15. Januar 2020
15.01.2020

Lateinamerikakrise: So empört sind die Latinos auf Mallorca

Angst um Familie und Freunde, Ärger über die politischen Zustände und Erleichterung, auf der Insel zu sein: Wir haben auf der Insel lebende Lateinamerikaner über die Unruhen und die Lage in ihrer Heimat befragt

15.01.2020 | 01:00

In Chile ist sogar das Regenwasser privatisiert

Roberto Tapia (44) stammt aus Chile, lebt seit 20 Jahren auf Mallorca und arbeitet als Verkaufsberater. Er zeigt großes Verständnis für die Proteste.

Chile ist das einzige Land, in dem sogar das Regenwasser privatisiert ist. Die großen Unternehmen, die es sich leisten können, haben dafür bezahlt und sammeln es. In manchen Gebieten müssen die Menschen ihre Notdurft in Tüten verrichten, weil die Toiletten nicht benutzbar sind, da sie sich Wasser schlicht nicht leisten können. Egal ob Wasser, Strom oder Bildung: Die Chilenen müssen für alles viel Geld zahlen und sich hoch verschulden, um in einfachen Verhältnissen leben zu können. Manche haben schon jetzt so viele Schulden angehäuft, dass sie sie wohl nie ­wieder abbezahlen können.

Der Staat schaut einfach nur untätig zu. Ich könnte mir nicht vorstellen, jemals wieder dort zu wohnen. Meine Eltern leben noch in Chile. Meine Schwester habe ich vor über zehn Jahren überzeugt, auch hierherzukommen. Um meine Eltern mache ich mir keine großen Sorgen. Sie haben eine gesicherte Rente, da sie noch mit dem alten System alt geworden sind. Sie brauchen nicht viel zum Leben, und ihr Haus ist Gott sei Dank auch schon abbezahlt.
Es sind vor allem junge Menschen, die sich gerade gegen die Regierung auflehnen. Sie haben nichts zu verlieren, sondern können nur gewinnen. Mich wundert es nicht, dass es in ihnen brodelt. Ihnen wird beispielsweise eingetrichtert, dass aus ihnen nur etwas werden kann, wenn sie gut ausgebildet sind. Doch wie soll es so weit kommen? Chile ist das Land, in dem Bildung weltweit am drittteuersten ist. Ich ­erinnere mich noch, dass ich 1996 rund 300 Euro monatlich zahlen musste, um studieren zu können. Da lag der Mindestlohn bei gerade einmal rund 200 Euro.

Auch die Gesundheitsversorgung ist für Normalsterbliche nicht bezahlbar. Einer meiner besten Freunde, der lange auf Mallorca gelebt hat und mit einer Mallorquinerin verheiratet ist, ist mit ihr vor einigen Jahren nach Chile gezogen. Bis ihr ein Gehirntumor diagnostiziert wurde, lebten die beiden dort recht gut. Durch die Untersuchungen und Behandlungen schulden sie dem öffentlichen System mittlerweile schon 100.000 Dollar. Dabei wurde der Tumor noch nicht einmal entfernt."

Niemals wieder nach Argentinien zurück

Erika Krupp (52) ist Autorin und Lebenskünstlerin und stammt aus Argentinien. Sie hat jegliche Hoffnung in eine Besserung der Lage in ihrem Heimatland verloren. Nachdem sie bereits 2009 nach Mallorca ausgewandert ist, kommt bald auch ihre Tochter nach Spanien.

„Meine Tochter arbeitet als Psychopädagogin in der Forschung und ist dafür auf ein stabiles Wirtschaftssystem angewiesen. Aktuell kann es jederzeit passieren, dass ihr ganz plötzlich die Gelder für ihre Arbeit gestrichen werden. Zum einen hat sie gemerkt, dass es für sie selbst beruflich sehr schwer ist, sich in Argentinien weiterzuentwickeln, zum anderen will sie ihren Kindern eine sichere Zukunft bieten. Meine Tochter hat schon länger die Schnauze voll, sich in Argentinien nur durchzuschlagen, statt zu leben.

Als sie mich vor zwei Jahren auf Mallorca besucht hat, war sie sofort begeistert von der Insel. Vor zwei Wochen rief sie mich dann an und verkündete mir, dass sie bald mit ihren zwei Kindern und ihrem Partner nach Spanien zieht. Ich freue mich sehr darüber, finde ihre Entscheidung aber auch mutig, da die Kleinen erste drei Jahre und acht Monate alt sind. Dennoch ist es sinnvoller, den Schritt zu wagen, anstatt dass sie und ihr Partner ein Leben lang sehr hart arbeiten und das Geld wegen der Inflation am Ende kaum mehr etwas wert ist.

Was meine Freunde und Familienmitglieder früher fürs Reisen gespart haben, müssen sie nun für das alltägliche Leben ausgeben. Von Freunden weiß ich, dass sie ihren halben Monatslohn für die Stromrechnung hinblättern müssen. Der argentinische Peso verliert gerade so stark an Wert, dass wohl jeder Argentinier Angst hat, dass er wie schon im Jahr 2001, während des sogenannten corralito, einem System zur Beschränkung des Bargeldumlaufs, nicht mehr an seine Ersparnisse ­herankommt. Auch Besitztümer wie etwa Immobilien werden schon in fünf Jahren stark an Wert verloren haben. Es macht also auch für die Wohlhabenden wenig Sinn, in die Zukunft zu investieren.

Und da ist das Thema ,Sicherheit'. Auch wegen der Unzufriedenheit in der Bevölkerung gibt es immer mehr Kriminalität und Gewalt. Auch meine Tochter wurde auf dem Weg zur Uni einmal von drei Personen überfallen. Ihre Kinder können kaum sorgenfrei im Freien spielen.

Neben meiner Tochter leben auch mein Bruder und meine Mutter noch in Argentinien. Um sie mache ich mir weniger Sorgen. Wir haben nicht viel Kontakt, ich weiß aber, dass sie sich umeinander kümmern. Sie glauben vermutlich wie viele Argentinier noch an eine magische Verbesserung der Lage in unserem Land. Für mich ist der einzige Ausweg, in einem globalisierten Land zu leben. Daher könnte ich niemals wieder nach Argentinien
zurück."

Kein Vertrauen in die kolumbianischen Medien

Johanna Flórez (27) ist Kolumbianerin, hat Literaturwissenschaft studiert und lebt seit April 2019 auf Mallorca.

„Dass die Kolumbianer, weil sie unzu­frieden sind, auf die Straße gehen, ist meiner Meinung nach nichts Schlechtes. Im ­Gegenteil. Das einzig Negative ist die Untätigkeit der Regierung und ihr Versuch, die Proteste zu unterdrücken. Was gerade in meinem Heimatland passiert, ist absurd. Auch den Medien kann man nicht trauen. Sie berichten nicht objektiv, sondern geben ein verzerrtes Bild wider. Ich schaue mir ­lieber in den sozialen Netzwerken geteilten Videos an, in denen sich meine Landsleute auf humorvolle Art und Weise über die ­Regierung lustig machen.

2013 habe ich selbst an einem drei Tage dauernden Protest in Kolumbien teilgenommen. Damals demonstrierten unter ­anderem die Landwirte dafür, ihr eigenes Saatgut statt das aus den Vereinigten Staaten ­importierte nutzen zu dürfen. Es ging sehr friedlich zu. Als ich später den Fernseher eingeschaltet habe, war von Vandalismus die Rede und davon, dass Polizisten gezwungen waren, die Konflikte aufzulösen.

Seit ich auf Mallorca lebe, bekomme ich das Geschehen in Kolumbien zwar nicht mehr live mit, ich bin aber regelmäßig in Kontakt mit meinen Freunden von dort – auch, um mich zu informieren. Ein Problem ist, dass eine der Hauptbeschäftigung der Menschen in Kolumbien das Fernsehschauen ist und dass die einzige Informa­tionsquelle vieler Menschen zwei private Fernsehkanäle sind. Hinzu kommt, dass der Bildungsstand allgemein sehr niedrig ist, da sich nicht jeder dort eine gute Ausbildung leisten kann.

Ich würde schon deswegen nicht in Erwägung ziehen, wieder nach Kolumbien zurückzuziehen, da ich mich dort intellektuell nicht weiterentwickeln könnte. Ein Buch kostet ein halbes Vermögen. Zum Vergleich: Für umgerechnet 2 Euro bekommt man in Kolumbien zwar ein Frühstück, für ein Buch zahlt man aber rund 18 Euro. Auch das Thema Sicherheit spielt bei meiner Entscheidung eine Rolle. Dass ich auf Mallorca, ohne darüber nachzudenken, mein Handy herauszuholen kann, und nicht fürchten muss, dass es mir sofort geklaut wird, genieße ich richtig.

Von meinen Freunden und Verwandten ist Gott sei Dank niemand in einer wirklich prekären Lage. Meine ganze Familie lebt noch in ­Kolumbien, viele in Cúcuta, an der Grenze zu Venezuela. Die Wirtschaft der ­Region und viele Jobs dort hängen vom Handel mit ­Venezuela ab. Daher mache ich mir schon seit einigen Jahren vor allem um meinen ­Vater Sorgen. Bis vor Kurzem hat er ­seine ­Produkte, etwa Maschinen zur Herstellung von Schuhen, vorwiegend in ­Venezuela vertrieben. Er ist aber schon ­länger dabei, sich in andere Regionen umzuorientieren. Ich ­hoffe, dass er nicht in ernsthafte ­finanzielle Schwierigkeiten kommt."

In Venezuela nur knapp einen einfachen Infekt überlebt

Die Venezolanerinnen Sandra Ayala (41) und ihre Tochter Camila (10) leben seit Mai 2018 auf Mallorca, Lebensgefährte ­Simón Mendoza (44), ebenfalls aus ­Venezuela, kam bereits im Oktober 2017. Die Proteste in ihrem Heimatland sind zwar mittlerweile abgeflaut, die Lebensbedingungen sind aber nach wie vor ­katastrophal.

„Die Entscheidung, nach Mallorca aus­zuwandern, fällten wir, als ich an einer Harnwegsinfektion erkrankte und dringend ein Antibiotikum für eine Zehn-Tage-Behandlung gebraucht hätte. Ich wäre ­beinahe gestorben. In den Apotheken unserer Region in Venezuela war es nicht verfügbar, und auch im Krankenhaus bekam ich die Hälfte der Tabletten erst, als die ­Infektion bereits bis zu den Nieren vorgedrungen war. Den Rest musste ich mir dann über Freunde, die in anderen Regionen wohnen, besorgen. Simóns Schwester, die mit einem Kanarier verheiratet ist, lebt schon seit drei Jahren auf Mallorca und hat uns den Start auf der Insel sehr erleichtert", sagt Sandra Ayala.

Ihr Lebensgefährte Simón Mendoza, kam bereits sechs Monate vorher auf die ­Insel, um sich die Gegebenheiten vor Ort wie Mietpreise und Bildungsmöglich­keiten für Camila anzuschauen. „Meine Hauptantriebskraft waren meine beiden zwölf und 14 Jahre alten Söhne. Mit meinem Ein­kommen in Venezuela konnte ich sie finanziell nicht unterstützen. Mittlerweile ­wohnen sie mit ihrer Mutter auf der Karibikinsel Aruba."

Auch die strenge Gesetzeslage, was den Besitz von Waffen betrifft, habe bei ihrer Entscheidung, nach Mallorca zu ziehen, eine Rolle gespielt. „In Venezuela besitzt so gut wie jeder Waffen. Es ist gang und gäbe, dass jemand dir vor deinem Haus eine ­Pistole an die Stirn hält, deine Wert­sachen und dein Auto mitnimmt und ­beides erst wieder herausrückt, wenn du ihn entsprechend bezahlst. Zeigst du die Diebe an, ­stehen bald ihre Komplizen vor deiner Haustür und bedrohen dich. Die ­Polizei ­unternimmt nichts dagegen", sagt ­Simón Mendoza.

„Mir haben Diebe innerhalb von weniger als einem Jahr dreimal die Batterie meines Autos geklaut. Ersatzteile für Fahrzeuge sind nur schwer zu bekommen. Vermutlich haben sie sie teuer weiterverkauft", sagt Sandra Ayala. „Oft kommt man zudem ­monatelang nicht an bestimmte Lebensmittel heran. Hat man Pech, werden sie dann nur für Dollar verkauft. Bekommst du dein Gehalt aber in bolívares, musst du sie erst einmal für viel Geld umtauschen. In den sozialen Netzwerken sehe ich sehr oft, dass Freunde von mir auf ihren Profilen Dollar verkaufen."

Sie erinnere sich noch sehr genau ­daran, als sie auf Mallorca mit ihrer Schwägerin zum ersten Mal auf dem Markt war. „Ich habe Gänsehaut bekommen, als ich die riesige Auswahl an Gemüse und Obst gesehen habe, und war tieftraurig, dass wir, nur um die Basisprodukte zu haben, aus unserer Heimat wegziehen mussten", sagt Sandra Ayala.
„Sobald wir uns erst einmal fest ein­gerichtet haben und finanziell halbwegs abgesichert sind, will ich meine Mutter und Sandra ihre Eltern nachholen. Es ist einfach zu riskant, falls sie etwa krank werden. Wir können ihnen aus Europa zwar Medikamente schicken. Das dauert etwa eine ­Woche. Falls akut etwas ist, haben wir aber keine Chance", sagt Simón Mendoza.

Auch auf Mallorca sind die Bolivianer tief gespalten

Rolando Ayala (50), Hausmeister in Wohnblocks und Chalets, kommt aus ­Bolivien und lebt seit 2006 mit seiner Frau und seinen drei Söhnen auf der Insel. Er hat die gesamte Amtszeit des linksgerichteten Präsidenten Evo Morales verpasst und war nicht ganz einverstanden mit dessen Führungsstil. Dennoch betont er, weder für noch gegen den nun in Argentinien im Exil lebenden früheren Präsidenten zu sein.

„Während der Wirtschaftskrise in Spanien sind viele Bolivianer zurück in unser Heimatland gezogen. Jetzt weiß ich von einigen Verwandten und Bekannten, die gern wieder zurück nach Europa kommen würden. Ich kann sie gut verstehen. Wir selbst sind in dem Jahr ausgewandert, in dem Evo Morales zum Präsidenten gewählt wurde, da uns eine Freundin auf die Insel eingeladen ­hatte. Eigentlich wollten wir nur drei Jahre bleiben, doch die viel besseren Lebens­umstände im Vergleich zu Bolivien haben uns schnell überzeugt.

2015 waren wir zum ersten Mal nach unserer Auswanderung im Urlaub wieder in unserem Heimatland. Eigentlich hatten wir geplant, drei Monate zu bleiben, doch schon nach einem wollten wir wieder ­zurück auf die Insel. Evo Morales war auf dem besten Weg, Diktator zu werden, und die Probleme seiner Politik ­waren schon für uns als Besucher spürbar. Die Infrastruktur war vernachlässigt, Bauarbeiten wurden mangelhaft abge­wickelt. Die Regierung kündigte etwa an, für zwei ­Millionen eine ­Brücke bauen zu lasten, dabei kostete der Bau nur eine Mil­lion. So wurde den Bewohnern das Geld aus der Tasche gezogen.

Nach dem umstrittenen Wahlausgang im Oktober 2019 ist Evo ­Morales seit November zwar nicht mehr Präsident, viel ruhiger ist es in meinem ­Heimatland aber dennoch noch nicht ­geworden. Vor allem die Jüngeren reagiert auf die sozialen Konflikte, die älteren sind mit Morales' Regierungsweise aufgewachsen. Auch auf Mallorca gab es Demonstrationen und eine Gegendemonstration. Seither sind die hierzulande lebenden Bolivianer in zwei Lager gespalten. Freunde verloren habe ich deswegen trotzdem nicht."

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