10. September 2019
10.09.2019

Brasiliens Kampf für Menschenrechte erreicht Mallorca

Monica Benicio aus Rio de Janeiro spricht auf dem Lesben-Festival Ella über die Ermordung ihrer Lebensgefährtin Marielle Franco

10.09.2019 | 01:00
Statt zu vergessen, will Benicio die Trauer in Wut und politischen Kampf ummünzen.

Gerade aus Brasilien eingetroffen und wenige Stunden vor ihrer Rede auf dem Lesben-Festival Ella empfängt die 33-jährige Architektin Monica Benicio die MZ in Palma. Den Journalisten begrüßt sie mit herzlicher Umarmung und einem Lachen. Im Gespräch versteinert die Miene, die Stimme wird hart: Sie spricht über den Mord an ihrer Lebensgefährtin Marielle Franco, mit der sie 13 Jahre lang zusammen war. Die afrobrasilianische und offen lesbische Stadträtin von Rio de Janeiro wurde am 14. März 2018 in ihrem Auto erschossen. Der Gerichtsprozess gegen den mutmaßlichen Mörder stockt.

Auf Ihrem T-Shirt steht „Kämpfe wie Marielle Franco!" Was bedeutet das? Wie war sie, wie hat sie gekämpft?
Marielle kämpfte für die Menschenrechte, für die Frauen, für die schwarzen Frauen, für eine gerechtere und weniger rassistische Gesellschaft. Die Initiative „Kämpfe wie Marielle Franco" hat zwei Ziele: dass der Mord nicht in Vergessenheit gerät und dass wir uns weiter für die Ziele engagieren, für die Marielle gestritten hat.

Was machte ihren Kampf so besonders?
Dazu muss man den allgemeinen Kontext in der brasilianischen Gesellschaft verstehen. Marielle war schwarz, Frau, Lesbe und stammte aus der Unterschicht, aus einer Favela am Stadtrand von Rio de Janeiro. Trotzdem erreichte sie mit ihrer Wahl zu Stadträtin politische Macht. Das ist sehr ungewöhnlich. Wie Marielle zu kämpfen, heißt, trotz all dieser Hürden politische Macht zu erlangen. Sie ­gelangte als offen lesbische Schwarze aus der Unterschicht ins Stadtparlament. Marielle war für das politische System Brasiliens eine ­Gefahr.

Wie ist ihr der politische Aufstieg gelungen?
Statt der allgemein vertikalen und hierarchischen Strukturen der brasilianischen Politik nutzte Marielle eine horizontale Strategie. Sie hörte den Menschen zu und brachte deren Forderungen in die Politik ein. Vor den Kommunalwahlen 2016 führte sie ihren Wahlkampf für eine kleine linke Partei mit wenig Geld, aber mit großem Einsatz. Die optimistischsten Prognosen gaben ihr maximal 5.000 Stimmen. Gewählt wurde sie mit 46.500 Stimmen. Das zeigte die dringende Notwendigkeit, die Politik in Brasilien zu verändern, zu ­modernisieren.

Für wen wurde sie damit zur Gefahr? Wer und warum hat ihren Mord in Auftrag gegeben?
Das möchte ich auch wissen (längere Pause). Es ist eindeutig, dass es sich um einen politischen Mord handelte. Um eine Hinrichtung. Man hätte ja einen Unfall vortäuschen können oder den Mord durch einen Raubüberfall vertuschen, bei dem Marielle zumindest dem Anschein nach rein zufällig gestorben wäre. So war es aber nicht. Die eindeutige Botschaft sollte lauten: Die brasilianische Politik akzeptiert innerhalb der Macht keine Körper wie den von Marielle. Allein ihre Anwesenheit gefährdet das System. Körper wie der von ­Marielle – weiblich, schwarz, arm und lesbisch – galten in Brasilien immer als überflüssig.

Ein weißer, heterosexueller, reicher Mann mit denselben politischen Forderungen wäre heute noch am Leben?
Es ist eine Frage, die ich mir selbst oft stelle. Es kann in Brasilien durchaus sein, dass auch ein weißer, heterosexueller Mann ermordet wird, wenn er im Namen einer linken Partei Veränderungen fordert. Aber ich frage: Wäre Marielle ein weißer Reicher gewesen, wäre ihr Mord dann heute, 539 Tage nach der Tat, noch ungeklärt?

Der mutmaßliche Mörder ist in Untersuchungshaft...
...aber das Verfahren wurde noch nicht eröffnet, keine Beweisaufnahme gemacht. Ohne Beweise wird er irgendwann freigelassen.

Die Wahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zum brasilianischen Präsidenten hat das Verfahren wahrscheinlich nicht beschleunigt.
Während des Wahlkampfs wurden alle Kandidaten zu ihrer Haltung in Bezug auf den Mord an Marielle befragt. Alle haben dazu Stellung bezogen. Es handelt sich um den Mord, der die Medien am meisten beschäftigt hat. Nur Bolsonaro hat sich zu dem Thema nicht geäußert. Weder vor noch nach der Wahl. Das Schweigen macht ihn zum Komplizen.

Nun ist ein Foto aufgetaucht, das Bolsonaro mit dem mutmaßlichen Mörder zeigt. Auch wenn es sich um ein altes Bild handelt – aus einer Zeit, als der mutmaßliche Täter noch Polizist war –, wird das Thema für den Präsidenten gefährlich?
Es gibt merkwürdigerweise viele Zufälle, die den Präsidenten und dessen Familie in Zusammenhang mit dem Mörder bringen. Sie sind sogar Nachbarn.

Fürchten Sie dann nicht auch um Ihr eigenes Leben?
Gründe dafür hätte ich. Aber das Gefühl der Angst habe ich am 14. März 2018 verloren.

In Europa wird Bolsonaro oft als „brasilianischer Donald Trump" bezeichnet.
Trump und Bolsonaro sind beide gleichermaßen unnütz für die Gesellschaft.

Uns Europäer beschäftigen vor allem die brennenden Urwälder in Brasiliens Amazonas-Gebiet. Machen wir uns da zu viel Sorgen?
Nein. Noch viel zu wenig. Normalerweise versuche ich in jedem Interview mit einem hoffnungsvollen Statement zu schließen. Bei der letzten Talkrunde zu den Waldbränden ist mir keines eingefallen. Wir müssen Angst haben, als ob unser eigenes Haus in Flammen stünde. In Brasilien haben wir uns allgemein schon zu wenig um die Umwelt gekümmert. Von Bolsonaro ist da überhaupt nichts zu erwarten.

Gleich werden Sie auf dem Ella-Festival sprechen. Werden Sie dort mit einem hoffnungsvollen Statement schließen?
Ja.

Und das wäre?
Da müssen Sie schon persönlich kommen. Aber allgemein bin ich davon überzeugt, dass es mehr gute Menschen gibt als schlechte. Die kommen in den Medien leider nicht so häufig zu Wort. Ich bin Optimistin. Meine Spiritualität verbietet mir den Selbstmord. Deshalb bin ich heute hier und am Leben. Marielle ist ermordet worden. Mehr als 500 Tage danach könnte man den Tod auch hinnehmen und vergessen. Aber es geht darum, dieses Gefühl in eine Kraft zu transformieren, in eine Entrüstung, die uns für Veränderung kämpfen lässt.

Wie können Menschen in Europa Sie bei Ihrem Kampf unterstützen?
Je mehr Menschen von dem Mord wissen und je sichtbarer das Verbrechen wird, desto geringer ist die Gefahr, dass es in Vergessenheit ­gerät und desto eher wird der Fall vor Gericht gebracht.

Auf dem Ella-Festival wird über Politik gesprochen, aber es wird auch viel gefeiert. Haben Lesben in Brasilien solche Freiräume? Oder müssen Frauen, die zum Beispiel Hand in Hand über die Straße gehen, Angst haben?
Das Land ist viel zu groß, um das so allgemein zu beantworten. Lesben haben ihre Freiräume erkämpft, vielleicht nicht so sehr wie hier auf dem Festival.

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