26. Januar 2019
26.01.2019

Der Mann, der Santa Catalina mit seiner Gitarre verzaubert

David H. Eggers lebt seit 29 Jahren auf der Insel. In England hatte er seinen Job verloren. Seit sechs Jahren spielt er mit der E-Gitarre an einer Brücke in Santa Catalina. Ums Geld geht es ihm nicht. Er will nur seine Ruhe haben

26.01.2019 | 01:00
David H. Eggers hat zu Hause gut ein Dutzend Gitarren. Bei seinen gefühlvollen Solos improvisiert er oft stundenlang.

Von David H. Eggers haben Sie bestimmt schon gehört. Zumindest, wenn Sie einmal am Wochenende über die Brücke vom Plaça de la Porta de Santa Catalina zum Park Sa Feixina spaziert sind. Dort sitzt seit gut sechs Jahren der 56-jährige Engländer oft mit einer seiner E-Gitarren (zu Hause hat er ein Dutzend) und einem kleinen Verstärker und schickt seine traurig-schönen, schier endlosen Gitarrensolos über die Straße. Dazu läuft leise Hintergrundmusik, die er sich bei Youtube heruntergeladen hat. Manchmal spielt er zusammen mit seinem Freund Ricardo hier, den er auf der Brücke kennengelernt hat. Über Privates reden die beiden nie.

David H. Eggers hat wie jeder Straßenmusiker ein paar Münzen vor sich platziert. Das gehört irgendwie dazu. Doch wegen des Geldes ist er nicht hier. „Von den vielleicht fünf Euro, die ich hier in zwei, drei Stunden mache, gehe ich manchmal frühstücken oder einen Kaffee trinken, wenn im Park ein Hund unablässig bellt." David H. Eggers will eigentlich nur seine Ruhe haben. Und Gitarre spielen. Dafür sei dieser Platz an der Brücke besonders geeignet, da die Häuser den Sound wunderbar reflektieren würden.

Am Plaça d'Espanya würde er niemals spielen

„Am schönsten ist es, wenn kaum Autos fahren und die Luft klar ist, so wie jetzt im Winter", sagt er. Am Plaça d'Espanya zu spielen wäre dagegen ein Albtraum. „Wer Geld mit Straßenmusik verdienen will, der muss den Leuten eine Show bieten. Oder wenigstens singen", sagt. Nein, David H. Eggers nimmt die Leute kaum wahr, die an ihm vorüberziehen. Außer vielleicht, wenn ein Handy losbimmelt. Seines hat er vor ein paar Jahren verloren und sich einfach kein neues angeschafft. Seine Frau Carmen fände das zwar nicht so gut, aber sie weiß ja, wo sie ihn finden kann. „Von E-Gitarren bekommt sie Kopfschmerzen", sagt er. Noch ein guter Grund, seinen Klappstuhl an der Brücke aufzuschlagen.

Verheiratet sind die beiden seit 1990. Damals ist er auf die Insel gekommen, um die Mallorquinerin zu heiraten. In einem Pub der englischen Südküstenstadt Hastings haben sie sich kennengelernt und verliebt. Sie hat dort einen Sprachkurs besucht, um Englisch zu lernen. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. „Ich bin gelernter Werkzeugmacher und habe meinen Job wegen Margaret Thatcher verloren. Viele metallverarbeitende Betriebe mussten damals schließen", sagt er. Damals war er 20. Die von 1979 bis 1990 regierende britische Premierministerin mit dem Spitznamen „Eiserne Lady" hatte Staatsunternehmen in großem Umfang privatisiert und den Einfluss der Gewerkschaften gebrochen. Ohne Thatcher würde er wahrscheinlich heute nicht in Palma sitzen und Gitarre spielen, sagt Eggers.„Erst nachdem ich arbeitslos war, habe ich angefangen, Musik zu machen."

Sein Sohn lebt in Leipzig

Und wer weiß, vielleicht hätte er den Schritt nie gewagt, nach Mallorca zu ziehen und Carmen zu heiraten. Dann hätte es aber auch ihre vier gemeinsamen Kinder nicht ­gegeben. Sein Sohn (28) lebt in Leipzig und arbeitet dort als Mechaniker. Seine drei Töchter (25, 22 und 19) wohnen noch auf der Insel. Zwei studieren an der Balearen-Universität, die jüngste träumt davon, Model zu werden.

Während seines ersten Jahres auf Mallorca fand er es seltsam, dass nie Wolken am Himmel waren. Auch an die späten Essenzeiten habe er sich gewöhnen müssen. Schließlich lebten er und seine Frau anfangs mit ihrer Familie zusammen. „Sie hat Jura studiert, ich habe mich hauptsächlich um die Kinder gekümmert", sagt er. Dann habe sie sich als gestora selbstständig gemacht und Firmen bei Behördenfragen und Steuerangelegenheiten geholfen. Da ist er mit eingestiegen. Und als sie vor vielen Jahren anfing, für einen Notar zu arbeiten, hat er die Beratungsgeschäfte weitergeführt. Er fühle sich reich, wenn er an einem sonnigen Tag auf der Insel unterwegs sein kann, zu Kunden fährt und sich den Luxus gönnt, für eine halbe Stunde das Auto anzuhalten und schwimmen zu gehen.

Darüber denkt er nach, wenn er spielt

Heute hat er nicht mehr viele Kunden. Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und David H. Eggers hängt gerne beim Gitarrespielen seinen Gedanken nach. „Ich glaube, alles im Universum hat schon immer existiert", sagt er. „Wir Menschen manipulieren die Dinge nur." So wie man beim Bau eines Autos Werkstoffe nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung so anordnet, bis es sich bewegt. „Als Musiker manipuliere ich Geräusche", so Eggers.

Ob er es jemals bereut hat, auf die Insel gekommen zu sein? „Schwer zu sagen, es ist gut und schlecht. Aber eigentlich nicht. Wenn ich singen könnte, würde ich gerne mit der Gitarre als Busreisender durch Amerika ziehen." Alles Stetige liege ihm nicht. Bis auf seine Familie? „Ja, bis auf meine Familie", sagt er nachdenklich, greift wieder zur Klampfe und spielt ein Solo.

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