15. September 2018
15.09.2018

Party mit Stil in Cala Ratjada

Seit 55 Jahren zieht die Disco Bolero in Cala Ratjada Einheimische und deutsche Touristen an. Einst mit Baile Mallorquín, heute mit Sommerhits und einer gehörigen Portion Nostalgie und Herzblut

15.09.2018 | 01:00
Von der alten Eleganz ist noch heute ein wenig übrig

Wer in einer Sommernacht über die Hauptstraße von Cala Ratjada flaniert, dessen Blick bleibt unweigerlich an dem einladenden Außenbereich des Bolero hängen. Dafür sorgen die hohe Marmorfassade, die beleuchteten Springbrunnen und die schweren, gepolsterten Schwingtüren. Sie bilden den Eingang zur ältesten Diskothek des Touristenorts im Nordosten von Mallorca – und wohl einer der ältesten in ganz Spanien. Seit ihrer Eröffnung vor 55 Jahren ist sie im Besitz der gleichen Familie.

Dass das Bolero in Cala Ratjada eine Institution ist, steht außer Frage. Die Eröffnung irgendwann Mitte April und die Schließung etwa Mitte Oktober sind für viele Gastronomen und Hoteliers ein Anhaltspunkt dafür, wann im Ort die Touristensaison startet und endet. Und doch: 55 Jahre den Geschmack des Publikums zu treffen, ist gar nicht so leicht. Keiner weiß das besser als Miguel Vives Sastre. Er war 14 Jahre alt, als seine älteren Cousins, die Brüder Jaime und Juan Sastre, 1963 die Lizenz erwarben, ein Tanzlokal zu eröffnen.

„Hier stand ein Wohnhaus, die Villa Yolanda", erinnert er sich. Schon damals griff er seinen Cousins unter die Arme – nicht ahnend, dass er dort die nächsten 52 Jahre seines Lebens verbringen sollte und das Bolero sein Ein und Alles werden würde. „Da, wo jetzt die eigentliche Disco ist, war damals der Garten, übersät mit Kiefern", erzählt er. Zunächst gab es Live-Musik im ehemaligen Wohnhaus. Vorrangig für Einheimische. „Touristen waren noch rar, vielleicht gab es an die 2.000 im ganzen Ort." Kein Vergleich zu den rund 50.000 Hotelbetten, die heute in der Gemeinde Capdepera angemeldet sind. „Auch die Pop-Musik war damals noch nicht wirklich bis hier vorgedrungen", erinnert er sich. Also erklang Mallorquinisches und Spanisches, auch Flamenco. Schnell sprach es sich im Nordosten der Insel herum, dass hier getanzt werden konnte. „Die Leute kamen mit Bussen von Cala Millor und Cala Mesquida." Bald galt es, Platz zu schaffen: Im Garten ließ die Familie eine marmorne Tanzfläche bauen.

„In den Bäumen hingen Lampions, auf den Tischen lagen lange Tischdecken und Mann musste Schlips und Kragen tragen, um eingelassen zu werden", erinnert sich María Antonia Bonnin und strahlt, wenn sie an jene Zeit denkt, als sie, frisch vermählt mit Gründer Jaime, erstmals Kontakt zum Bolero hatte. „Es war eine andere Zeit", pflichtet ihr Miguel Vives bei. Nicht nur, dass das Bolero praktisch am Rande des damals viel kleineren Dorfes lag, sondern auch, dass es keine Konkurrenz gab. „Wir durften uns sala de fiestas nennen und bis 3 Uhr nachts geöffnet haben. Alle anderen mussten um Mitternacht schließen."

Wer sich heute auf der Tanzfläche umsieht, die sich spätestens um 1 Uhr nachts mit feierlustigen Deutschen und Spaniern jeden Alters füllt, und auf der bis 6 Uhr morgens abgetanzt wird, der kann sie noch erahnen, diese andere Zeit. Zwar spielt die Band Geminis seit Jahrzehnten schnelle Feiermusik, die DJs legen gängige Sommerhits auf, und die Anzüge der Gäste sind normaler Disco-Kleidung gewichen. Doch noch immer herrscht Marmor vor, die Deko ist gediegen, die Kellner und Barkeeper tragen Fliege und weiße Hemden. Sogar einige der Kiefern sind noch da – auch wenn das Bolero natürlich längst keine Open-Air-Disco mehr ist. „Bei der großen Renovierung Anfang der 70er-Jahre haben wir die Decken um die Bäume herum gebaut", so Miguel Vives. „El Bolerín" nennen ihn viele im Dorf. „Die Seele des Bolero", nennt ihn seine Familie.

Trotz weiterer Renovierungen wie im Jahr 2001, als in dem alten Wohnhaus die zugehörige Bar Angels eröffnete, oder im Jahr 2012, als über dem Bolero die Dachterrasse Heaven entstand – „wir haben immer darauf geachtet, dass die Kunden ihr Bolero auch wiedererkennen", sagt María Sastre, Tochter von Gründer Jaime. Seit 2001 ist sie das offizielle Gesicht des Boleros. „Aber auch meine Schwester Jacque­line hilft mit, und bei Neuerungen frage ich immer Miguel um Rat. Obwohl er eigentlich seit drei Jahren im Ruhestand ist. Aber es ist ein Familiending."

Längst nicht alle Discos im Ort überlebten. „In den 80er und 90ern war es auch für uns schwer. Zwischenzeitlich gab es sechs Discos im Ort", so Miguel Vives. Heute sind nur noch zwei direkte Konkurrenten am Start: das Keops und das Physical, beide gleich um die Ecke. Obwohl sie gerade im Juli viele potenzielle Kunden abgreifen, klingeln im Bolero weiter die Kassen. Vor allem am Wochenende, wenn auch die Spanier ausgehen („Wir haben Kunden, deren Eltern und Großeltern waren schon hier. Manchmal kommen sie auch zusammen"), und gegen Anfang und Ende der Saison, wenn deutsche Vereine und Mannschaften ihre Abende im Bolero verbringen.

„Vielleicht ist unser Geheimnis, dass wir unserer Linie immer treu bleiben", überlegt María Sastre. Billigalkohol habe es nie gegeben. „Wir haben immer darauf geachtet, dass es von innen her stimmt und nicht nur schön aussieht." Viele Angestellte arbeiteten seit Jahrzehnten im Betrieb, die Gäste freuten sich, die gleichen Gesichter zu sehen. „Und wenn es eines Tages anders wäre, dann wäre es nicht mehr unseres. Das Bolero ist unser Leben", sagt ihre Mutter María Antonia Bonnin .

Nur mit der Werbung und der Außendarstellung habe man es nicht so. „Wir haben den Medien eigentlich noch nie Interviews gegeben", sagt María Sastre. Zumindest an der Internetpräsenz wolle man aber in Zukunft arbeiten. „In dieser Hinsicht muss wohl auch das Bolero mit der Zeit gehen."

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