25. Januar 2018
25.01.2018
40 Años

Transgender-Model Sol Donato: "Man sollte sich die Mann-Frau-Frage sparen"

Der deutsche "Playboy" ist erstmals mit einem Transgender-Model auf dem Titel erschienen. Einer Frau wie Sol Donato

15.05.2018 | 15:27
Transgender-Model Sol Donato: "Man sollte sich die Mann-Frau-Frage sparen"

Florian Boitin, Chefredakteur des deutschen Playboys, über die Entscheidung, ein Transgender-Model auf den Titel zu veröffentlichen

  • "Wir waren uns schon im Vorfeld darüber im Klaren, dass die Tatsache, dass wir mit Giuliana Farfalla das erste Transgender-Model überhaupt auf dem Titel des deutschen Playboy zeigen, für viel Wirbel sorgen wird. Und wir haben natürlich auch damit gerechnet, dass das Thema auch im Jahre 2018 noch polarisieren wird. Erfreulich ist aber, dass wir neben einigen empörten Leser-Reaktionen sehr viel Zuspruch erfahren haben. Männer und Frauen, Leser und Nicht-Leser, die uns zu unserem Mut gratulieren. Wobei ich sagen muss, wirklich Anerkennung gebührt Menschen wie Giuliana, die für ihr Recht auf Selbstbestimmtheit eintreten und bewusst das Risiko in Kauf nehmen, auf Ablehnung zustoßen, ja sogar persönlichen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Dass unser Titel allerdings weltweite Wellen schlägt, das hat uns dann aber doch überrascht."

Wie wird sie wohl zu unserem Treffen kommen? In einem Kleid, das ihre Brüste zur Geltung bringt? Vielleicht ganz in Pink? Stöckelschuhe? Bestimmt wird sie viel Make-up auflegen – das kennt man ja von den Südamerikanerinnen ...

Wir lernen die Argentinierin Sol Donato kennen, das erste männliche Model Südamerikas, das sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat und als erster Argentinier nicht nur das Geschlecht, sondern auch offiziell mit behördlichem Stempel im Ausweis vom Mann (Juan) zur Frau (Sol) wurde.

Unordung in der Kopf-Komode


Während wir auf sie warten, leisten unsere Vorurteile im Kopf ganze Arbeit – ein Thema, über das wir mit Sol Donato sprechen wollen, über das sich auch schon viele Soziologen den Kopf zerbrochen haben. Wie René König (1906–1992), der über Vorurteile geschrieben hat: „Wir müssen nun damit rechnen, dass in komplexen Gesellschaften andauernd Menschen verschiedenster Zuordnung miteinander in Kontakt kommen, ohne dass sie etwas voneinander wüssten, trotzdem müssen sie aber auf irgendeine Weise ­zueinander Stellung nehmen." (Vorurteile und Minderheiten, Fischer-Lexikon Soziologie, 1967). Da wir nicht die Möglichkeit haben, jeden Menschen einzeln kennenzulernen, hilft uns ein gewisses Schubladendenken. Und wehe jemand bringt Unordnung in unsere bequem eingerichtete Kopf-Kommode.

Als das Magazin „Playboy" in seiner Februar-Ausgabe das Transgender-Model Giuliana Farfalla auf der Titelseite veröffentlichte, war das so ein Moment. Die „Süddeutsche Zeitung" berichtete ebenso wie die „Washington Post." „Dass unser Titel weltweite Wellen schlägt, das hat uns dann aber doch überrascht", sagt Florian Boitin, Chefredakteur des deutschen „Playboys" der MZ. Auf Facebook standen Kommentare zu lesen von: „Da habe ich aber schon viele schlechter operierte 'echte' Frauen im Playboy gesehen" bis hin zu „ekelig".

So reagiert Sol Donato auf den "Playboy"


„Ekelig? Wieso ekelig? Was siehst du?", fragt Sol Donato, als wir ihr den „Playboy" zeigen und von den Facebook-Kommentaren erzählen. Sie ist an unserem Treffpunkt angekommen und hat vom ersten Augenblick an mit einigen
unserer Vorurteile aufgeräumt. Sie trägt schwarze Jeans, ein schwarzes Top, ihre Schuhe haben Absätze, die man ruhig bodenständig nennen kann. Das Gesicht ist dezent geschminkt, das vielleicht Auffälligste an ihr ist das Lachen, welches in ihren Augen mündet. „Was siehst du?", fragt sie erneut und deutet auf das „Playboy"-Foto, „Mann oder Frau?"

Es ist die Frage, die der heute 41-Jährigen zum ersten Mal in der 280.000 Einwohner großen Stadt Bahía Blanca gestellt wurde, in der sie mit ihren beiden Schwestern aufgewachsen ist. Wo sie von ihren Mitschülern gehänselt und geschlagen wurde, weil sie irgendwie anders war. „Ich war ein Junge mit dem Gesicht eines Mädchens." Keine leichte Zeit. Ihr Vater nahm sich das Leben, als sie 11 Jahre alt war, er litt an Depressionen. „Er muss das Gegenteil von mir gewesen sein", sagt Sol Donato.

Nach der Pubertät merkte sie, dass es Jungs sind, die sie anziehend fand. „Schwul zu sein in Bahía Blanca, bedeutete damals, dass man ein Problem hatte, dass man krank war." Nach der Schule machte sie eine Friseur-Ausbildung, mit 20 Jahren zog sie ins gut 700 Kilometer entfernte Buenos Aires. „Ich hatte eine Stelle bei dem berühmtesten Friseur von Buenos Aires, Roberto Giordano!" Die High-Society kehrte hier ein, hier fühlte sie sich wohl. „Ich habe der Frau von Diego Maradona die Haare geschnitten, fast alle Mitarbeiter waren schwul."

Da war sie wieder, die alte Frage


Doch in den Discos der Stadt begegnete ihr die alte Frage wieder: „Bestimmt vier Mal an einem Abend wurde ich gefragt: Bist du ein Mann oder eine Frau?" Heute wisse sie, dass sie mit dem Klinefelter-Syndrom geboren wurde. Menschen mit diesem Syndrom besitzen ein zusätzliches X-Chromosom, welches zu einem weiblicheren Erscheinungsbild führen kann.

„Ich fing an, mich immer weiblicher zu kleiden und spielte mit meinem Aussehen." 2002 meldete sie sich bei einem Casting für eine TV-Show namens „Fantasía" an, bei der die Szene-Fotografen Gabriel Rocca und Andy Cherniavsky ein Portfolio mit Nacktaufnahmen von extravaganten Typen anlegten sollten. „Ein Teilnehmer war sehr dick, der andere sehr groß. Als ich den Raum betrat und mich als Juan vorstellte, sagte plötzlich keiner ein Wort mehr." Ihre Karriere als androgynes Model hatte begonnen.

Das erste Portfolio mit Nacktaufnahmen


Juan de Día – Sol de Noche (Juan am Tag – Sol in der Nacht), hieß ihr erstes Portfolio, sie war das erste androgyne Model in Argentinien und nach der TV-Show das Gesicht der internationalen Kampagne der Modemarke „Ona Sáez Jeans Unisex". „Plötzlich waren überall meine Fotos, ich wurde auf der Straße angesprochen, in den Discos liefen Videos von mir auf den Leinwänden, während ich tanzte."

Sie arbeitete bei Modeschauen, war in der Zeitschrift „Cosmopolitan de Argentina" zu sehen und macht 2005 bei einer weiteren TV-Show mit. Diesmal hieß die Sendung „Transformaciones". Mit dieser Show wurde sie zu Sol. „Ich hatte mich in Sol de Noche von meinen ersten Fotoshootings verliebt und wollte sie voll und ganz werden." Sie bekam Brustimplantate, eine Fettreduktion per Laserlipolyse, eine Schönheits­operation am Hintern, man verkleinerte ihr den Adamsapfel und nahm eine dauerhafte Haarentfernung vor.

2011 kam die Geschlechtsumwandlung


2011 folgte die wichtigste Operation, die Geschlechtsumwandlung. „Bis 2010 war das in Argentinien verboten." Eigentlich hätte sie zuvor zwei Jahre lang regelmäßig einen Psychologen aufsuchen müssen, damit die Operation kostenlos erfolgen kann, „doch mein damaliger Freund schenkte mir die 30.000 Euro teure Operation." Ihr Leben sei voller Luxus und Exzentrik gewesen.

Heute ist Sol Donato häufig auf Mallorca, die Beziehung mit ihrem Freund ist nach zehn gemeinsamen Jahren zerbrochen. Sie könne hier ruhiger als in Argentinien durch die Straßen gehen, dies sei ihr erstes
Interview seit drei Jahren. Sie arbeite an einem Roman, der auf ihrem Leben aufbaut, ihr gefallen die Arbeiten der Fotografin Nicole Langholz, mit der könne man vielleicht noch einmal Fotos machen. 

. Die Frage, ob sie ein Mann oder eine Frau sei, habe man ihr auf der Insel noch nicht gestellt, obwohl auch hier das Thema heiß diskutiert wird. Die Balearen-Regierung hat gerade ein Aufklärungs-Video veröffentlicht, das in den sozialen Netzwerken gefeiert wird. Es geht darum, wie man Transsexualität auf der Straße begegnen soll.

Man sollte sich die Mann-Frau-Frage sparen,", sagt Sol Donato. Das könne man immer noch klären, wenn man sich besser kennen würde. Worte können wie Vorurteile sehr verletzend sein. Viele Leute hätten Angst vor dem, was sie nicht kennen.


Ein guter Schritt


Darum sei es gut, wenn Frauen wie Giuliana Farfalla den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. „Sie öffnen Türen, durch die andere folgen können." Und eines solle man sich auch klarmachen, eine Geschlechtsumwandlung erfordert schmerzhafte Operationen und jahre­lange Nachsorge. Man müsse darum kämpfen – auch in Spanien sind psychologische Test obligatorisch. „Doch am Ende bist du nicht nur Mann oder Frau. Du bist du. Und darauf kommt es an."

Sol Donato auf Instagram: @solddepalma. Frisur für das Foto: Depil&Beauty (Tel.: 871-95 02 97).

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