17. August 2019
17.08.2019

Exportschlager Mallorca-Partys

Wenn die Urlauber nicht zum Ballermann kommen, kommt der Ballermann zu ihnen. In Deutschland sind die Mallorca-Partys zu einem Massenphänomen geworden. Die Ballermann-Künstler müssen den Spagat zwischen Heimat und Insel meistern

17.08.2019 | 01:00
Mehr als nur heiße Luft auf der Bühne: Lorenz Büffel bei einer Mallorca-Feier im Stadion von Schalke.

Auch ohne 30 Grad im Schatten kommt Ballermann-Sänger Lorenz Büffel (40) an einem ganz normalen Sommer-Wochenende in Deutschland ganz schön ins Schwitzen. Ein Beispiel von Mitte Juli: Freitag stehen den Tag über Dreharbeiten mit Sat.1 an – Lorenz Büffel, der in Wirklichkeit Stefan Scheichel heißt, zieht mit seiner Freundin Carolina („Inselkind") an den Stadtrand von Köln. Samstag muss er früh aufstehen, um 3.30 Uhr geht es los nach Rostock, wo er ab 12 Uhr das Mallorca-Festival „Rostock Olé" moderiert. Um 17 Uhr heißt es ab ins Auto zum parallel stattfindenden „Bremen Olé" – ab 21.15 Uhr wird er auf der Bühne erwartet. „Am Sonntag geht es zurück nach Köln, um vier Uhr am Montagmorgen startet der Flieger nach Bulgarien zum Goldstrand. Dienstag heißt es auf nach Mama Mallorca in den Megapark, und Mittwoch stehen Dreharbeiten im Bielefelder Stuebchen an. Weiter kann ich gerade nicht denken", sagte er der MZ Freitag am Telefon.

Das Pensum an Auftritten, welches Künstler wie Lorenz Büffel in diesem Sommer abreißen, geht eigentlich auf keine Kuhhaut mehr. „Natürlich bin ich sehr dankbar, dass ich als Stimmungssänger und Partyclown unterwegs sein darf", sagt er. „Aber es ist in diesem Jahr schon heftig viel geworden." Zu den Gigs am Goldstrand in Bulgarien und Lloret de Mar kommen vor allem die vielen Mallorca-Partys, die in Deutschland derzeit boomen.

„Jeder Zeltdisco-Veranstalter bietet heute Feste mit dem Motto Mallorca an", sagt Andy Bucher, der für die Kölner Agentur Pro Event in Deutschland Olé- und 90er-Jahre-Festivals mitausrichtet. Bucher ist in der Ballermann-Szene zu Hause. Er hat jahrelang für den ­Megapark an der Playa de Palma die Presse­arbeit betreut, bis er 2013 zurück nach Deutschland gezogen ist. Noch immer hilft er bei den Openings des Megaparks als Ansprechpartner aus. „Der Unterschied zwischen den einfachen Mallorca-Partys und den Olé-Veranstaltungen ist ganz einfach", sagt er. „Er besteht aus 20.000 Besuchern pro Event." Neun Olé-Festivals finden im Jahr in Deutschland statt, vom Oberhausen Olé, über Rostock Olé bis zum Olé auf Schalke im Stadion mit mehr als 40.000 Gästen. Das macht über das Jahr auf diesen Festivals rund 300.000 Ballermann-Fans. Der Mann, der sich diese Mega-Spektakel ausgedacht hat, ist der Chef von Andy Bucher und Gründer der Agentur Pro Event: Markus Krampe.

Das Woodstock der Olé-Partys


Auf die Idee, solche Partys zu veranstalten, sei er auf dem Oktoberfest gekommen, in einem Bierzelt, in dem tausend Menschen zu Volks- und Schlagermusik feierten, so Krampe. „Das muss doch noch größer gehen, mit Mallorca als Motto", sagte er sich. Der gelernte Werbekaufmann aus Gummersbach (Nordrhein-Westfalen) profitierte bei seinem Vorhaben von den Kontakten, die er im Anlauf zu einer Profi-Fußballer-Karriere gesammelt hatte. Die Karriere platze verletzungsbedingt in der dritten Liga, aber mit seinem Club SC Rot-Weiß Oberhausen-Rheinland war er oft am Ballermann gewesen – mit einer Vorliebe für den Megapark. Da er grundsätzlich keinen Alkohol trinkt – „mit mir kann man auch so Spaß ­haben" –, nutzte er die Zeit und lernte die ­Macher hinter den Kulissen des Partytempels kennen. „Gerry Arnsteiner (Generaldirektor des Megaparks, Anm. d. Red.) ist ein Freund von mir", sagt Markus Krampe.

Mit seinen Kontakten zu den Ballermann-Künstlern, den Erfahrungen im Marketing und der nüchtern einkalkulierten Liebe der Deutschen zu Mallorca, mietet er sich 2007 eine Wiese in Olpe im Sauerland, wo vorher
Biker-Festivals stattgefunden haben. Jürgen Drews und Mickie Krause sagten zu, auf die Plakate schrieb Markus Krampe „Olé Olpe" – „das klang so schön spanisch" – und ließ sich den Namen schützen. „Ich habe mit 5.000 Leuten gerechnet. Es kamen 14.400." Eine Wiese auf dem Land und viel größerer Andrang als gedacht: So gesehen war Olé Olpe das Woodstock der Mallorca-Partys.

Schon 2008 mietete Krampe dann ein 30.000 Quadratmeter großes Festival-Gelände in Oberhausen an. „Ich erzählte den Besitzern, dass ich mit 30.000 Leuten rechnen würde. Die haben geglaubt, ich bekomme Befehle aus dem Weltall." 38.000 Besucher waren da. Von da an organisierte Krampe bundesweit Festivals und expandierte immer weiter. „Viele Leute denken, dass man mit Schlager- oder Mallorca-Partys leichtes Geld ­machen kann. Aber das ist ein Handwerk, dass man beherrschen muss", sagt er. Um den logistischen Aufwand zu stemmen, die Technik
bereitzustellen, für Sicherheit, Toiletten und den Rückbau zu sorgen, arbeitet Pro Event mit Dienstleistern zusammen. Es komme aber auch auf die kleinen Stellschrauben an, damit die Sache zu einem Erfolg werde. „Man muss zum Beispiel wissen, dass es keinen Sinn ergibt, ein Mallorca-Festival über mehrere Tage laufen zu lassen, weil dieses Publikum nun mal nicht campen will – warum auch immer", sagt Markus Krampe. Die Veranstaltung schon am Freitagnachmittag beginnen zu lassen, sei ebenfalls ein Kardinalfehler, weil der Ballermann-Fan in der Regel berufstätig ist und dann keine Zeit habe. „Viele unterschätzen das und wundern sich, warum niemand kommt."

Als Konkurrenz zum Megapark oder dem Bierkönig sieht Markus Krampe seine Events nicht. „Ganz im Gegenteil, wir machen Lust auf Mallorca, und die Leute wollen am Ende immer das Original und auf die Insel fahren", sagt er. Ein Sprecher des Megaparks sieht das ähnlich. „Mallorca hat einen ganz anderen Stellenwert. Wir sprechen uns mit dem Veranstalter Pro Event ab, wann wir welchen Künstler hier brauchen und wann Bedarf in Deutschland ist." Das funktioniere reibungslos.

Niemand schützt die Künstler


Wer dabei ein wenig auf sich acht geben muss, sind die Künstler selbst. Da die Ballermann-Sänger in der Regel als Selbstständige arbeiten, nehmen viele mit, was geht. Dabei sind sie arbeitsrechtlich nicht geschützt. „Für das deutsche Recht gilt: Wenn Künstler als Selbstständige gebucht werden, gibt es keinerlei arbeitszeitliche Beschränkung ihrer Tätigkeit", heißt es dazu aus dem Fachreferat „Selbstständige" der Gewerkschaft Verdi.

„Die neuen Kollegen müssen jeden Job mitnehmen, um Präsenz zu bekommen, das war bei mir früher nicht anders", sagt Mickie Krause, der seit 1998 auf Mallorca auftritt. Er steht im Jahr zwischen 180 bis 200 Mal auf der Bühne – europaweit. Seiner Meinung nach seien es gar nicht die Partys, die so extrem zugenommen hätten, sondern die Zahl der Künstler. „Früher gab es eine Handvoll Künstler, die an der Playa aufgetreten sind, heute stellen Bierkönig und Megapark viermal am Tag Sänger auf die Bühne, auch wenn man sie gar nicht sehen will", sagt er. Da bleibe die Qualität auf der Strecke. Und auch die Gage ist bei dem Überangebot nicht mehr allzu üppig. Darum gilt: Nur solange die Ballermann-Künstler auf Achse sind, rollt der Rubel.

Bierkönig-Star Mia Julia soll Medienberichten zufolge mittlerweile als eine der wenigen 13.000 Euro pro Auftritt verdienen. Der Mallorca Zeitung sagt ihr Mann und Manager ­Peter Brückner, dass sie in den letzten sieben Jahren eine Million Euro erwirtschaftet haben. „Wir können jetzt aber nicht zum Geldautomaten gehen und eine Million Euro abheben", so Brückner. In Bezug auf die Mallorca-Partys spricht er von einer Übersättigung des Marktes. „Früher hieß es Schützenfest, heute Mallorca-Party." Er glaubt, dass bereits eine Marktbereinigung stattgefunden habe. Aus seiner Sicht haben sich die Olé-Partys durchgesetzt.

Auf in die 90er


Krampe hat die Rechte an den Festivals mittlerweile an den Veranstalter Sparkassenpark Mönchengladbach verkauft. Er hat sich aber vertraglich zusichern lassen, weitere zehn Jahre für die Ausführung verantwortlich zu sein. Es sind quasi Selbstläufer in seiner 100-Mitarbeiter starken Agentur. „Was neben Mallorca-Partys derzeit sehr gut läuft, sind die 90er-Jahre-Festivals", sagt er. Im März wurde seine 90er-Jahre-Feier im Stadion auf Schalke mit 60.000 Besuchern offiziell ins Guinnessbuch der Rekorde eingetragen, als größte 90er-Jahre-Party der Welt. Unter anderen standen David Hasselhoff („Looking for Freedom") und Jasmin Wagner wieder als Blümchen auf der Bühne.

Von den Ballermann-Stars tritt in der Regel dort niemand auf, das trenne man: „Ab und zu moderiert Lorenz Büffel", sagt Markus Krampe. Aber der Hype um die 90er-Jahre-Partys werde irgendwann wieder abebben, so wie der um die Ü-30-Partys, die vor einigen Jahren angesagt waren und heute völlig abgegrast seien. „Die Leute wachsen da wieder heraus", sagt er. Das werde bei den Mallorca-Partys nicht passieren. „Die Liebe zu Mallorca wird von Generation zu Generation weitergegeben", sagt Markus Krampe.

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