturelles Wissen verloren.

Sie waren selbst Religionslehrer. Wie wollen Sie die Jugendlichen auf Mallorca erreichen?
Ich war auch 19 Jahre lang Jugendbeauftragter auf Menorca. Man muss sich auf sie einlassen, mit ihnen reden. Sie haben mir oft das Evangelium von einer anderen Warte aus gezeigt. Jugendliche und Schwerkranke haben mir dir wirklich elementaren ­Fragen gestellt. Etwa, ob ich an Gott glaube. Da muss man auf Zack sein und eine kohärente Antwort parat haben, sonst wird man schnell unglaubwürdig.

Wie viel Büroarbeit kommt auf Sie als Bischof zu?
Natürlich könnte ich den ganzen Tag mit Papierkram verbringen, aber wir haben hier im Bistum die Aufgaben sehr gut aufgeteilt. Da kann ich auch, wie etwa in den vergangenen Tagen, zu den Kranken nach Son Espases oder zu den Insassen des Gefängnisses gehen und das Gespräch suchen.

Werden Sie auch den Kontakt zu Ausländern, etwa der deutschen Gemeinschaft, suchen? Viele schotten sich ja auf Mallorca ziemlich ab.
Zum einen müssen wir uns als Kirche erst einmal klarmachen, dass wir sie aufnehmen müssen. Zum anderen müssen die Ausländer sich auch aufnehmen lassen. Es muss eine Kultur des Austauschs, des Zusammentreffens zwischen Einheimischen und Ausländern geben. Es wäre doch wünschenswert, die Werte des jeweils anderen zu ent­decken, wir können viel voneinander lernen. Aber es bringt nichts, wenn Ausländer herkommen und die Einheimischen ihre eigenen Werte aufoktroyieren wollen.

Was halten Sie davon, dass die Deutschen an Heiligabend über drei Stunden die Kathedrale in Palma bevölkern?
Ich finde das wundervoll. Es ist beeindruckend, wie die Kathedrale da aus allen Nähten platzt. Ich habe es ja bereits einmal miterleben dürfen, und ich werde auch in diesem Jahr bei der ersten Vesper um 15.30 Uhr dabei sein. Natürlich wäre es ebenso schön, wenn Mallorquiner und Deutsche gemeinsam die Heilige Nacht feiern könnten. Aber dafür reicht leider die Kapazität der Kathedrale nicht aus.

Sprechen Sie Deutsch?
Ein wenig. Ich habe es als Jugendlicher im Seminar gelernt. Und ich war in den 80er-Jahren bei einem Treffen zum Thema Pädagogik des Friedens in Brühl bei Köln. Nachfahren von Nazis und Juden haben sich dort getroffen und zusammen gebetet. Das war ein Erlebnis, das mir naheging. Die jungen Leute haben geweint und sich umarmt.

Die Balearen gehören aus kirchlicher Sicht zum Erzbistum Valencia. Sie befürworten ein eigenes Erzbistum für die Balearen. Wieso?
Das ist eine Forderung der Inseln, die schon über 30 Jahre alt ist. Wir haben nichts gegen Valencia, aber wir haben sehr wenig mit Valencia zu tun. Wenn wir unser eigenes Erzbistum hier hätten, wären wir viel näher an den Menschen und könnten besser auf die Bedürfnisse eingehen. Aber das ist eine Entscheidung, die der Vatikan treffen muss.

Man sagt, die Ausrichtung des Erzbischofs von Valencia sei den Inseln zu konservativ.
Ich werde hier nicht die Debatte führen, wer konservativer ist. Es gibt einfach keine großen menschlichen Kontakte zu Valencia.

Sie gelten nicht gerade als eiserner Verteidiger des Zölibats. Wollen Sie eine Öffnung der Kirche für verheiratete Männer?
Die Frage ist nicht, was ich will oder nicht. Wenn die Kirche eines Tages beschließt, auch andere Wege zu gehen, dann werde ich mich dem nicht entgegenstellen. Persönlich glaube ich aber nicht, dass das Zölibat von Nachteil ist. Um sich wirklich Gott hinzugeben, ist es meiner Meinung nach sinnvoller, nicht verheiratet zu sein. Aber es geht nicht darum, verheiratet zu sein oder nicht. Der Punkt ist doch: Wer heiratet, hat dann meist auch eine Familie zu versorgen, und da wird die Zeit schnell knapp. Für mich ist der große Wert des Zölibats, dass ich die Zeit habe, mich auf Gott einzulassen. Aber davon abgesehen habe ich erst kürzlich einen verheirateten Mann zum Diakon ernannt. Er hat nahezu dieselben Befugnisse wie ein Priester.

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