02. Oktober 2018
02.10.2018

"Nicht immer alles so ernst nehmen"

Sie ist bodenständig und mutig zugleich: Die Übersetzerin Julia Fischer-Bernard hat in ihren 21 Jahren auf Mallorca viel ausprobiert und erlebt. Jetzt hat sie eine Galerie der besonderen Art eröffnet: "Senseless"

02.10.2018 | 01:00
Die Deutsch-Belgierin Julia Fischer-Bernard hat viele Facetten und vor allem eins: Lebensfreude. Jetzt hat die Künstlertochter in Sencelles ihre Galerie Senseless eröffnet

Es ist schwer, sich in den Räumen der Galerie Senseless in Sencelles auf Mallorca nicht wohl zu fühlen. Warmes Licht fällt aus Lampen, die aus Naturfasern und transparenten Papieren gefertigt an Wänden und Decken hängen. Bilder in fröhlichen, intensiven Farben laden zum Betrachten ein, in der Mitte sorgen schlichte Holzskulpturen für einen Ruhepol. Keine Spur von Hochglanz, kein Hauch von sterilem Luxus. Wer beim Eintreten noch Hemmungen hatte, der legt sie spätestens ab, wenn die frischgebackene Galeristin Julia Fischer-Bernard auf ihn zukommt.

Jeanshose, lässiges T-Shirt, wenig Schminke und ein breites, offenes Lächeln – Julia Fischer-Bernard ist einer dieser Menschen, deren Natürlichkeit und positive Ausstrahlung einem direkt entgegen schlagen. Wenn man sie in ihrer Küche hinter den Galerieräumen an der Kaffemaschine werkeln sieht („ich habe nur Kamelmilch da"), zwischen alten, selbst restaurierten Möbeln und mit Blick auf den liebevoll gestalteten Innenhof, dann fällt es dem klischeebehafteten Beobachter schwer, sie sich als Sachbearbeiterin bei einer Bank, bei Immobilienagenturen oder Versicherungen vorzustellen.

„Alle haben sich immer gewundert, warum ich so etwas Seriöses gemacht habe", sagt die 44-Jährige. Als Tochter einer Designerin und eines Künstlers hätten viele erwartet, dass sie ihr Geld mit Pinsel und Farbe statt mit Buchhaltung verdient. „Ich habe früher eben immer Sicherheit gesucht und mich für etwas Bodenständiges entschieden", sagt sie, hält inne und muss lachen. „Naja, zumindest für eine Künstlertocher bin ich ziemlich bodenständig." Unter anderen Maßstäben betrachtet ist ihr Lebenslauf alles andere als gradlinig – und mündet letztlich doch in die Kunst.

Schon ihr Entschluss, 1997 im Alter von 24 Jahren nach Mallorca zu kommen, sei eine dieser „Hau-Ruck-Entscheidungen" gewesen, die ihren Weg prägen. „Ich kannte die Insel von vielen Besuchen und weil mein Vater bereits hier lebte, aber ich kam ohne zu wissen, was ich machen und wo ich wohnen will." Das war nach ihrer Kindheit im französischsprachigen Teil Belgiens und ihres Sprach- und Eventstudiums in Lüttich. Und so begann ein Mallorca-Abenteuer, das sie im Laufe der Jahre in die verschiedensten Inselgemeinden führen sollte. „Mutig war ich schon immer und Sprachen konnte ich auch, also machte ich mich als Übersetzerin selbstständig." Aus heutiger Sicht betrachtet, das muss sie selbst zugeben, nahm sie die Sache damals nicht sonderlich ernst. „Ich war mehr am Strand, als dass ich gearbeitet hätte. An der Disziplin hat es damals etwas geharpert."

Doch Fehler machen sei wichtig, das betont Fischer-Bernard gerne. Und führe auch nicht zwangsläufig in Sackgassen: Ein Kunde ihrer kleinen Firma bot ihr damals eine Festanstellung in seinem Immobilienbüro an. Fischer-Bernard willigte ein und tauchte in die Welt der Buchhaltung ein. „2003 entschloss ich mich dann, das Land meines Passes kennenzulernen", so Fischer-Bernard, die zwar Deutsche ist, sich aber als Belgierin fühlt. Ein Jahr lang arbeitete sie als Sachbearbeiterin bei der Dekra in Aachen. „Eine gute Zeit", wie sie im Nachhinein findet. „Aber danach war mir umso mehr klar, warum ich auf Mallorca leben will." Deutschland und auch Belgien hätten sie mit den dort herrschenden Vorschriften und Regelungen immer eher gehemmt. „Dort hätte ich mich nie getraut, mich selbstständig zu machen." Die lockerere Insel-Mentalität dagegen ermutige sie immer wieder, einfach mal zu machen. „Bleib in Bewegung, das ist für mich bis heute die Message von Mallorca", so Fischer-Bernard. Es einfach mal auszuprobieren, denn dann finde sich automatisch ein Weg – auch, wenn es nicht immer der ist, der ursprünglich geplant war. „Die Eigenverantwortung ist auf Mallorca viel größer. Leute die wirklich am Ball bleiben, haben auch Erfolg."

Bis heute beflügeln Fischer-Bernard diese Erkenntnisse. Die Disziplin, die ihr anfangs noch fehlte, ist längst in Fleisch und Blut übergegangen. Im Jahr 2007 wagte sie erneut den Schritt in die Selbstständigkeit – diesmal erfolgreich. Seitdem bringt ihr ihre Übersetzungsagentur Conexion-Mallorca die gewünschte finanzielle Absicherung.

Immer das Beste aus dem zu machen, was das Leben einem bietet und niemals still zu stehen: Diese Einstellung war es wohl auch, die sie 2016 dazu veranlasste, nach zwölf Jahren im schicken Port d'Andratx ein altes Stadthaus im ländlichen Sencelles zu kaufen – wieder durch Zufall, denn eigentlich hatte sie es nur für ihre Eltern besichtigt. „Ich war auf Anhieb begeistert von dem Dorf, das gleichzeitig bescheiden ist und viel zu bieten hat. Plötzlich fand ich mich in der Mitte der Insel wieder – und mit der Zeit auch mehr in meiner Mitte." Und dazu, das hat Fischer-Bernard gemerkt, gehört für sie doch auch die Kunst.

„Als ich das Haus gesehen habe, war mir sofort klar, dass ich hier eine Galerie eröffnen möchte, die Räume sind perfekt", findet sie. Und hat recht: Die hohen Decken und die Raumaufteilung ist ideal – obwohl das liebevoll gestaltete Bad und die vielen kleinen dekorativen Details darauf hindeuten, dass es vor allem ihr selbst zu verdanken ist, dass die Kunst hier gut zur Geltung kommt. „Genau das will ich auch meinen Kunden bieten", so Fischer-Bernard. Kunst als reine Investition, damit könne sie nicht viel anfangen. „Mir ist wichtig, dass die Käufer sich nicht nur auf ein Werk fokussieren, sondern dass der Ort, an dem es Platz finden soll, stimmig in Szene gesetzt wird. Es geht fast mehr um Dekoration als um pure Kunst." Deshalb die einladenden Werke von vier externen Künstlern, in denen sich ihre Lebensfreude widerspiegelt. Deshalb ihre eigenen, handgefertigten Papierlampen, die warm und verspielt zugleich wirken. Deshalb auch die auf Samstagmorgen begrenzten Öffnungszeiten. „An den anderen Tagen will ich die Kunden nach Terminabsprache empfangen und mir Zeit für sie nehmen."

Senseless, der Galerie-Name, ist natürlich ein Wortspiel mit Sencelles. „Aber es ist auch eine Einladung, nicht immer alles so ernst zu nehmen. Es muss nicht immer alles einen Sinn haben. Die Hauptsache ist doch, dass wir in Bewegung sind."

Galerie Senseless, Carrer de Sor Francinaina Cirer, 51, Sencelles, Sa. 10 bis 14 Uhr, oder auf Anmeldung unter Tel.: 687-72 86 62

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