28. Juni 2019
28.06.2019

Sexueller Missbrauch auf Mallorca - was tun?

Vor allem an Kindern ist sexueller Missbrauch viel weiter verbreitet, als wir wahrhaben wollen. Auf Mallorca geht die Stiftung Rana dagegen an. Interview mit der Gründerin, die selbst betroffen ist

28.06.2019 | 13:07
Elizabeth Homberg vor einem Poster der Rana-Stiftung

Statistisch wird eines von fünf Kinder noch vor seinem 18. Geburtstag sexuell missbraucht – so die EU-Kommission in einer Studie von 2010. Auf Mallorca nimmt sich seit 2008 die Stiftung Rana (Red de Ayuda a Niños Abusados) der Opfer an. Gegründet hat Rana eine US-Amerikanerin, die in ihrer Kindheit selbst von ihrem Stiefvater missbraucht wurde: Elizabeth Homberg (Charleston, 1967). Im Namen der Stiftung nahm sie dafür am Mittwoch (26.6.) einen Preis der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca" an.


Wie kommt eine Frau aus South Carolina dazu, auf Mallorca gegen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen zu kämpfen?

In den USA habe ich an einem Präventionsprogramm teilgenommen. Als ich nach Mallorca kam, merkte ich, dass das hier ein Tabu-Thema war. Niemand hätte gedacht, das hier so etwas passieren könnte. Die Leute haben sich vollkommen davor versperrt, obwohl es natürlich auch hier Fälle gibt.


Ist das Leugnen auf den Balearen stärker ausgeprägt als anderswo?

Ja. Die Palmesaner glauben, dass es nur auf den Dörfern passiert, und die Dorfbewohner, dass es nur in Palma geschieht. Dabei geschieht es überall. In allen sozialen Schichten, unabhängig vom Bildungsniveau, in allen Ländern.


Gibt es eindeutige Anzeichen, um zu erkennen, dass ein Kind sexuell missbraucht wird?

Das ist sehr schwer und es gibt nicht immer Anzeichen. Aber wenn ein vier- oder fünfjähriges Kind unanständige Bilder malt oder auf dem Schulhof mit sexuellen Bewegungen auf sich aufmerksam macht, dann kann es gut sein, dass es Missbrauch erfährt. Ebenso, wenn es sich einnässt, wenn es plötzlich nicht mehr in die Schule gehen will oder die Noten auf ­einmal absacken. Wenn ein Kind jemandem keinen Kuss geben möchte, kann es seine Gründe dafür haben, und man sollte es niemals dazu zwingen. Am häufigsten betroffen sind die Sechs- bis Elfjährigen. Es gibt aber auch ältere Opfer. Und Babys.


Wie hoch ist der Anteil der Opfer, die sich trauen, den Missbrauch anzuzeigen?

In einer Klasse von 25 Leuten sitzen statistisch gesehen fünf, die vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter in irgendeiner Form sexuell missbraucht worden sind. Aber nur etwa jeder Zehnte von ihnen macht unmittelbar nach dem Vorfall öffentlich, was passiert ist.


Gibt es bestimmte Ausprägungen des sexuellen Missbrauchs an Kindern, die häufiger vorkommen als andere?

Die Bandbreite ist sehr groß. Sie geht von Exhibitionismus über Berührungen bis hin zu einem erzwungenen sexuellen Akt. Einige zeigen Kindern Pornografie, überzeugen sie, sich ähnlich zu verhalten, andere haben vor den Augen der Kinder Sex, ohne das Kind selbst anzufassen. Und da sind die zunehmenden Online-Delikte. Das ist eine große Gefahr.


Wie kann man vorbeugen?

2008 haben wir unsere Arbeit mit Erwachsenen auf Mallorca aufgenommen. Wir haben Lehrer und Erzieher weitergebildet und sensibilisiert. Die Nachricht sollte immer sein: Wenn jemand dir wehtut, sag Nein. Wenn er weitermacht, sag es noch einmal. Wenn er nicht aufhört, schrei laut! Sie werden dich hören und dir helfen.


Aus welchem Umfeld kommen die Täter?

Zu 80 Prozent aus dem familiären. Eltern, Stiefeltern, Onkel, Großväter?€ Es können Männer und Frauen sein, obwohl es mehrheitlich Männer sind. Ein weiterer Kreis sind die Sport- oder Schwimmlehrer. Überall, wo Kinder sind, sind Leute, die versuchen, sie zu missbrauchen. Der Täter sucht eine Arbeit mit Kindern und findet sie in Schulen oder der Kirche.


Welche Auswirkungen hat der sexuelle Missbrauch auf die Kleinen?

Das ist ganz unterschiedlich. Einige sind leichter, andere schwerwiegend: Beziehungsprobleme, Essstörungen, Alkoholismus, Drogensucht€ bis hin zur Prostitution oder zum Selbstmord. Geschwächtes Selbstbewusstsein. Wenn sie um Hilfe bitten und niemand sie ihnen gewährt, dann ist das manchmal schlimmer als der Missbrauch selbst. Denn wenn man ihnen die kalte Schulter zeigt, fühlen sie sich schuldig.


Wie kann man Missbrauchsopfern helfen, mit den Konsequenzen umzugehen?

Wir haben ein Programm für Einzel- und Gruppentherapien für Erwachsene gestartet, die in ihrer Kindheit missbraucht worden sind. Zwei Psychologen leiten dieses Programm. Auf den Balearen haben wir rund 350 Teilnehmer. Die meisten kommen von Mallorca und sind durchschnittlich 40 Jahre alt. 99 von ihnen wurden im engsten familiären Kreis missbraucht.

Wie lange kann so ein Missbrauch unterschwellig wirken, bevor seine Auswirkungen deutlich werden?

Da gibt es keine genaue Zeitangabe. Eine Patientin verdrängte alles, bis sie 38 Jahre alt war. Als ihre Tochter in das Alter kam, in dem sie selbst zum Opfer geworden war, kam alles wieder ins Bewusstsein. Zu uns kommen Menschen, die 40, 50 oder 70 Jahre alt sind. Eine Frau war von ihrem Vater missbraucht worden, und derselbe Mann vergriff sich viel später auch an ihren Töchtern. Wenn sie nicht so lange geschwiegen hätte, hätte sie ihren Kindern diese schlimmen Erlebnisse erspart. Missbrauch ist ein Teufelskreis, und man muss ihn durchbrechen. /somo

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