04. März 2020
04.03.2020

"Nicht jeder deutsche Urlauber ist ein Sauftourist"

Von den ganz kleinen zu den ganz großen Fragen und wieder zurück: Ein Gespräch mit Wolfgang Dold, dem deutschen Botschafter in Spanien. Er stattete Mallorca dieser Tage einen Besuch ab

04.03.2020 | 18:27
Hat sich einen Eindruck von der Insel verschafft: Wolfgang Dold, hier auf der Brücke über den Torrent de Sa Riera in Palma.

Der in Bonn als Sohn eines deutschen Beamten im Auswärtigen Dienst aufgewachsene Jurist und Diplomat Wolfgang Dold ist seit September 2018 deutscher Botschafter in Madrid. Zuvor vertrat der 61-Jährige die Bundesrepublik unter anderem in Athen. Auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise fielen dort 2013 sogar Schüsse auf seine Residenz. Am Montag (17.2.) und Dienstag war Dold erstmals auf Mallorca. Er führte Gespräche mit Politikern und Unternehmern, traf sich bei einem Empfang mit Vertretern der deutschen Community und besuchte auch die deutsche Schule Eurocampus.

Sie sind jetzt anderthalb Jahre Botschafter in Spanien, kommen aber erst jetzt nach Mallorca. Was sagt uns das?
Nun, ich habe mir vorgenommen, viel zu reisen und alle Autonomen Gemeinschaften zu besuchen. Jetzt war Mallorca dran.

Erst jetzt, weil Mallorca eine Insel ist, die im deutsch-spanischen Verhältnis keine Probleme aufwirft?
Die Reihenfolge meiner Besuche ist eher zufällig und oft mit konkreten Veranstaltungen verbunden. Richtig ist aber, dass wir hier ein tüchtiges Team haben: ein Konsulat, bei dem die Angelegenheiten in den besten Händen sind. So ist die Dringlichkeit, persönlich präsent zu sein, nicht so groß.

Was bringen Sie im Gepäck mit? Vielleicht neue Büroräume für das beengte Konsulat?
Jeder, der das Konsulat besucht, weiß, dass die Situation nicht optimal ist. Wir suchen seit einiger Zeit nach Alternativen und sind auf dem Weg, eine neue Unterbringung zu finden. Aber das ist noch in einem frühen Planungsstadium.

Reisen wir ein wenig zurück: 30.12.2013. Was kommen Ihnen da für Erinnerungen?
Wenn Sie so fragen, hat das wahrscheinlich mit den Schüssen auf die Botschaftsresidenz in Athen zu tun. Aber wissen Sie: Meine Erinnerungen an Griechenland sind großartig. Ich habe dort sehr viele tolle und freundliche Menschen kennengelernt und mich pudelwohl gefühlt. Auch am 31. Dezember, selbst wenn die Nacht, zugegeben, etwas kurz geriet.

Wie beurteilen Sie heute diese Jahre?
Es waren schwere Zeiten. Wir standen als Europäer vor der Herausforderung, ein Land, das in Sachen Verschuldung in eine schwere Schieflage geraten war, durch eine gemeinsame Kraftanstrengung in der Euro-Zone zu halten. Möglicherweise sind dabei Fehler gemacht worden. Es gab keine Blaupause für eine solche Situation. Jeder Schritt war im Grunde genommen neu, und dass das mit Einschränkungen für viele Griechen einherging, liegt auf der Hand. Am Ende ist es uns Europäern aber gelungen, diese Form der Solidarität zu verwirklichen und zu verhindern, dass Griechenland aus der Euro-Zone herausfällt.

Sie sind danach zum Verwaltungschef des Auswärtigen Amts ernannt worden. Was hat man da für Kopfschmerzen?
Das Auswärtige Amt ist ein großes Containerschiff, das man nicht mit schnellen Lenkbewegungen bewegen kann. Es ist ein Ministerium mit insgesamt 12.000 Mitarbeitern. In meine Amtszeit fiel der sogenannte Review-Prozess, bei dem wir das Auswärtige Amt reformiert haben von einem Ministerium, das Botschaften unterhält, die dann Berichte schreiben, zu einem Ministerium, das sehr viel konkreter außenpolitische Aufgaben anpackt.

Dann kamen Sie nach Spanien und hatten nur eine geschäftsführende Regierung als Konterpart. Was macht ein Botschafter da?
Zunächst einmal war das die beste Einarbeitung in das spanische Wahlrecht, die man sich denken kann. Wenn man ein paar Wahlgänge hinter sich gebracht hat und beobachtet hat, dann weiß man, wie das hier so läuft ... Und, wie gesagt, ich bin viel gereist.

Was haben Sie dabei für einen Eindruck von diesem Land gewonnen?
Zum Beispiel habe ich gelernt, dass die territoriale Verfasstheit wahrscheinlich das zentrale Thema der spanischen Innenpolitik ist. Ich rede jetzt gar nicht so sehr vom Katalonien-Konflikt, der eigene Aspekte hat. Alle, die ich getroffen habe in den Autonomen Gemeinschaften, beklagen eine unzureichende finanzielle Ausstattung. Das ist eine große Herausforderung für die Regierung in Madrid, aber auch für die gesamte spanische Gesellschaft.

Jetzt gibt es eine Regierung. Sie ist links. Was heißt das für den Wirtschaftsstandort?
Wir werden jetzt natürlich die Maßnahmen, die getroffen werden, einzeln betrachten und bewerten müssen. Zunächst einmal ist es gut, dass es eine Regierung gibt. Und es ist auch gut für das Land – wenn ich das als Neuankömmling so sagen darf – dass es auf nationaler
Ebene eine Koalition gibt. Das ist keine parteipolitische, sondern eher eine politikwissenschaftliche Aussage. Denn das, was in den Autonomen Gemeinschaften normal war – die Konsensfindung, der Kompromiss – ist nun auch auf nationaler Ebene erforderlich. Zwei Parteien müssen sich zusammenraufen, keine Partei kann hundert Prozent erreichen. Das
ist eine neue Erfahrung, und ich glaube, sie tut der Gesellschaft und der politischen Kultur sehr gut.

Die neue Außenministerin Arancha González Laya deutet an, dass sich Madrid auch
abseits von Berlin und Paris in der EU Verbündete suchen will. Was halten Sie davon?

Jedes Land besitzt eigene Interessen und verfolgt diese auch, wichtig ist mir persönlich aber, dass darüber die großen europäischen Herausforderungen nicht aus den Augen verloren werden. Unser Außenminister Maas hat bei seinem Besuch im November 2018 den Satz geprägt, dass Europa mehr Spanien braucht. Das bedeutet, dass wir die Kraft, das Gewicht und die europäische Einstellung Spaniens brauchen, um das große europäische Projekt voranzubringen. Wir sind am Beginn einer Legislaturpe­riode der EU-Kommission. Wir haben sehr schwierige Verhandlungen über den europäischen Haushalt vor uns. Wir wollen im Bereich der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik vorankommen. Stichwort: Mehrheitsentscheidungen. Europa braucht ein starkes und selbstbewusstes Spanien.

Zurück auf diese kleine Insel. "Scheren Sie nicht alle deutsche Touristen über einen Kamm", haben Sie Ihren Gesprächspartnern gesagt. Was meinen Sie damit?
Nicht jeder deutsche Urlauber ist ein Sauftourist. Man muss vermeiden, dass der Eindruck vermittelt wird, dass diese Exzesse, die es ja gibt, sinnbildlich für den Tourismus stehen. Die riesige Mehrheit der Besucher will die Schönheit der Insel genießen und hat nicht vor, sich danebenzubenehmen.

Hier auf der Insel werden die Urlauber ja durchaus differenziert betrachtet.
Man muss mit Äußerungen auch ein bisschen vorsichtig sein. Es wäre fatal, es so hinzustellen, als ob man die deutschen Urlauber unter Kontrolle bringen müsse. Im Übrigen halte ich es für zentral, dass es deutschsprachige Zeitungen wie die Ihren gibt. Natürlich gibt es Menschen, denen es ganz egal ist, wo sie sich gerade aufhalten. Aber viele Leute interessieren sich doch: Wo bin ich hier, was sind die Themen, was bewegt die Leute hier? Da gibt es eine Zeitung, die ihnen diese Informationen auf Deutsch anbietet – das ist ungemein wichtig.

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