04. November 2018
04.11.2018

Dr. Sommer träumt von einer Praxis in Palma de Mallorca

Michael Cantacuzene hat 23 Jahre lang für das Jugendmagazin Bravo gearbeitet. Heute lebt der einstige Aufklärer der Nation zum Teil auf der Insel

04.11.2018 | 01:00
Tiger Sancho beschützt "Dr. Sommer" vor bösen Geistern in Palma de Mallorca.

Vielen Eltern graut davor, dem eigenen Nachwuchs von den Bienchen und den Blümchen zu erzählen. Michael Cantacuzene hat damit kein Problem. Schließlich sieht er die Pubertät als wahnsinnig spannenden Lebensabschnitt. Der Münchner war nach einem abgeschlossenem Sport- und Psychologiestudium von 1986 bis 2009 Teil des Dr.-Sommer-Teams der Jugendzeitschrift „Bravo". Seit 2015 lebt der heute 65-Jährige in einer Wohnung an der Schnittstelle der Einwanderer-Stadtviertel Pere Garau und Son Gotleu in Palma.

Zu Ihrer Zeit ging es bei Dr. Sommer noch hoch her. Wie haben Sie es geschafft, die vielen Zuschriften zu verarbeiten?
Zu Spitzenzeiten waren es bis zu 400 Briefe pro Tag. Unsere Besetzung war immer unterschiedlich. Anfangs waren wir nur zu zweit. Je nach Arbeitsaufwand kamen noch weitere Fachleute hinzu, um die Briefflut abzuarbeiten. Jeder Brief mit Absender – die Hälfte der Zuschriften waren anonym – bekam eine persönliche Antwort. Bei Sachfragen haben wir aber auch mit Textbausteinen gearbeitet.

Das heißt, die Post wurde mit großer Verzögerung beantwortet?
Nein, wir haben alle Briefe gesichtet und nach Dringlichkeit beantwortet. Wenn ein Mädchen zum Beispiel nicht weiß, ob es schwanger ist, muss es sofort eine Antwort bekommen. Denn die Pille danach muss sehr zeitnah eingenommen werden. Bei manchen Problemen mussten wir auch sofort zum Telefonhörer greifen. Beispielsweise wenn der Vater Alkoholiker und gewalttätig ist und das Kind Schläge befürchtet, wenn es nach Hause kommt.

Sie haben neben den Zuschriften auch ein Sorgentelefon betreut. Was waren die häufigsten Probleme?
Das waren meistens emotionale Probleme. Dass jemand verliebt war und nicht wusste, wie er sich der anderen Person nähern soll. Am Telefon haben wir uns Strategien überlegt, die die Jugendlichen gewissermaßen als Hausaufgabe hatten. Hat es nicht geklappt, haben sie wieder angerufen, und wir haben uns etwas Neues überlegt.

Was waren das für Strategien?
Das ist immer sehr individuell. Ein Beispiel: Ein Mädchen sieht einen Jungen immer im Bus, und beide tauschen Blicke aus, aber keiner traut sich, den anderen anzusprechen. Da gibt es die Möglichkeit, beim Aussteigen einen Zettel mit der Telefonnummer zuzustecken. Durch den Blickkontakt ist eine gewisse Bereitschaft signalisiert – ein Korb ist dann eher unwahrscheinlich. Und der ist schließlich das Schlimmste, was passieren kann.

Sie haben den Job 23 Jahre lang gemacht. Haben sich mit der Zeit die Sorgen der Jugendlichen geändert?
Als ich 1986 angefangen habe, wurden die Mädchen meist von den Jungs bedrängt. In dem Sinn, dass sie einen Jungen zwar gern hatten, der Junge aber zu schnell mit ihnen ins Bett wollte. Viele Mädchen haben sich darauf eingelassen, es dann aber bereut. Wir haben ihnen Mut gemacht, zu ihren Gefühlen zu stehen und Nein zu sagen. Mit der Zeit hat sich diese Situation gedreht. Die Jungs interessierten sich viel mehr für die Kumpels und den Sport, das Interesse an den Mädchen ließ nach. Dann waren plötzlich die Mädchen die treibende Kraft. Sie wollten wissen, wie sie es schaffen, dass die Jungs auf sie abfahren.

Als ausgebildeter Psychologe konnten Sie da problemlos helfen. Es gab aber auch immer wieder Detailfragen, wie über bestimmte Sexstellungen. Wo hatten Sie selbst das Wissen her?
Wenn ich etwas nicht wusste, habe ich in Büchern nachgeschlagen oder bei Experten nachgefragt. Das waren meistens medizinische Fragen über den Frauenkörper. Beispielsweise bei Regelschmerzen geht es in Grenzbereiche, da ist es sehr problematisch, Ferndia­gnosen zu stellen.

Waren die Fragen immer ernst gemeint? Einige schienen komisch oder ausgesprochen naiv...
Natürlich gab es auch erfundene Fragen, um Dr. Sommer aufs Kreuz zu legen. Es konnte auch sein, dass jemand einem Mitschüler einen Streich spielen wollte. Dann haben wir geantwortet: Solltest du wirklich dieses Problem haben, dann schreib uns noch einmal. Es gab aber auch Grenzfälle. Zum Beispiel den eines 18-Jährigen, der ein Verhältnis mit seiner Mutter hatte. Das klingt ausgedacht, war aber tatsächlich so.

Der Erfinder von Dr. Sommer, Martin Goldstein, meinte in einem Interview, dass er nie aufgeklärt wurde. Wie war das bei Ihnen?
Kein Wunder, Doktor Goldstein war ja noch früher dran als ich. Er hatte in der Schule ­keinen Sexualkundeunterricht. Ich ging sieben Jahre lang im Benediktinerkloster zur Schule. Eine klassische Aufklärung gab es für mich daher auch nicht. Da ich aber jedes Wochenende in die Stadt gefahren bin, habe ich außerhalb der Schule ein normales Teenagerleben geführt. Mit entsprechenden Infos von Freunden wurden auch meine Mädchenbekanntschaften immer intensiver.

Also hat auch Dr. Sommer Mädchenprobleme gehabt?
Klar bin ich auch bei Mädels abgeblitzt, hatte Liebeskummer und Gefühlschaos. Die Teenagerzeit ist ein unglaublich spannendes Alter. Man entdeckt viele Sachen neu, und es ist viel Herzklopfen dabei. Diese Situationen liebe ich. Ich konnte mich gut in die Teenager reinversetzen, ich war gern Dr. Sommer.

Sie waren bei öffentlichen Auftritten auch dessen Gesicht. Fanden Sie es nie peinlich, der Aufklärer der Nation zu sein?
Ich war auch jahrelang mit Bravo TV im Fernsehen zu sehen. Damals haben mich Leute in der U-Bahn wiedererkannt. Ich mochte es, in der Menge zu sein und direkten Kontakt zu den Jugendlichen zu haben. Das Vertrauen der Kinder in den Dr. Sommer hat mich gefreut.

Ihren eigenen Kindern waren Sie aber peinlich...
Das habe ich nie verstanden. Ich habe sie nie aufgeklärt, aber die „Bravo" in die Nähe gelegt. So habe ich sie quasi indirekt erreicht.

Wie sehr hat Ihr Job Ihr Privatleben beeinflusst?
Wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis ein Problem hat, werde ich schnell mal nebenbei gefragt. Das merke ich auch in Palma bei den Leuten, die ich kennenlerne. Es liegt halt nahe, wenn man dem ehemaligen Dr. Sommer gegenübersitzt. Das sind dann eher beziehungstechnische Probleme. Ich biete auch Paartherapie an. Das mache ich aber lieber spontan in einem Gespräch. Die therapeutische Situation mit einem Termin und exakter Zielvorgabe habe ich nicht so gern.

Sie sagen, Sie seien gern Dr. Sommer gewesen. Wieso kam es dann 2009 zum Aus?
Die Auflage ist gesunken. (Von knapp einer Million Exemplare 1998 auf knapp 100.000 Exemplare derzeit. Das entspricht einem Minus von 89,9 Prozent.) Die Personalkosten waren zu hoch. Vor mir sind viele Mitarbeiter eingespart worden, und irgendwann war ich dran. Ich hatte auch ein Alter erreicht, wo ich meine, dass ich mich nicht mehr täglich mit den Problemen von Zwölf- und 13-Jährigen rumschlagen muss. Wobei es mich immer noch reizt und ich es auch heute noch machen könnte.

Braucht es überhaupt noch den Dr. Sommer in der „Bravo"?
Die „Bravo" ohne Dr. Sommer – das ist unvorstellbar! Dr. Sommer ist das Herzstück. Bei der geringen Auflage liest das allerdings kaum noch jemand in der Zeitschrift. Schließlich gibt es fast alle Fragen und Antworten im
Internet, ohne persönliche Beratung. Kinder und Jugendliche denken heutzutage, dass sie alles wissen, wenn sie ein paar Pornos angeschaut haben. Da besteht die Gefahr, dass manches, was eine Beziehung ausmacht, auf der Strecke bleibt. Zum Beispiel fehlt jegliche Emotionalität, wenn alles nur noch auf den Orgasmus und Stellungen reduziert wird.

Dass es nur um Sex geht, ist einer der größten Kritikpunkte von Dating-Apps. Was halten Sie von Plattformen wie Tinder?
Tinder hat zwei Seiten. Einerseits ist es genial, weil man schnell neue Leute kennenlernen kann und eine große Auswahl hat. Wenn dabei nur schneller Fast-Food-Sex herauskommt, ist es gefährlich. Das kann Menschen abstumpfen und sie beziehungsunfähig machen, weil sie denken, wenn es nicht klappt, hol ich mir halt den nächsten. Austauschen ist zu einfach.

Was hat Sie auf die Insel verschlagen?
Ich habe einen Freund besucht. Wir waren Mitte Dezember in Sóller. Es war 20 Grad warm, und man konnte baden. In München waren es nur fünf Grad. Diese Differenz hat mich geschockt und fasziniert zugleich. Ich möchte zumindest den Winter hier verbringen.

Warum ausgerechnet in diese Viertel?
Das ist kein Zufall. Im Winter ist die Altstadt wie leer gefegt. In Pere Garau und Son Gotleu ist dann noch Leben auf der Straße.

Sie sind 65 Jahre alt. Sind Sie eigentlich schon im Ruhestand?
Ich habe im Hinterkopf, dass ich hier eine Praxis aufmache. Die Schwerpunkte sind dann: Angstsymptome, Psychosomatik und Beziehungskrisen. Es macht mir Spaß, gemeinsam mit den Patienten Lösungen auszudenken. Dabei geht es mir keinesfalls ums Geld. Eine Therapie bei mir soll sich jeder leisten können.

Würde ein Format wie Dr. Sommer auch im katholischen Spanien funktionieren?
Ich glaube nicht. Die Spanier sind ziemlich zugeknöpft und religiös. Dr. Sommer geht sehr offenherzig und offensiv mit sexuellen Fragestellungen um. Ich denke, das würde die Spanier überfordern. Ein dezenterer Dr. Sommer könnte aber durchaus funktionieren.

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