01. Mai 2020
01.05.2020
Mallorca Zeitung

Der wohl letzte Überlebende des Holocaust auf den Balearen ist tot

Siegfried Meir starb bereits Anfang März auf seiner Wahlheimat in Ibiza. In Frankfurt geboren, hatte er als Kind Auschwitz und die Todesmärsche überlebt. Im Konzentrationslager Mauthausen adoptierte ihn ein spanischer Häftling. Dies ist seine Geschichte

01.05.2020 | 14:07
Lebte den schwierigen Spagat zwischen Vergessen und Erinnern: Siegried Meir (1934-2020).

Siegried Meir war der wahrscheinlich letzte Mensch auf den balearischen Inseln - Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera -, der die Shoah überlebt hatte. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist er am 7. März auf Ibiza, seiner Wahlheimat, gestorben, an einer Krankheit, von der er nicht wollte, dass man von ihr erfährt, wie seine Witwe Pilar Molina der MZ-Schwesterzeitung "Diario de Ibiza" sagte. Am 4. Mai wäre er 86 Jahre alt geworden.

Seine Lebensgeschichte, und wie er damit umging, zeugt von den ungeheuer komplexen Folgen des Zivilisationsbruchs Auschwitz auch auf die Psyche eines Menschen. Sein Vater wurde vermutlich totgeprügelt, seine Mutter starb an Thyphus, der bei Ankunft im KZ 9-Jährige überlebte das Vernichtungslager und die Todesmärsche als Vollwaise. In Mauthausen nahm sich ein spanischer Häftling seiner an. Mit diesem "Adoptivvater" zog Siegfried Meir später nach Frankreich, wo er zeitweise als Chanson-Sänger Karriere machte. In den 60er-Jahren zog er nach Ibiza. Die MZ hatte ihn 2014 interviewt und seine Geschichte in einem langen Beitrag erzählt, den wir hier noch einmal veröffentlichen. Die Gespräche mit ihm führten wir auf Spanisch. Deutsch hatte er nie wieder gesprochen, er könne den Klang dieser Sprache nicht mehr ertragen, sagte er./ck

Ein anderes Schicksal gibt es nicht

Wenn ihn früher eine seiner Töchter aus kindlicher Neugier heraus fragte, warum auf seinem Unterarm eine so seltsame Nummer steht, sagte Siegfried Meir: „Das ist meine Sozialversicherungsnummer." Was sie wirklich bedeutete, darüber wollte der heute 79-Jährige nicht sprechen. Und will es eigentlich immer noch nicht. „Ich lebe in der Gegenwart, im Hier und Jetzt." Und es ginge ihm vermutlich nicht besser, wenn er noch mehr über seine Vergangenheit herausfinden würde.
 
Siegfried kam am 23. April 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz. 117943 ist die Häftlingsnummer, die die Lager-SS dem neunjährigen Jungen mit einer dreiköpfigen Nadel in den Unterarm tätowierte. Siegfried schrie dabei wie am Spieß. Doch die SS-Frau beruhigte ihn: „Deine Tätowierung wird die allerschönste sein." Und verzierte sie noch mit einem kleinen Dreieck.
 

Die KZ-Häftlingsnummer von Siegfried Meir.

Das Dreieck ist immer noch zu erkennen. Der Satz stammt aus dem Buch „Ma Résilience" (Meine Widerstandsfähigkeit), das vor einigen Monaten im französischen Verlag Éditions de Fallois erschienen ist und Meirs Geschichte erzählt, die Geschichte eines Kindes, das den Holocaust überlebte. „Darauf bin ich nicht stolz", sagt der Mann mit den weißen Haaren, der seit Jahrzehnten auf Ibiza lebt, in einem Telefongespräch mit der MZ. Er habe lange nicht über das Geschehene sprechen wollen. Jetzt sei er aber im Großen und Ganzen mit dem Buch zufrieden. „Alles Wichtige steht drin."
 
Siegfrieds Vater Max Meir, ein Schneider, stammte aus Rumänien, Mutter Jenni Bacharach wurde in Deutschland geboren. Die Familie lebte in Frankfurt am Main, von dort wurden sie als eine der letzten jüdischen Familien nach Auschwitz deportiert. Der Vater gilt offiziell als verschollen, vermutlich wurde er aber schon kurz nach Ankunft im Lager von den Nazis zu Tode geprügelt. Die Mutter wurde nach der sogenannten Selektion zur Zwangsarbeit abgestellt. Siegfried landete, anders als die meisten Kinder, nicht sofort zusammen mit den als arbeitsuntauglich eingestuften Frauen in der Gaskammer, sondern blieb bei seiner Mutter, die ihn in ihrer Baracke versteckte. Als sie nach einigen Monaten an Typhus starb, wurde Siegfried ins Männerlager gebracht.
 

Siegfried Meier mit seiner Mutter Jenni Bacharach. Foto: Archiv David Neustädter.

Dort fanden einige der KZ-Aufseher offenbar Gefallen an dem Blondschopf, der abermals wie am Spieß brüllte, als man ihm die Haare abschneiden wollte. Sie ließen ihn am Leben. Jeden Tag mit dem Tod konfrontiert, eignete sich der Junge Strategien an, um zu überleben. Er ertrickste sich bei der Essensvergabe zwei Portionen, klaute Lebensmittel und auch alles andere, was ihm in die Finger kam. „In Auschwitz musste man stehlen, um aufrecht stehen zu bleiben", sagt Siegfried in seinem Buch. Wer nicht genug zu essen bekommen habe, sei umgefallen – Schwäche war gleichbedeutend mit Tod.
 
Siegfried überlebte. Auch eine Typhuserkrankung, die anschließende Behandlung durch Nazi-Arzt Josef Mengele, die Räumung des KZ Auschwitz wenige Tage vor der Befreiung am 27. Januar 1945 und schließlich den Todesmarsch – zu Fuß durch Eis und Schnee ins rund 65 Kilometer entfernte Wodzislaw, von dort eingepfercht in einen Zug ins KZ Gross-Rosen und nach zwei bis drei Wochen weiter ins österreichische Lager Mauthausen.
 
In einer bereits vor über zehn Jahren begonnenen, aber nie vollendeten Biographie schrieb Meir, dass er ein Jahr in Mauthausen war und bereits 1941 im Alter von sieben Jahren nach Auschwitz deportiert wurde. In „Ma Résilience" wurden diese Daten berichtigt – 1941 könne schon daher nicht stimmen, da in diesem Jahr zunächst nur Juden aus Polen nach Auschwitz gebracht wurden, und die Nazis erst 1942 mit dem Eintätowieren der Häftlingsnummern in die Haut begonnen haben. Maßgeblichen Anteil an der detaillierten Rekonstruktion des Schicksals von Siegfried Meir und seiner Familie hatte die spanische Journalistin Arancha Gorostola. Sie hat fast vier Jahre lang für das Buch recherchiert – und ist dessen wahre Verfasserin. Gorostola, die unter anderem die Deportation spanischer Juden in Paris dokumentierte, hatte Meir an einer Schule in Madrid kennengelernt, wo dieser einen Zeitzeugen-Vortrag hielt. Sie fand seine Geschichte so unglaublich, dass sie sie unbedingt aufschreiben wollte. Immer wieder reiste sie nach Ibiza, um den Holocaust- Überlebenden zu interviewen, durchforstete Archive, sammelte Originaldokumente und reiste für ihre Nachforschungen bis nach Rumänien.
 
Erwähnt wird sie in dem Buch nur in einem kurzen Dankeswort am Ende. Sie habe gar nicht als Autorin in Erscheinung treten wollen, sagt Arancha Gorostola im Nachhinein. Dennoch hätte sie dem Leser zumindest gerne in einem Vorwort erklärt, warum sie die Geschichte in ein Gespräch verpackt, das Siegfried mit einem offensichtlich Unbekannten führt, der aber in Wirklichkeit seinen Vater Max verkörpern soll. Oder warum sie immer wieder in kursiver Schrift die Gedanken und Erinnerungen des Jungen Siegfried einfl ießen lässt, der aus seiner kindlichen Logik heraus nachzuvollziehen versucht, warum ihn weder sein Vater noch Gott vor den Gräuel taten der Nazis bewahrt haben. Doch das Vorwort schrieb schließlich Boris Cyrulnik, französischer Neurologe, Psychiater und Experte für das Konzept der Resilienz, wonach Kinder es schaffen, sich trotz traumatischster Erlebnisse eine gesunde Psyche zu erhalten. „Aus meiner Sicht war er der Einzige, der dafür in Frage kommt", sagt Meir, der Cyrulnik kennt und ihn persönlich um den Gefallen gebeten hat. Auch der Titel „Ma Résilience" kam auf diese Weise zustande.
 
Siegfried kam laut Häftlingskarte am 15. Februar 1945 im KZ Mauthausen an. Schutzhaftlagerführer Georg Bachmayer, der wegen seiner außerordentlichen Brutalität und sadistischen Art gefürchtet war, ordnete an, den Jungen in die Baracke der Spanier zu bringen und in die Obhut von Saturnino Navazo zu geben. Der ehemalige spanische Zweitligafußballer war einer von etwa 7.000 spanischen Republikanern, die die Nazis nach Mauthausen deportierten (nur etwa 2.000 überlebten). Navazo schärfte Siegfried ein: „Von nun an heißt du Luís Navazo und sagst, dass du mein Sohn bist."
 

Siegfried Meir mit anderen Häftlingen im KZ Mauthausen. Foto: Els nostres deportats

Und tatsächlich, von dem Moment an, in dem Navazo den Befehl erhalten und den Jungen angelächelt hatte, sah Siegfried in ihm seinen Vater. Der sich seiner angenommen hatte und ihn wieder auf den rechten Weg brachte. Ein Kind, das das Grauen, aber keine Moral, keine Regeln, keine Grenzen kannte. „Ich war ein Dieb, der nicht wusste, was gut und was schlecht ist", sagt Siegfried in dem Buch, das mit „Zum Gedenken an meine Eltern Santurnino Navazo, Max Meir und Jenni Bacharach" beginnt. Seinen echten Vater hingegen macht er in „Ma Résilience" für all das verantwortlich, was ihm widerfahren ist. Weil er allein auf Gott vertraut habe, anstatt die Familie in Sicherheit zu bringen. Warum sie Frankfurt nicht längst verlassen hätten und so wie Großmutter Lina und die Tanten nach Amerika gegangen seien, wo das Leben viel  einfacher und angenehmer ist, fragt sich Siegfried in seinen kindlichen Gedankengängen.
 
Die Autorin Gorostola hat versucht, das Bild des Vaters als Schuldigen zurechtzurücken. Doch all ihre Argumente, etwa dass eine Flucht zum einen finanzielle Mittel erfordert hätte, zum anderen zum damaligen Zeitpunkt wegen der bürokratischen Hürden und des Kriegs kaum mehr möglich gewesen sei, lassen Meir auch heute noch weitgehend unberührt. „Ich weiß, dass sie recht hat und mein Vater kein Idiot war. Aber ich bin einfach von dieser Idee besessen. Ich habe all die Jahre, bis ich Arancha kennenlernte, so gedacht. Ich kann das nicht ändern."
 
Denn eines sei Gorostola trotz all der Dokumente und Fakten nicht gelungen: ihm zu beweisen, dass seine Eltern ihn geliebt haben. „Wenngleich daran eigentlich nicht zu zweifeln ist, und Kinder in diesem Alter durchaus Erlebnisse mit ihren Eltern oder Szenen von Liebkosungen im Gedächtnis behalten, ich kann mich daran nicht erinnern." Das könne daran liegen, dass die Zeit seiner Kindheit bis zur Deportation aufgrund seines Traumas wie bei einer Amnesie aus dem  Gedächtnis gelöscht wurde, sagt Meir. Oder dass es diese Gefühle tatsächlich nicht gegeben habe. Auch dass er keinerlei Liebe für seine Mutter empfindet, und deren Tod ihn vollkommen kalt gelassen habe, erklärt er sich damit. „Ich müsste vermutlich zum Psychiater gehen, um das zu beheben. Aber warum? Mir geht es doch auch so gut", sagt er im Interview.
 
Siegfried verbrachte rund zweieinhalb Monate im KZ Mauthausen, bis dieses am 5. Mai 1945, einen Tag nach seinem elften Geburtstag, von den US-amerikanischen Truppen befreit wurde. Der Junge wurde mit Navazo und anderen Spaniern, die nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren durften, nach Frankreich gebracht, wo sie zwei bis drei Monate in einer Flüchtlingsunterkunft bei Toulouse unterkamen. Danach ließ sich Navazo mit seinem Ziehsohn im nahegelegenen Dorf Revel nieder. Siegfried wurde staatenlos und bekam von Frankreich Asyl gewährt.
 

Siegfried Meir mit seinem Ziehvater Saturnino Navazo (re.). Foto: Els nostres deportats.

Doch Siegfried Meir hat nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt, sondern auch seine Muttersprache für immer begraben. Seit der Befreiung hat er nie wieder Deutsch gesprochen (das Gespräch mit der MZ wird auf Spanisch geführt). Es sei kindisch und entbehre jeder Logik, erklärt er im Buch, aber die Sprache lasse ihn immer noch erschaudern. Sie klinge grausam und abstoßend und sei das Einzige, das ihn nach wie vor daran hindere, all die Schreckenserlebnisse zu vergessen. Jungen Deutschen, denen er in  seiner neuen Heimat Ibiza zuhauf begegnet, macht Meir zwar keine Vorwürfe wegen der Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern. Dennoch meidet er sie so gut es geht. „Ich kann nicht alle Deutschen hassen, die mir über den Weg laufen, nur weil die Nazis meine Familie getötet haben, aber ich ertrage weder, ihre Stimmen noch ihre Sprache zu hören."

 Siegfried absolvierte in Revel die Grundschule. Das Zeugnis, das er am Ende erhielt, trug den Namen Luis Navazo. Mit 14 verließ er den inzwischen verheirateten Navazo, da er sich nicht gut mit dessen Ehefrau verstand, und ging nach Toulouse. Dort fand er eine Anstellung als Schneiderlehrling und wohnte bei einer großen Familie.
 
Mit seiner eigenen Familie hatte Siegfried Meier zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen. Nach dem Krieg hatte er mit Hilfe des Roten Kreuzes versucht, seinen Halbbruder Heinz zu finden, der aus Max Meirs erster Ehe stammte und rund 15 Jahre älter war als er. Heinz war bereits verschwunden, bevor die Familie deportiert wurde. Was letztlich mit ihm passierte, bleibt ein Rätsel, das auch Arancha Gorostola nicht zu lösen vermochte. Für den Verbleib anderer Familienangehöriger interessierte sich Siegfried hingegen gar nicht – weder als Jugendlicher noch heute. Dabei konnte Gorostola im Zuge ihrer Recherchen sogar einen Neffen zweiten Grades in Israel ausfindig machen, David Neustädter, der Enkel einer Schwester von Siegfrieds Mutter. Dieser ließ Meir, der bis dato kein Foto seiner Mutter gesehen hatte, sogar ein Bild zukommen, auf dem diese mit dem kleinen Siegfried auf dem Arm zu sehen ist.
 
Kennenlernen will Meir Neustädter aber ebenso wenig wie andere noch lebende Verwandte in den USA. „Ich spreche nur Spanisch und Französisch, und mein Englisch ist nicht gut genug für eine richtige Unterhaltung", begründet er seine Haltung. Zudem sei er nicht so sentimental, um Wert auf solche Dinge zu legen. Er nehme deshalb auch an keinen Treffen von Holocaust-Überlebenden teil, zu denen er immer mal wieder eingeladen werde. Geschweige denn an den Erinnerungsfahrten nach Auschwitz. „Da will ich nie wieder in meinem Leben hin, und schon gar nicht nach Deutschland."

 

Als Chanson-Sänger trat Meir als Jean Siegfried auf. Hier auf einem Album-Cover.

Siegfried machte sich mit 17 Jahren auf den Weg nach Paris. Er wollte ins Musikgeschäft einsteigen. Das Kinderhilfswerk organisierte ihm einen Platz in einem Heim für jugendliche Waisen, als Angestellter bei einem Maßschneider verdiente er sich seinen Lebensunterhalt. In den Cabarets von Montmartre sammelte Siegfried schließlich erste Bühnenerfahrung, wobei er anfangs für die Darbietung seiner Chansons höchstens mit einem Sandwich entlohnt wurde. Nach und nach machte er sich einen Namen. Zwischen 1957 und 1960 nahm er unter dem Künstlernamen „Jean Siegfried" mehrere Alben auf. Seine Tourneen führten ihn bis nach Kanada, wo er in Montreal durch Fernsehsendungen tingelte  und in Québec große Konzertsäle füllte. In Frankreich hingegen blieb der große Durchbruch aus. Siegfried hängte seine Sängerkarriere wieder an den Nagel.
 
Irgendwie sei er aber doch in die Fußstapfen seines Vaters gestiegen, triezt die unbekannte Figur Siegfried im Buch. Der sei ebenfalls Schneider gewesen und hätte seinen Sohn gerne im Chor der Synagoge gesehen. Arancha Gorostola hat dieses Stilmittel auch deshalb gewählt, um immer wieder nachzuhaken und die teils kindischen Verhaltensweisen und widersprüchlichen Aussagen von Siegfried zu hinterfragen. Der Umgang mit ihm sei schwierig gewesen und manchmal schier zum Verzweifeln, erzählt sie. Über bestimmte Dinge habe er erst nach langem Nachbohren sprechen wollen.
 
Als sie nach Frankreich gekommen seien, hätten die Bauern neugierig nachgefragt, was ihm alles widerfahren sei, erzählt Siegfried im Buch. Doch dann kommentierten sie seine Berichte mit Sätzen wie „unglaublich, das kann ja gar nicht wahr sein". Als er dies ein paar Mal gehört hatte, habe er beschlossen, für immer zu schweigen.
 
Siegfried ließ sich 1967 auf Ibiza nieder. Auf der damals von Hippies frequentierten Ferieninsel eröffnete er eine Creperie, später das noble Restaurant El Olivo und den Club San Rafael. In seiner Boutique Zoé verkaufte er Klamotten der Marke „ad lib", die er selbst entwarf und von den Bäuerinnen der Insel nähen ließ.
 
Der Beste sein wollen, und dann doch eine Niederlage erleiden – dieses Schema zieht sich wie ein roter Faden durch Siegfrieds Leben. SeinModelabel „ad lib" habe das Potenzial gehabt, zu einer Weltmarke wie „Zara" zu werden, sagt Siegfried im Buch. „ad lib" wurde es ebenso wenig, wie „Jean Siegfried" zur Nummer eins der Chanson-Welt aufstieg. Er, der einst nichts anderes als eine Nummer in einem Häftlingslager gewesen sei, habe stets das Bedürfnis gehabt, sich von allen andere abzusetzen, besser, ja etwas Besonderes zu sein.

Siegfried Meir bei einer Ausstellung seiner Kunst im Club des Diario de Ibiza

 
Ähnlich verhielt es sich mit seinem Wunsch nach einer Familienidylle, die auf Ibiza Wirklichkeit werden sollte. Er habe der perfekte Vater sein und seinen beiden Töchtern ein Zuhause geben wollen, in dem sie sorgenlos aufwachsen können. Doch die Familien-Finca musste er irgendwann aus finanziellen Gründen verkaufen. Und nachdem bereits die Ehe mit der Mutter seiner älteren Tochter, einer Französin, gescheitert war, trennte er sich nach 18 Jahren auch von der Mutter seiner zweiten Tochter. Nur zu Navazo riss der Kontakt nie ab. Nachdem er als Jugendlicher aus Revel weggegangen war, hätten sie sich trotzdem regelmäßig getroffen. Später habe ihn Navazo einmal im Jahr auf Ibiza besucht. Sein Tod im Jahr 1986 habe ihn in eine tiefe Depression gestürzt, sagt Siegfried im Buch.

 Siegfried veröffentlichte im Jahr 2000 zusammen mit dem aus Alexandria stammenden Juden Georges Moustaki ein Buch. In „Sohn des Nebels. Jüdische Erinnerungen" hat der Musiker Moustaki, der unter anderem Chansons für Edith Piaf komponierte und den Meir aus seiner Zeit in Paris kannte, ihr gemeinsames Schicksal als von den Nationalsozialisten verfolgte Kinder aufgeschrieben. Im Jahr 2010 zeigte Siegfried in den Räumen des „Diario de Ibiza" eine Ausstellung mit Skulpturen und Bildern, die größtenteils seine Erlebnisse in den KZs thematisieren und teils erst kurz zuvor, teilweise aber auch schon 15 Jahre früher entstanden. Seit rund drei Jahren arbeitet außerdem der Mallorquiner Luis Ortas an einem Dokumentarfilm über den 79-Jährigen, der nach seiner Fertigstellung noch in diesem Jahr auf IB3 laufen soll (Nachtrag 2020: zu sehen auf der Plattform des Streaminganbieters Filmin).
 

Zeitzeuge: Siegfried Meir bei einem Vortrag in einer Schule. Foto: Riera

Inzwischen falle es ihm nicht mehr schwer, über das Vergangene zu reden, sagt Siegfried Meir im Interview. Bei der Eröffnung seiner Ausstellung 2010 sagte er gegenüber der Presse: „Ich bin nicht vom Holocaust besessen, aber er gehört zu meiner Vergangenheit, ich habe ihn erlebt, und er hat sich mir eingeprägt." Überlebt zu haben, bedeute auch eine große Verantwortung. Man müsse zeigen, dass es sich gelohnt habe, zu überleben. Wenn er eingeladen werde, spreche er mittlerweile auch gerne vor Schulklassen über sein Schicksal, sagt Meir am Telefon.
 
Sonst widme er seine Zeit vor allem seiner Frau, und gelegentlich noch der Kunst. „Ich versuche, glücklich zu sein, mein Leben kann jeden Moment zu Ende gehen. Ich glaube nicht an Gott, alles ist Schicksal und vorherbestimmt." Er wisse nicht, was aus seinem Leben ohne die Nazis geworden wäre, sagt Siegfried im Buch. „Wenn ich die Erfahrungen im KZ auslöschen könnte, müsste ich mir ein anderes Schicksal ausdenken."

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