18. Mai 2019
18.05.2019

Hauskauf in der Playa Romántica vor 50 Jahren: Wie beim Schlussverkauf

Mit "ewiger Sonne" und "Herrlichkeit auf Erden" lockte ein cleverer schwäbischer Geschäftsmann Ende der 60er Jahre deutsche Hauskäufer nach Mallorca. Bis heute macht es den Anwohnern der Feriensiedlung zu schaffen, was damals schief lief

18.05.2019 | 01:00
Zum 50. Bestehen der Eigentümergemeinschaft überreichte Vorsitzender Rainer Brauchle (hinten links) Richard Stier (vorne rechts) eine Ehrenurkunde

Richard Stier kann sich noch genau erinnern, wie er vor 50 Jahren, zum Jahreswechsel 1969/70, erstmals zur tief eingeschnittenen Bucht S'Estany d'en Mas im Gemeindegebiet von Manacor kam. „Nach Mallorca flogen wir von Stuttgart aus mit einem Charterflug, organisiert von der Firma Contracta", so der 81-Jährige. Es war eine Propellermaschine. An Bord gut 50 Deutsche – überwiegend Schwaben –, die sich von den Zeitungsannoncen des Stuttgarter Unternehmens angezogen fühlten.

Mit „ewiger Sonne" und „aller Herrlichkeit auf Erden" warb Europas größtes Ferienhaus-Unternehmen um Käufer im sonnigen Süden. Wenige Jahre später sollte der Konzern pleitegehen – und ein juristisches Wirrwarr hinterlassen, das bis heute verhindert, dass die an der Bucht entstandene Siedlung Playa Romántica in die öffentliche Verwaltung übergehen kann. „Ich hatte schon immer ein Faible für den Süden, auch wenn ich nie da gewesen war", erinnert sich Richard Stier 50 Jahre zurück. Mit 31 Jahren sei er einer der Jüngsten gewesen, die auf der Verkaufsreise dabei waren.

300 D-Mark kostete der viertägige Trip. „Ihre Frau reist kostenfrei", hieß das Lockangebot. „Schon im Flugzeug verteilten die Contracta-Mitarbeiter Prospekte über die Bauvorhaben an der Playa Romántica und der Costa de la Calma", erinnert sich Stier. Ebenfalls mit an Bord: Contracta-Gründer Rudolf Ratzel (Jahrgang 1921). „Ein schwäbischer Häuslebauer, der sich zum Oberhäuslebauer Europas emporgeschwungen hat, und den man deshalb, nicht ohne Grund, einen ,Europäer der ersten Stunde' nannte", schrieb die „Stuttgarter Zeitung" im Juni 1971. Er baute die Völkerverständigung der Europäer dadurch aus, dass er scharenweise Deutsche ins Ausland lockte – und daran gut verdiente. „Er war eine schillernde Persönlichkeit und ein genialer Verkäufer. Schon auf dem Hinflug unterschrieben die ersten Käufer Verträge, es ging zu wie beim Schlussverkauf", sagt Richard Stier.

Eine Handvoll Häuser sei bereits bezugsfertig gewesen, andere hätten sich im Rohbau befunden, als die Reisegruppe mit dem Bus Playa Romántica erreichte. Leere Baugrundstücke seien in Parzellen aufgeteilt abgesteckt gewesen. „Ratzel stand da mit einem Megafon und schaffte eine Stimmung wie bei einer Versteigerung. Am Ende waren alle Grundstücke verkauft", berichtet Stier. Auch er selbst schlug zu, entschied sich zunächst für einen nur 32 Quadratmeter großen Rohbau für 32.000 D-Mark und machte noch am selben Abend den Vertrag fest. „Anders als die meisten Käufer bezahlte ich direkt mit einem Verrechnungscheck und nicht mit einer Anzahlung via Wechsel", sagt er. Rückblickend genau das Richtige. „Viele zahlten nur rund 15 Prozent des Kaufpreises und spekulierten darauf, dass sie den Rest mit den Jahren durch Ferienvermietungs-Einnahmen abbezahlen konnten." Das Problem: Contracta versäumte es bis zu ihrer Insolvenz Mitte der 1970-er Jahre nicht nur, die Übergabe der Verwaltung an die Gemeinde einzufädeln, sondern auch, für eine ordnungsgemäße Kanalisation zu sorgen. „Und allein mit den Sickergruben konnten die neuen Hausbesitzer keine Genehmigung für die gewerbliche Vermietung beim spanischen Staat erwirken", so Stier.

„Bis heute leiden wir Anwohner unter dem, was damals schief lief", sagt Rainer Brauchle. Er ist aktuell Vorsitzender der am 27. Juni 1969 gegründeten Eigentümergemeinschaft Playa Romántica. Damals noch, um sich gegen einen Baustopp zu wehren, den die Stadt Manacor der Firma Contracta kurzzeitig auferlegt hatte. Seit 1974 kümmert sich die Eigentümervereinigung notgedrungen um die Dinge, die eigentlich Contracta übernehmen sollte: Straßenreparaturen, Postzustellung, Straßenbeleuchtung, Instandhaltung der Grünflächen – all das organisieren und finanzieren die Eigentümer seit Jahrzehnten selbst. „Dabei zahlen wir Grundsteuer wie alle anderen in Manacor auch", so Brauchle.

Schritt für Schritt kämpft er wie seine Vorgänger ehrenamtlich für die Eingemeindung der Siedlung. „Wir gehen davon aus, dass die letzten Hürden für die Übernahme bald überwunden sein werden", sagt er optimistisch. „Die Müllabfuhr und die Straßenreinigung sind schon in städtischer Hand, auch bei der Straßenbeleuchtung sollte es nicht mehr lange dauern. Wir haben alle Auflagen erfüllt, die uns die Stadt Manacor vorgegeben hat." Schwieriger sei das mit den öffentlichen Grünflächen. „Die gehören den Kindern der ursprünglichen Landbesitzer, von denen Contracta die Baugrundstücke erwarb. Sie wollen das Erbe nicht antreten, also müssen wir weiter selbst für die Instandhaltung aufkommen."

Rund 320 Euro muss jeder Eigentümer an der Playa Romántica pro Jahr an die Gemeinschaft zahlen. Die hat dafür einen Verwalter eingesetzt, der die Instandhaltung der Infrastruktur überwacht und als Ansprechpartner stets vor Ort ist. „Bis heute sind 90 Prozent der etwa 250 Eigentümerparteien nicht ganzjährig hier", so Brauchle. Noch immer ist die überwiegende Mehrheit deutsch. Schon seit Längerem habe ein Generationenwechsel eingesetzt, und es sei nicht immer einfach, neue Käufer vom Sinn und Zweck der Eigentümergemeinschaft und den anfallenden Kosten und Pflichten zu überzeugen. Oft müsse Brauchle als Vorsitzender hinter ausstehenden Beitragszahlungen herrennen. „Mit Urlaub ist da oft nicht viel, wenn ich mal auf Mallorca bin", so der Schwabe, der eines der Ferienhäuser gemeinsam mit seiner Frau vor rund 25 Jahren erwarb. „Natürlich wussten wir damals Bescheid, in welcher Situation sich Playa Romántica befindet, aber was da alles dranhängt, war uns nicht klar."

Trotzdem bereue er den Kauf nicht. „Wir versuchen, durch gemeinschaftliche Aktionen mehrmals im Jahr den Zusammenhalt unter den Anwohnern zu stärken", berichtet er. Vor 50 Jahren hätten sich die Teilzeitresidenten noch regelmäßig am Strand getroffen. „Heute bleiben dann doch viele an ihrem eigenen Pool und kennen ihre Nachbarn kaum." Sommerfeste, Stammtische und Ausflüge der Eigentümergemeinschaft sollen gegensteuern.

„Wichtig ist uns auch immer der Kontakt zu den Einheimischen", so Brauchle weiter. Zum 50-jährigen Bestehen spendete die Gemeinschaft gut 6.000 Euro an die örtliche Aproscom-Stiftung für Menschen mit Behinderung. „Wir wollen uns hier integrieren." Auch Richard Stier, der mittlerweile einer der letzten der noch lebenden Hausbesitzer aus erster Stunde ist, würde seine Entscheidung für den spontanen Hauskauf vor 50 Jahren um keinen Preis rückgängig machen wollen. Zu schön sind die Erinnerungen an unzählige Familienbesuche. „Natürlich ist vieles an der Playa Romántica schiefgelaufen, aber mir gegenüber hat die Contracta damals alles ordnungsgemäß abgewickelt", so der 81-Jährige. Bis heute verbringt er viele Monate des Jahres in seinem Ferienhaus, und auch seine längst erwachsenen Kinder nutzen es. „Mein Faible für den Süden hat sich voll und ganz gehalten."

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