19. Juni 2018
19.06.2018

El Arenal: die einen im Rausch, die anderen im Überlebenskampf

In der bei Deutschen beliebten Vergnügungsmeile auf Mallorca sind nicht alle in Urlaubsstimmung. Hier kommen auch viele Menschen zusammen, die Tag für Tag um ihre Existenz bangen

19.06.2018 | 13:27
Ein fliegender Händler an der Playa de Palma

"Skandal, Skandal in Arenal. Denn wir feiern heut' total", singt „Ballermann"-Star Marc Simon in einem Youtube-Video – und eine Horde Betrunkener grölt mit. Schon lange ist der Teil der Bucht von Palma de Mallorca zwischen Can Pastilla und Son Verí nicht nur für viele deutsche Party-Urlauber ein Synonym für eskalierende Saufgelage. „Auch die spanischen Medien stützen dieses Image", sagt Bárbara Picornell. Die Sozialarbeiterin der Caritas und ihr rund zehnköpfiges Team aus Freiwilligen kommt regelmäßig in die Zone, die sich über die Stadtgrenzen von Palma und Llucmajor hinaus erstreckt. Nicht zum Feiern, nicht zum Trinken – sondern um jenen zu helfen, die hier um ihre Existenz kämpfen. Gerade wurde im Trakt des Franziskanerkonvents La Porciúncula nahe der deutschen Schule Eurocampus eine neue
Essensausgabe eröffnet.

„Wir benehmen uns daneben, wenn der Bass so richtig schiebt", singt Marc Simon in seinem Video, in dem er durch die Schinkenstraße zieht. Kaum jemand mag auf den dunkelhäutigen Straßenhändler im Hintergrund achten – die fliegenden Händler gehören in das vertraute Bild des sommerlichen Arenal genauso wie die deutschen Partytouristen. Nur, dass die Händler nicht nach wenigen Tagen zurück in ihre Heimat fahren, sondern Tag für Tag auf möglichst viele ausländische Kunden hoffen, die ihnen Sonnenbrillen, Stoffaffen und Co. abkaufen und dabei meist entweder angepöbelt oder schlichtweg nicht beachtet werden. Auch der Erzbischof der marokkanischen Stadt Tanger sei vor einigen Jahren am Ballermann gewesen, erinnert sich Picornell. Der Mann, der aus Tanger viel Leid gewöhnt ist, Menschen kennt, die eine lebensgefährliche Überfahrt auf sich nahmen, um ins gelobte Land Spanien zu kommen, sei gemeinsam mit Vertretern der Caritas durch die Schinkenstraße gegangen. „Es tut so weh", habe der Geistliche damals gesagt. „Der Kontrast ist brutal", sagt Picornell.

Mit ihrem Team ist sie nah dran an eben jenen Menschen, die für viele nur Luft sind. „Unsere Arbeit basiert auf Kontakt und Vertrauen", sagt sie. Seit gut drei Jahrzehnten ist die Caritas bereits in Arenal aktiv. Die Mitarbeiter helfen all jenen, die es nötig haben. Egal, welcher Konfession sie angehören, egal ob, sie über gültige Aufenthaltsgenehmigungen verfügen oder nicht, egal, welcher Art ihre Probleme sind. „Wir hören jedem zu, der ein offenes Ohr braucht. Und versuchen dann zu handeln", sagt sie.

Die fliegenden Händler seien mittlerweile natürlich auch im öffentlichen Bewusstsein ein häufig diskutiertes Thema. „In den Medien sind sie oft die Sündenböcke", bewertet Picornell. Selbst in die deutschen Partyschlager haben es die „Helmuts" bereits geschafft. Doch dass diese Menschen aus der Not heraus handelten, dass viele von ihnen gut ausgebildet aus ihren Heimatländern geflohen seien, aber ohne die Aufenthaltsgenehmigung keine würdige Arbeit finden könnten und in Spanien ums Überleben kämpfen müssen, das werde zu wenig thematisiert.

„Fast alle arbeiten nur in ihren ersten drei Jahren nach der Ankunft als fliegende Händler. Danach können sie Papiere beantragen. Aber drei Jahre über die Runden zu kommen, ist verdammt schwer." Einige würden auch Kinder betreuen, alte Menschen pflegen oder kleine Gartenarbeiten übernehmen. „Natürlich inoffiziell", sagt sie. Im Sommer sei es für die Immigranten einfacher. „Da findet sich meist etwas." Anders, wenn die Partymeile in den Winterschlaf verfällt. „Der Winter in Arenal ist hart, sehr hart."

Das bekämen nicht nur ausländische Einwanderer zu spüren, sondern auch Mallorquiner und zugezogene Festlandspanier. Besonders in den vergangenen Jahren sei eine „neue Armut" zu spüren. Durch die steigenden Mietpreise und die Folgen der Krise. „Vor allem Menschen über 50 kommen zu uns, die keine Arbeit mehr finden." Aber auch Ruheständler mit geringen Renten oder Menschen, die sich mit Kellnerjobs über Wasser halten, aber ihre Lebenskosten trotzdem nicht aufbringen können. „Deutsche betreuen wir in Arenal kaum, abgesehen von ein paar Fällen von Alkohol- oder Drogenabhängigen."

Ökonomische Hilfen, Zuschüsse für Essensstipendien in Schulkantinen, aber auch Umschulungen, Weiterbildungen, rechtliche Beratungen und Sprachkurse organisiert die Caritas in Arenal – stets in enger Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen. „Wir sind oft die erste Anlaufstelle und vermitteln dann weiter", so Picornell. Geholfen wird in den Räumlichkeiten der Lactància-Kirchengemeinde im östlichen Teil Arenals. Im Franziskanerkonvent können Bedürftige mittwochnachmittags unverderbliche Lebensmittel abholen. „Wir haben die Essensausgabe hierhin verlegt, um sie für die Betroffenen mit mehr Würde zu gestalten." Statt draußen in der Schlange auf dem Präsentierteller zu stehen, können die Menschen geregelt die Ware in den Regalen in den Räumen aussuchen. „Eigentlich ähnlich wie in einem Supermarkt."

Würde, das sei etwas, das Bedürftigen im Alltag in Arenal oft nicht entgegengebracht werde. Auch der Versuch, die Zone durch neue Luxushotels aufzupolieren, dürfte daran nicht viel ändern. „Wir versuchen es immer wieder mit Sensibilisierungs-Kampagnen", so Picornell. Damit die Menschen den Problemen ins Auge schauen, die hier kaum jemand sehen mag.

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