13. August 2019
13.08.2019

Immer mehr Abtreibungen auf Mallorca und den Nachbarinseln

Oft sind es finanziell unabhängige Frauen, die den Schritt gehen. Darüber zu sprechen, fällt den Kliniken offenbar schwer.

13.08.2019 | 01:00
Kind oder Karriere? Viele Frauen entscheiden sich für den Beruf.

Die Zahlen steigen kontinuierlich an: 3.268 Frauen haben im Jahr 2018 auf Mallorca und den Nachbarinseln eine Abtreibung vorgenommen. 2016 waren es noch 3.022, zwei Jahre zuvor 2.866. Das geht aus Daten der zentralspanischen Gesundheitsbehörde hervor. Und: Die Zahl ist im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil deutlich höher als der spanienweite Schnitt. Doch überraschend sind vor allem die Eckdaten zu den Frauen, die in der Statistik ebenfalls aufgeführt sind: Die Mehrheit der Abtreibungs-Patientinnen ist weder minderjährig noch alleinstehend oder mittellos. Tatsächlich waren die meisten der Frauen zwischen 25 und 29 Jahre alt, lebten in einer partnerschaftlichen Beziehung und bezeichneten sich als wirtschaftlich unabhängig.

„Für diese Frauen passt das Kind nicht in ihre aktuelle Lebensplanung, sie wollen vielleicht beruflich noch weiter vorankommen und Karriere machen und eine Schwangerschaft sehen sie als damit nicht vereinbar an", so Juli Fuster, Generaldirektor der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut. Genau wie seine Parteikollegen warnt der Sozialist davor, die Frauen wegen ihrer Entscheidungen zu verurteilen. „Jede sollte das Recht dazu haben, frei darüber zu entscheiden, ob und wann sie ein Kind bekommen möchte." In seiner Zentrale der Gesundheitsbehörde hat er sämtliche Zahlen vorliegen, die mit dem öffentlichen Gesundheitssystem zu tun haben. „Tatsächlich können wir hier gar keinen Anstieg feststellen, in den vergangenen Jahren war die Anzahl etwa gleichbleibend bei rund 2.200 Fällen pro Jahr", berichtet er. Der Anstieg sei nur dadurch zu erklären, dass immer mehr Frauen das öffentliche Gesundheits­system außen vorlassen und sich direkt an private Anbieter wenden, die ebenfalls Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. „Diese Fälle tauchen in unseren Unterlagen gar nicht auf", so Fuster. Wohl aber in der Gesamtstatistik.

Ob privat oder öffentlich – letztlich unterscheiden sich die Prozedere bei einer Abtreibung nur wenig voneinander. In beiden Fällen werden die Frauen zunächst zu einem Erstgespräch gebeten, bei dem sichergestellt wird, dass sie nicht nur volljährig, sondern auch zurechnungsfähig sind, selbstbestimmt handeln und die Schwangerschaft nicht mehr als 14 Wochen fortgeschritten ist. „In dem Gespräch werden die Frauen auch über Hilfen bei der Schwangerschaft oder Alternativen wie Adoption informiert. „Aber in den allermeisten Fällen haben die Frauen ihren Entschluss bereits gefällt und wollen den Schwangerschaftsabbruch", so Fuster. Danach müssen sowohl private als auch öffentliche Kliniken die gesetzlichen Vorschriften einhalten, und den Frauen eine Bedenkzeit von drei Tagen geben, bevor der eigentliche Eingriff erfolgen darf. Private Anbieter handeln dann meist unverzüglich, während im öffentlichen System längere Wartezeiten nicht auszuschließen sind.

Wer den aborto über private Institutionen anleiert, muss rund 300 bis 400 Euro selbst aufbringen, über die Seguridad Social ist der Eingriff für die Patienten kostenlos. „Für uns bedeutete es im vergangenen Jahr knapp 78.500 Euro Kosten", so Fuster. Möglich ist alternativ zum operativen Eingriff meist auch die Einnahme einer Abtreibungspille. Beide Methoden werden auch in allen öffentlichen Krankenhäusern auf Mallorca durchgeführt. Dort übernehmen dann die Gynäkologen den Eingriff, die sonst die Geburten betreuen. „Wir haben zudem Kooperationen mit drei zertifizierten privaten Abtreibungskliniken auf Mallorca: der Aurora Clinic, der Clínica Emece und dem Centro Médico Aragón", so Fuster. Dort sind die Gynäkologen auf das Thema Abtreibung spezialisiert.

Verantwortliche aller drei Kliniken lehnten ein Interview auf MZ-Anfrage ab. Und auch unter Patientinnen scheint Abtreibung kein Thema zu sein, über das man gerne öffentlich in der Zeitung spricht. Nicht zuletzt, weil es in Spanien auch immer noch für politischen Wirbel sorgt – erst Anfang des Jahres forderte PP-Chef Pablo Casado, Abtreibung gesetzlich zu verbieten, wie es bis 1985 der Fall war.

In Internetforen gibt es zahlreiche Erfahrungsberichte. „Es war die schlimmste Erfahrung meines Lebens, wenn ich könnte, würde ich mich anders entscheiden", schreibt eine anonyme Nutzerin. „Es war nicht leicht, aber ich bereue nichts, es war besser so für mich und für das Kind", berichtet eine andere.

„Es ist wichtig, das Thema zu enttabuisieren", findet Juli Fuster. Trotzdem stellt er auch klar in den Vordergrund: „Abtreibung darf nie als Verhütungsmethode angesehen werden. Dafür sind mögliche gesundheitliche Folgen zu schwerwiegend."

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