17. April 2019
17.04.2019

Schicksalsschlag auf Mallorca: die Kunst als Selbst-Therapie

Wie eine 60-jährige Auswanderin und Künstlerin in Cala Ratjada Positives aus ihren Erfahrungen zieht

17.04.2019 | 01:00
Kerstin-Daniela Morgenstern in ihrem Atelier in Cala Ratjada

Entspannungsmusik hallt durch die hellen Räume. Wer über die Schwelle in das Atelier von Kerstin-Daniela Morgenstern tritt, vergisst schnell das bunte Treiben draußen im Carrer Castellet mitten in Cala Ratjada im Nordosten von Mallorca. Strahlend bunte Gemälde und eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Fotografien hängen an den weißen Wänden, ein großer Holztisch ist voller Farbtöpfe und Pinsel. Auf einem Sofa mit schwarzem Überwurf sind mehrere knallbunte Kissen drapiert. Es wirkt wie ein Rückzugsort und eine Kraftquelle zugleich. Nicht, dass Kerstin-Daniela Morgenstern kraftlos wirkt. Sie ist schick gekleidet, ihr Händedruck ist fest, ihr Blick offen. Nur wenn sie läuft, weist ein leichtes Humpeln auf jenen Schicksalsschlag vor 16 Jahren hin, der ihr Leben verändern sollte – und die Kunst in den Vordergrund rückte.

Wenn die 60-Jährige in ihre ausgebeulten Malerklamotten schlüpft – rotes Sweatshirt mit Jeanslatzhose – und zum Pinsel greift, dann wirkt sie plötzlich jünger als 60, begeistert. „Ich wollte schon immer etwas Kreatives machen", erzählt sie. Journalismus, Innenarchitektur oder Textildesign habe sie nach der Schulzeit in Kitzingen bei Würzburg in Erwägung gezogen. Dass es Letzteres wurde, habe sie nie bereut. Nach dem Textildesign-Studium in Coburg fing sie bei der Calwer Decken- und Tuchfabriken AG im Schwarzwald an. „Es war eine tolle Zeit, ich konnte kreativ arbeiten." Doch bei einem Mallorca-Urlaub lernte sie ihren zukünftigen Mann, einen Mallorquiner, kennen – und entschied sich 1993, nach fünf Jahren Fernbeziehung zusammen mit ihrer damals zwölfjährigen Tochter zu ihm nach Capdepera zu ziehen. „Es war die richtige Entscheidung. Wenige Jahre später schloss die Tuchfabrik nach mehr als 350-jährigem Bestehen."

In den ersten zehn Jahren auf der Insel betätigte sich Morgenstern vor allem in ihrer Freizeit künstlerisch, kümmerte sich ansonsten vorwiegend um die Kinder der Patchworkfamilie und stieg dann in die Immobilienbranche ein – eine Phase, nach der sie sich nicht zurücksehnt. „Mit Immobilienverkauf will ich nie wieder etwas zu tun haben, da läuft so vieles gegen meine Wertvorstellungen." Letztlich waren es tatsächlich Querelen mit einer Bank und einem ehemaligen Geschäftspartner, die sie veranlassten, am Morgen des 1. August 2003 gemeinsam mit ihrer Tochter über Cala Millor nach Palma zu fahren. Eine Fahrt, die, wie sich später herausstellte, nicht nur unnötig war, sondern in einer Tragödie endete.

„Es gibt ein Vorher und ein Nachher in meinem Leben. Aber mittlerweile kann ich darüber reden, ohne dass es mich mitnimmt", sagt Morgenstern. Sie habe nur bruchstückhafte Erinnerungen, einige Dinge könne sie sich nur durch Berichte von Augenzeugen zusammenreimen. Da war der Bus vor ihr, und der Pkw, der von der Gegenfahrbahn zum Überholen ausschwenkte – und frontal mit ihrem Wagen zusammenstieß. Dann das Auto, das in Flammen aufging, ihre 22-jährige Tochter auf dem Beifahrersitz, die im Rauch kaum zu erkennen war. Sie selbst eingeklemmt. Und der Retter – ein Polizist außer Dienst –, der geistesgegenwärtig handelte und Mutter und Tochter aus dem Wagen zog.

Einen Monat lang lagen beide in verschiedenen Insel-Krankenhäusern, danach verbrachte Morgenstern insgesamt sieben Jahre in Rehabilitation und musste sich 14 Mal operieren lassen. Bis heute traut sie sich nur unter bestimmten Bedingungen ans Steuer. Und doch nimmt sie aus der Tragödie vor allem positive Gefühle mit. „Hängengeblieben sind bei mir vor allem Hoffnung und Dankbarkeit." Die Hilfsbereitschaft, die sie durch die Familie ihres Mannes erfahren habe, sei überwältigend gewesen. Bis heute ist sie mit ihrem behandelnden Arzt befreundet, auch ihren Lebensretter trifft sie noch immer regelmäßig. Vor allem aber habe ihr der Unfall gezeigt, was wichtig im Leben ist und was nicht.

Und Kunst gehöre eindeutig zu den wichtigsten Dingen. „Seidenmalerei hat etwas Meditatives, denn sie erfordert sehr viel Konzentration", sagt Morgenstern und fährt vorsichtig mit einem Pinsel über den vor ihr gespannten glänzend weißen Stoff, der sich augenblicklich magentarot färbt. Farben faszinieren sie am meisten, schon ihre Diplomarbeit widmete sie damals der Farbpsychologie. Je kräftiger und leuchtender, desto besser. Genau deshalb ist Seide auch ihr bevorzugtes Material. „Hier kommen die Farben zur Geltung, und die Farbverläufe sind am nahtlosesten", sagt sie. Über die Jahre hat Morgenstern ihre Techniken ausgefeilt und perfektioniert, heute
arbeitet sie mit Föhn und Salzkörnern und baut Farbmuster mit ein.

Mit einer speziellen Fixiermaschine prägt sie die Farben mit Wasserdampf in die Seide ein. Einige Stoffe rahmt sie ein, andere verarbeitet sie zu edlen Seidenschals oder farbenfrohen Capes. Morgenstern malt oft mehrere Schichten und braucht Tage, um ein Stück fertigzustellen. Die Unikate haben ihren Preis: die Schals kosten ab 89 Euro.

Botschaften verknüpft sie mit ihren Werken nicht. „Ich will beim Betrachter das positive Gefühl hervorrufen, das ich bei der Gestaltung empfinde." Und tatsächlich: Die Bilder sind fröhlich und tiefgründig zugleich. Das gilt auch für viele ihrer Acrylgemälde und Fotografien. Seit acht Jahren besucht Morgenstern professionelle Fotokurse und vernetzt sich mit anderen Fotografen von der Insel – durch die Familie ihres Mannes spricht sie fließend Katalanisch.

Natürlich sei Mallorca bei der Motivsuche wegen der Insellage ein räumlich begrenztes Terrain. Es gebe Stellen auf der Insel, die suche man als Fotograf immer wieder auf – sei es zu unterschiedlichen Tages- oder Jahreszeiten oder bei bestimmten Wetterlagen. Dennoch könne man immer wieder neue Perspektiven entdecken. „Naturphänomene können auf Mallorca spektakulär sein", findet Morgenstern. „Und auch das Meer mit Felsformationen, Felsen am Wasserrand oder tobende Wellen sind ein nahezu unerschöpfliches Motiv." Nicht selten gäben ihr die Fotos die Inspiration für ein Gemälde und umgekehrt. Und jedes Mal profitiere sie selbst davon. „Das Gestalten löst in mir ein regelrechtes Hochgefühl aus."

Morgenstern stellt demnächst in der Galería ArtMallorca in Palma aus (Carrer Missió, 26). Vernissage: 3. Mai, 20 Uhr.
www.kdmorgenstern.art

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