30. Januar 2018
30.01.2018
40 Años

Von der Unterdrückung ins Diplomatenamt auf Mallorca

Rosa Ainaguano kommt von einem unterdrückten indigenen Stamm in den Bergen von Ecuador. Heute arbeitet sie als erste ihres Volkes als Vizekonsulin in Palma – auch dank deutscher Unterstützung

31.01.2018 | 09:09
Rosa Ainaguano im ecuadorianischen Konsulat in Palma de Mallorca

Nein, die Verhältnisse, in denen Rosa Ainaguano aufwuchs, sind nicht die typischen einer Diplomatin. Ihre Mutter konnte kaum lesen, ihr Vater war Agrarhändler tief in den Anden von Ecuador und ist es heute noch. Und doch: Ainaguano ist die erste indigene Frau ihres Volksstamms, die im diplomatischen Dienst Ecuadors aktiv ist. Sie arbeitet als Vizekonsulin auf Mallorca. „Dass ich mal so einen Posten bekomme, dass ich reisen und als Diplomatin arbeiten darf, das hätte ich niemals gedacht", sagt sie.

Die Stimmung in den Räumlichkeiten des Konsulats an Palmas Via Alemanya ist gelöst. Hier ist man Besuchern gegenüber höflich und zuvorkommend und respektiert auch Rosa Ainaguano auf ganz selbstverständliche Art und Weise. Ainaguanos auffällige Kleidung, ihre indigenen Gesichtszüge – all das spielt hier keine Rolle. Ainaguano macht ihre Arbeit gut, allein darauf kommt es an.

Auch als Ainaguano noch zur Schule ging, machte sie ihre Arbeit gut. Perspektiven hatte sie damals trotzdem nicht, Aufstiegsmöglichkeiten und Respekt vor Angehörigen ihres Stammes, der Chibuleo, waren alles andere als selbstverständlich. Es war eine Dorfschule in den Bergen in ihrer Heimatregion Tungurahua. In ihren ersten Jahren gab es nur einen Lehrer für alle Klassen, später kamen weitere dazu. Die Schüler waren chibuleo, die Lehrer mestizos, erinnert sich Ainaguano. Mestizos, so nennt sie jene Bewohner Ecuadors, die kaum noch Wurzeln zu den Urvölkern haben und meist in den Städten oder an der Küste wohnen. Mestizos, das sind jene, die über Jahrhunderte hinweg die verschiedenen Indianervölker im Land unterdrückten und diskriminierten. Gleichheit, so wie Ainaguano sie heute im Konsulat erfährt, gab es bis vor Kurzem schlichtweg nicht.

Von den Dorflehrern lernte Ainaguano Spanisch. Mit den Eltern und in der Dorfgemeinschaft sprach sie immer nur Kichwa, tut es bis heute. In ihrer Kindheit war selbst das eine Schande, seit dem Jahr 2000 ist die Sprache neben Spanisch und Shuar offiziell anerkannt, wenn auch immer noch nicht überall wirklich akzeptiert. „Ich kann die Mallorquiner gut verstehen, wenn sie ihre Sprache bewahren wollen", sagt Ainaguano.

Sie war noch ein Kind, als ihr Vater sie Anfang der 90er-Jahre mit auf die Demonstrationen nahm, die teilweise das Land lahmlegten. Gegen die Unterdrückung der indigenen Völker, für die soziale Gleichstellung. „Sie waren notwendig, so notwendig, damit sich endlich etwas verändert", sagt die 39-Jährige heute. Immer wieder betont sie, wie stolz sie ist, auf ihre Traditionen, auf ihr Volk, auf die Kultur. „Ich könnte mich auch gar nicht anders kleiden, es gehört so tief zu mir", sagt sie.

Mallorca ist seit Mai 2017 ihre erste Station im Ausland. Auf der Straße erntet sie hier regelmäßig neugierige Blicke, wenn sie mit ihren langen filzartigen Röcken, den bunten Ketten und Ohrringen und ihrer weißen Bluse herumläuft, die ihre Mutter bestickt hat. „Das kann ich niemandem übel nehmen, sie kennen meine Kultur ja vermutlich nicht, und wissen erst einmal nichts damit anzufangen", so Ainaguano. Gerne erklärt sie dann, wer die Chibuleo sind. Dass es nur noch etwa 12.000 davon gibt, dass sie nach einem starken Solidaritätsprinzip und im Gleichgewicht mit der Natur leben, dass ihnen die Gemeinschaft wichtig ist. „Natürlich vermisse ich das alles, mein Dorf, meine Familie. Sehr sogar", so Ainaguano. Doch ihre Arbeit sei eine historische Chance, eben jene Facette Ecuadors in der Welt zu zeigen.

„Und die erste richtige Auswanderung habe ich ja schon mit 20 Jahren durchlebt", so Ainaguano. Damals, als sie vom Dorf in die Hauptstadt Quito zog. Zum ersten Mal weg von zu Hause, zum ersten Mal ohne den Halt, den die vertraute Gemeinschaft ihr gab. Und zum ersten Mal dorthin, wo es vor ihr kaum jemand ihres Stammes schaffte: zur Universität. Möglich machte es ein Stipendienprogramm der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung für indigene Jugendliche. „Ohne die Deutschen hätte ich es niemals geschafft, ich bin ihnen sehr dankbar", so Ainaguano. Sie bezahlten ihr das Journalismus-Studium und die Unterbringung und legten damit ein Fundament dafür, dass die junge Chibuleo später im Außenministerium eingestellt werden konnte. Ainaguano studierte voller Eifer. Ihre Stammesgenossen taten ihr Übriges und kämpften weiter für die Gleichheit.

Es sei schon so vieles besser geworden, doch der Weg zur vollkommenen gesellschaftlichen Akzeptanz der Chibuleo und anderer Völker sei noch lang und die verschiedenen Ethnien des Landes wenig vereint. Das stellt Ainaguano auch bei den Ecuadorianern fest, die auf den Balearen leben: etwa 16.000 Menschen, die, in verschiedenen Organisationen zusammengeschlossen, oft wenig mit den anderen Gruppen zu tun hätten. Das zu ändern sei eines der Ziele des Konsulats. Durch kulturelle Veranstaltungen und Gespräche mit Vertretern der jeweiligen Organisationen. Für den 4. Februar hat das Konsulat Palmas neues Kongresszentrum gemietet, um ihren Landsmännern und -frauen die Teilhabe aus dem Ausland an einem nationalen Referendum zu ermöglichen.

Völkerverständigung und die Bemühung um gegenseitigen Respekt und Wertschätzung – Themen, die im Leben von Rosa Ainaguano omnipräsent zu sein scheinen. Statt Verbitterung über die lange Leidenszeit ihres Volkes strahlt sie Dankbarkeit für das bisher Erreichte und Optimismus aus.

Mit ihrem siebenjährigen Sohn, den sie kurz nach ihrem Umzug nach Mallorca nachholte, spricht sie nur Kichwa. Ihr Mann – ein mestizo aus Quito – kann wegen seiner Arbeit nicht bei ihr sein. Alleinerziehende Mutter auf Zeit ist eine weitere der vielen Herausforderungen, der sich Ainaguano täglich stellt. Auch das wird im Konsulat respektiert. In Ecuador dagegen hatte Ainaguano oft mit Chauvinismus zu kämpfen.

„Ich gebe mein Bestes, um meine Arbeit so gut wie möglich zu machen", sagt die Vizekonsulin. „So viele Generationen haben darauf warten müssen, meine Eltern und Großeltern hätten auch gerne studiert. Heute sind sie so stolz, dass ich es tun konnte."

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