16. Juli 2019
16.07.2019

Warum auch Ihr Kind wahrscheinlich Pornos konsumiert

Kinder kommen schon mit acht Jahren mit jeglicher Art von Pornografie in Kontakt – das ergibt eine neue Studie der Balearen-Uni auf Mallorca. Was ist daran so gefährlich? Und wie können Eltern die Schäden begrenzen? MZ-Interview mit den Studienleitern

16.07.2019 | 01:00
Carmen Orte und Lluís Ballester mit den Ergebnissen ihrer Studie auf dem Uni-Campus auf Mallorca

Fünf Jahre forschten die Pädagogik-Professoren Carmen Orte und Lluís Ballester von der Balearen-Uni auf Mallorca in Kooperation mit der Organisation Red Jóvenes e Inclusión an der Studie „Neue Pornografie und Veränderungen der zwischenmenschlichen Beziehungen". Kurz nach der Veröffentlichung treffen sie die MZ zum Interview auf dem Campus.

Ihre Studie ergibt, dass 70 Prozent der jungen Leute erstmals mit acht Jahren mit ­Pornografie in Berührung gekommen sind. Wie kommt das?
Ballester: In dem Alter haben Kinder oft erstmals Zugang zu Smartphones und anderen internetfähigen Geräten. So können sie immer früher an pornografisches Material geraten. Auch wenn sie es vielleicht gar nicht suchen.

Kinder stoßen also oft zufällig darauf?
Er fordert die Redakteurin auf, in der Google-Suche „tetas" („Brüste") einzugeben. Gleich der zweite Treffer führt auf eine Pornovideo-Seite.

Ballester: Mit zwei Klicks innerhalb von zehn Sekunden ist man da. Früher hat ein neunjähriges Kind vielleicht im Wörterbuch nachgeschlagen, heute guckt es im Internet und stößt auf so etwas. Es ist die erste Generation, bei der das so ist. Es gibt keine Präzedenzfälle von keiner Kultur in der menschlichen Geschichte, in der die Bildschirme so präsent waren und eine so große Macht hatten. Darüber müssen wir uns gesellschaftlich im Klaren sein. Auch ganz harmlose Suchbegriffe führen schnell auf Pornoseiten. „Blancanieves" („Schneewittchen") zum Beispiel.

Ab 14 Jahren wird der Konsum von den ­Jugendlichen forciert. Wie viel Prozent schauen regelmäßig Pornos?
Ballester: Drei von vier Jugendlichen konsumieren häufig. Bei Mädchen zwei von vier.

Und aus welchen Gründen?
Ballester: Unterschiedlich. Jungen vor allem zur Selbstbefriedigung. Mädchen auch, aber nicht an erster Stelle. Da ist es mehr die Neugierde, der Wunsch, mehr über Sex zu lernen.

Sie haben fast 2.500 Jugendliche zwischen 16 und 29 Jahren befragt. Ein heikles Thema. Sind die Antworten glaubwürdig?
Orte: Es waren anonyme Umfragen, die am Computer beantwortet wurden. Die Schamgrenze ist also gering. Trotzdem ist bei solchen Themen immer ein Teil nicht ganz ehrlich.

Ab wann spricht man von einer Pornosucht?
Ballester: Da gibt es kein klares Limit. Wenn ein Junge nicht mehr in der Lage ist, ohne pornografisches Material zu masturbieren. Dann gibt es noch jugendliche Supernutzer, die, wie eine Harvard-Studie ergab, jeden Tag mindestens eine Stunde Pornos gucken. Wenn man annimmt, es gibt 150.0000 Jugendliche auf den Balearen, und zehn Prozent davon sind Supernutzer, dann sind das bereits 15.000.

70 Prozent der Befragten sagen, dass sie ­erstmals Pornos guckten, weil sie Fragen hatten, die sie Lehrern oder Eltern nicht ­stellen wollten.
Orte: Oder weil sie gefragt haben und die Antworten ihnen nicht genügen.

Was muss sich in der Pädagogik ändern?
Ballester: Es gibt zwei wichtige Sachen: Eine ist, dass die Lehrmittel fortschrittlicher und ansprechender werden müssen, um mit Internet-Videos mitzuhalten. Das Zweite ist, dass die Eltern mehr einbezogen werden müssen.

Orte: Eltern müssen verstehen, dass wenn sie oder die Lehrer die Kinder nicht zum Thema unterrichten, es andere tun werden: die Pornobranche. Das wissen viele Eltern nicht. Sie denken, vielleicht guckt mein Kind so was nicht. Aber am wahrscheinlichsten ist, dass es das eben doch tut.

Können Eltern denn etwas gegen den Pornokonsum ihrer Kinder unternehmen? Han­dys verbieten? Pornos verbieten?
Orte: Kein Kind sollte ein eigenes Smartphone haben. Nicht vor zwölf oder 13. Einem Kind vorher ein Handy zu schenken ist kein unschuldiges Geschenk. Im Internet kann es auf jegliche Inhalte stoßen. Wir reden über Pornografie, aber es geht auch um Drogen, Waffen oder Annäherungsversuche.

Ballester: Pornografie kann man nicht komplett verbieten. Das ist nicht realistisch. Selbst in Ländern, in denen Pornokonsum unter ­Strafe steht, ist er gestiegen. Wenn es da nicht funktioniert, dann hier erst recht nicht. Es gibt diese Funktion der Elternkontrolle am Handy. Aber die greift nur, wenn man „Sex" oder ähnliche Begriffe sucht, und nicht bei „Schneewittchen". Und wenn das Kind es nicht mit dem ­eigenen Handy macht, dann mit dem eines ­anderen. Deshalb muss man sich klarmachen, dass die Bildung der wichtigste Faktor ist.

Bildung, inwiefern?
Orte: Nicht im Sinne von: Heute reden wir über Pornos oder Sex. Sondern es situativ einfließen lassen. Wenn zum Beispiel in einem Film eine Sexszene auftaucht, dann können Eltern mit dem Kind darüber reden, es also ganz natürlich in den alltäglichen Diskurs einfließen lassen. Es darf kein Tabu sein.

Ballester: Sexuelle Aufklärung sollte mit der Aufklärung über zwischenmenschliche Beziehungen anfangen. Eine Erziehung der Emotionen, des Ausdrucks der Gefühle, der Empathie, der Anerkennung des anderen. Pornografie fördert die moralische Abkopplung. Schon sehr früh sehen Kinder den Sex nicht mehr im Zusammenhang mit Gefühlen. Sie merken nicht einmal, wie sie abstumpfen.

Ballester zeigt auf dem Smartphone ein Video, auf dem einem Mädchen beim Sex brutal ins Gesicht geschlagen wird.

Ballester: Wenn das ein junger Kerl sieht, immer und immer wieder, dann kommt es ihm irgendwann normal vor.

Je früher jemand mit Pornos in Kontakt kommt, desto schlechter also?
Orte:
Das Anfangsalter ist sehr entscheidend. In Pornos sehen Kinder die verschiedensten Sexpraktiken. Mit einer Person, zwei Personen, Personen, die dazukommen, gewalttätige Handlungen. Es mag ihnen mehr oder weniger gefallen, aber sie sehen und verinnerlichen es. Entscheidend ist aber auch, wen man zur Seite hat. Wer mit seinen Eltern darüber reden kann, der sieht vielleicht Pornos, weiß aber, dass man seinen Partner respektvoll behandeln muss und er einen selbst auch. Falsch ist, wenn Eltern das Thema totschweigen.

Eine Ihrer Schlussfolgerungen ist, dass Pornografie Prostitution fördert. Warum?
Ballester:
Es gibt zehn, elf große Porno-Organisationen, die die Online-Server betreiben. Größer als Facebook, was das Informations­management angeht. Die Online-Werbung für Prostitution ist eine ihrer Haupteinnahme­quellen. Fünf Prozent unserer Befragten geben an, auf diese Werbung zur Prostitution einzugehen. Fünf Prozent von acht Millionen jungen Leuten in Spanien sind 400.000.

Auch ein negatives Frauenbild wird Ihrer Studie zufolge durch Pornos gefördert. Inwiefern?
Orte: Da hat niemand wirklich einen Überblick. Aber schauen Sie auf die Suchkategorien: Egal ob Demütigung, Vergewaltigung, Gangbang – immer wird die Frau niedergemacht. Auf wen wird ejakuliert? Auf die Frau.

Kann Pornografie auch eine gute Seite haben? Stichwort Tabubruch?
Orte: Wir reden hier von Jugendlichen und nicht von Erwachsenen, die sexuell gefestigt sind. Wir reden von Kindern. Und davon, dass sie jegliche Art von Sex unreflektiert zu sehen bekommen. Das kann nie gut sein.

Ballester zeigt ein Video auf dem Smartphone, auf dem eine Gruppe von Jungen ein Mädchen auf der Straße verfolgt und sie dann vergewaltigt.

Ballester: Davon gibt es Tausende Videos. Und man gelangt mit wenigen Klicks dahin. Man darf die Pornografie nicht banalisieren, weil man denkt, es betrifft nur wenige. Es betrifft die Mehrheit. Und fördert auch Tendenzen wie die der „manadas" (Gruppenvergewaltigungen in Spanien, Anm. d. Red.).

Gibt es ein Alter, in dem der Konsum wieder abnimmt?
Ballester: Wir haben nur Menschen bis 29 Jahre befragt. Bei einigen nimmt es mit der Zeit ab, bei den meisten aber zu. Wenn man einen Partner und eine stabile befriedigende Beziehung hat, sinkt die Häufigkeit des Konsums oft. Aber es ist nicht so, dass ganz auf Pornos verzichtet wird.

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