25. April 2020
25.04.2020
Mallorca Zeitung

Zurück zur Normalität nach der Corona-Krise auf Mallorca?

Umweltaktivisten beschwören die Pandemie als Chance für mehr Nachhaltigkeit. Der Gob sieht seine Kritik am Modell des Massentourismus bestätigt

25.04.2020 | 01:00

Der Spruch prangt auf Transparenten an Hausfassaden und poppt seit Tagen auf Fotos und in Videos in den sozialen Netzwerken auf: „No volveremos a la normalidad porque la normalidad era el problema", lautet der Satz, auf Deutsch: „Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn das Problem war die Normalität." Dazu gibt es idyllische Bilder von menschenleeren Küsten, leer gefegten Autobahnen und Landepisten sowie nicht an Pathos sparende musikalische Untermalung. Neben den wiederentdeckten Werten der Verlangsamung des Lebensrhythmus und dem Zusammenhalt in der Familie geht es vor allem um die Natur, die sich erholen darf.

Was Aktionen von Umweltschützern, Gesetzesprojekte und Klimagipfel nicht geschafft haben, gelingt dem Coronavirus. Auf den Balearen ist der Autoverkehr um 73 Prozent zurückgegangen, wie ein Big-Data-Vergleich zwischen dem 7. April und der dritten Woche im Februar ergeben hat. Der Flugverkehr auf den Inseln ist gar um 99 Prozent geschrumpft. Die massiv von Umweltschützern kritisierten Kreuzfahrtschiffe haben den Betrieb ganz ausgesetzt. Die Folgen zeigen sich in der Statistik für Schadstoffausstoß und Luftqualität, aber auch in symbolischen Bildern: Delfine wagen sich in Buchten vor, und die Strände sind sich selbst überlassen, keiner stört sich am angeschwemmten Poseidongras.

Der Gob will mitreden

Die balearische Umweltschutzgruppe Gob hat sich den Spruch mit der problematischen Normalität nicht zu eigen gemacht, er fasst aber den am Dienstag (14.4.) vorgestellten offenen Brief an Ministerpräsidentin Francina Armengol ganz gut zusammen. „Wir finden, dass sich die wirtschaftliche Erholung keinesfalls darauf beschränken darf, das Wirtschaftsleben und die Tourismusindustrie wiederherzustellen, ohne Konzepte wie Diversifizierung, Widerstandskraft, Eigenbestimmung sowie Umwelt- und Klimagerechtigkeit zu berücksichtigen", heißt es etwas verschwurbelt. Man wolle an den Gesprächen, die die Linksregierung über die „Post-Covid-Zeit" führt, beteiligt werden, so Sprecherin Margalida Ramis bei der mittels Videokonferenz veranstalteten Presserunde. Denn man habe viele Lösungsansätze für die derzeitigen Probleme zu bieten.

Damit mündet die sanitäre Krise endgültig auch in eine gesellschaftspolitische Debatte. Was die einen als Zwangspause mit einem mühevollen wirtschaftlichen Wiederaufbau ansehen, ist für andere eine Chance für mehr Nachhaltigkeit – oder gar ein ganz anderes Wirtschaftsmodell. Die Geschichte zeigt: Krisen bedeuten Opfer und Verluste, sie beschleunigen aber auch Reformen sowie Transformationsprozesse und geben neuen Perspektiven eine Chance.

New Grean Deal auf dem Weg

Auch wenn in der Politik wirtschaftliche Hilfsprogramme im Vordergrund stehen, gibt es auch Ansätze für eine Neuorientierung. Als „New Green Deal" wird ein Energie- und Klimapaket (PNIEC) gehandelt, das die spanische Regierung jetzt in Brüssel vorgelegt hat. Es sieht vor, die Wirtschaft durch Investitionen in die Energie- und Mobilitätswende zu reaktivieren. Die Rede ist von 241 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030, von denen 80 Prozent Privatinvestoren auf die Beine stellen sollen. So könnten zwischen 250.000 und 350.000 Jobs geschaffen werden, heißt es in dem Konzept. Es gehe darum, die Bereiche zu identifizieren, in denen staatliche Hilfen kostengünstig am meisten bewirken können, argumentiert die spanische Umweltministerin Teresa Ribera. Und das sei nun einmal in den Bereichen Energie, Mobilität oder Digitalisierung der Fall.

Im offenen Brief des Gob dagegen ist weniger von Innovation, als von Systemumbau die Rede – die Pandemie wird in eine Reihe mit der Wirtschaftskrise von 2008, der Thomas-Cook-Pleite 2019 oder dem Sturmtief Gloria gestellt, das im Januar die Strände der Touristenorte an der Ostküste zerstörte – es habe sich jedes Mal gezeigt, wie anfällig und wenig zukunftsfähig Mallorcas „touristische Monokultur" sei. Die jetzige Situation sei außergewöhnlich, aber letztendlich eine von vielen, „die unser System auslöst und auslösen wird". Mit Kampagnen wie #staygrounded oder #savepeoplenotplanes protestieren die Aktivisten gegen Hilfsprogramme für Airlines oder die Stundung von Steuern und Abgaben von Hotelkonzernen. Die Corona-Krise ist für den Gob darüber hinaus Anlass zu Forderungen, die über ökologische Anliegen wie die Förderung der lokalen, nachhaltigen Landwirtschaft weit hinausgehen – sie reichen von einem Grundeinkommen für alle über die öffentliche Kontrolle von Energie- und Wasserwirtschaft bis hin zur gesellschaftlichen Beteiligung an Hotels, um soziale Gerechtigkeit zu garantieren.

Wird hier eine Pandemie mit vielen Todesopfern für ideologische Zwecke missbraucht? Es gibt eine weitere Kampagne in den sozialen Netzwerken, mit ähnlich idyllischen Bildern. Sie trägt den Titel: „Danke, Coronavirus!"

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