18. Juli 2020
18.07.2020
Mallorca Zeitung

Mallorca-Pfarrerin Heike Stijohann: "Der Abschied tut weh"

Intensive und flüchtige Begegnungen, ein erschrockener Pfarrer und die Corona-Folgen – die scheidende Pastorin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde zieht Bilanz über ihre Insel-Amtszeit

18.07.2020 | 01:00
Stand sechs Jahre lang der evangelischen Gemeinde vor: Heike Stijohann.

Stabübergabe in der deutschsprachigen ­evangelischen Gemeinde: Pfarrerin Heike ­Stijohann und ihr Mann Paul kehren zurück nach Deutschland. Der Zeitpunkt des Abschieds stand fest, die Umstände diktiert nun aber die Corona-Krise. Im Pfarrgarten in Arenal schaut die 59-Jährige auf ihre Amtszeit zurück. Die Abschiedsgottesdienste finden am Sonntag (19.7.) um 11 Uhr in Cala Ratjada und um 17 Uhr in Peguera statt. 

Als Sie vor sechs Jahren nach Mallorca kamen, haben Sie auch Ihre mediterranen Pflanzen mit in den Süden gebracht. Reisen die Blumentröge jetzt mit Ihnen wieder zurück ins kalte Deutschland?
Nein, wir haben die Pflanzen hier in die Freiheit entlassen. Wir haben geschaut, wer eine schöne Finca hat, und dort wurden die Orangen- und Zitronenbäumchen eingepflanzt. Und weggebracht haben wir auch die Olivenbäumchen, die wir zum Teil zwischen den Beinen im Flugzeug mitgebracht hatten. So wie den Koffer in Berlin werden wir sozusagen noch Pflanzen auf Mallorca haben.

Wie sehr haben Sie selbst in diesen Jahren Wurzeln auf der Insel geschlagen?
Der Abschied tut weh, auch wenn wir wiederkommen werden. Aber dann nur zu Besuch. Wir haben viele Menschen kennengelernt, von denen uns viele ans Herz gewachsen sind. Einige Residenten, die pendeln, werden wir in Deutschland wieder besuchen.

Nach dem Kommen und Gehen vieler Ihrer Schäfchen sind Sie nun die Weiterreisende...
Das ist nicht einfach. Deswegen müssen die Menschen, die sich hier wohlfühlen wollen, schnell in Kontakt kommen und fähig sein, auch Bindungen wieder zu lösen.

Ihr Abschied wird von der Corona-Krise überschattet. Erschwert oder erleichtert das die Rückkehr nach Deutschland?
Beides. Im Lockdown habe ich angefangen, aufzuräumen und zu planen, was ich sonst nicht getan hätte. Das hat mich heruntergeholt. Andererseits habe ich die Feste vermisst, die ausfallen mussten. Die Abschiede sind jetzt portioniert, das macht es schwieriger. Und inzwischen kann ich auch keine Einladungen mehr annehmen, aus zeitlichen Gründen.

Das Pfarrer-Casting zur Suche Ihres Nachfolgers kam bei Ihren Vorgesetzten nicht gut an, die Öffentlichkeit sollte außen vor bleiben – blieb sie aber nicht. Hatte das noch ein Nachspiel für Sie?
Nein. Es gab eine Belehrung, aber freundschaftlich. Ich denke, es wurde unsere gute Zusammenarbeit mit der Presse unterschätzt.

Die Residenten kommen und gehen, die ­Urlauber erst recht. Wie hat es vor diesem Hintergrund mit der Tourismusseelsorge in Ihrer Amtszeit geklappt?
Die Kurzzeiturlauber haben wir kaum erreicht. Ich habe hier in Arenal zwei Jahre lang Angebote gemacht, etwa mit Konzerten und Andachten an der Strandkirche. Das habe ich aber aufgegeben. Die Urlauber, die länger bleiben und auch zu Hause in die Kirche gehen, kommen aber durchaus in Cala Ratjada oder Peguera in Kirche. Auch Brautpaare, die hier geheiratet haben, schauen vorbei.

Ein Schwerpunkt Ihrer Amtszeit war bis ­Corona der Krankenhausbesuchsdienst.
Er konnte nicht mehr stattfinden, bis auf eine Klinik, dort haben wir eine telefonischen Begleitung begonnen. Ich habe deswegen bei der Telefonseelsorge in Deutschland angefragt, ob sie unsere Mitarbeiter schulen kann – nicht um eine Hotline einzurichten, sondern um im Einzelfall eine qualifizierte Alternative zu den Besuchen per Telefon anbieten zu können.

Wie viele Hochzeiten sind noch möglich?
Ich hatte erst jetzt die allererste Hochzeit dieses Jahres. Im Juli und August gibt es zwei weitere, dann ist lange nichts. Die meisten Paare haben den Termin verlegt. 2019 hatte ich 65 Trauungen und Taufen, davon bleibt dieses Jahr vielleicht ein Zehntel. Für die Gemeinde ist das gravierend. Da wir im Ausland keine Kirchensteuer haben, bleiben uns nur Mitgliedsbeiträge und Spenden, etwa der Brautpaare. Wir kämen ohne die Hochzeiten über das Jahr, aber die Gemeinde muss gerade für die Erschließung der Straße und die Hausanschlüsse 54.000 Euro aufbringen. Der letzte Beitrag wird fällig bei Fertigstellung, und wir hoffen, dass es noch nicht im November so weit sein wird.

Wie bedrohlich ist dieses Finanzloch?
Die Arbeit könnte sich dramatisch verändern. Zum Glück sind nach dem Spendenaufruf schon mehr als 10.000 Euro eingegangen. Das ist wirklich toll. Langfristig könnte es aber bedeuten, dass wir Stellen einsparen müssen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Nachwuchsarbeit in den vergangenen Jahren?
Nicht so sehr. Die Zahl der Konfirmanden ist stabil, aber abseits davon, etwa über die Familiengottesdienste in Peguera, haben wir die Familien und die Kinder nicht gut erreicht. Meine Nachfolger haben ja ihre Tochter am Euro­campus, ich hoffe, dass auf diesem Weg etwas ­wachsen kann. Im Umfeld der Schule kann man neue Schwerpunkte setzen. In meiner Zeit in Deutschland hatten wir Freizeitprogramme am Wochenende, das hat mir hier gefehlt.

Mit Ihnen als evangelischer Pastorin stand erstmals eine Frau an so manchem Altar in Mallorcas Kirchen. Lief das alles reibungslos oder bekamen Sie Bedenken zu spüren?
Fast gar nicht. Ich hatte nette Gespräche mit den katholischen Pfarrern, sie haben sich gefreut und mir versichert, dass Frauen in der Kirche etwas sehr Wichtiges sind. Es gab eine einzige Kirche auf Ibiza, da durfte ich nur einmal eine Trauung abhalten. Der Pfarrer hatte sich fürchterlich erschrocken und meinte, das würde auch seine Gemeinde erschrecken.

Das hat er so gesagt?
Ja, aber nicht persönlich. Da ist der Marktplatz vor der Kirche, und die Menschen gingen ­hinein – und kamen nicht mehr heraus. So kam es, dass dann eine interessierte Gruppe von ibicencos in den hinteren Bänken saß. ­Daraufhin meinte der Pfarrer bei seinen Vorgesetzten, dass eine Frau in der Kirche seine Gemeinde verunsichere. Aber in allen anderen Kirchen war es kein Problem.

Womit sind Sie besonders zufrieden, wo ­sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Rundum zufrieden bin ich mit all den Gottesdiensten, Kasualien, den Begegnungen, den Gruppen. Sorgen machen muss man sich über die Menschen, die hier alt werden und dabei vereinsamen oder verarmen. Da sehe ich auch keine Lösung. Hätten wir Kirchensteuern, könnten wir einen Sozialarbeiter hinzuziehen und eine mobile Beratungsstelle einrichten.

Was werden Sie am meisten vermissen?
Die Freundlichkeit der Menschen. Stijohanns Mann Paul kommt kurz hinzu, grüßt und gibt auch eine Antwort: Die Pflanzen, den Garten, viele Menschen. Aber ich freue mich auch auf meine Geschwister und dass ich wieder kegeln kann.

Wie geht es jetzt in Deutschland weiter?
Für mich war die Zeit auf Mallorca der intensive Höhepunkt. In einigen Monaten werde ich 60 und überlege, inwieweit es Sinn macht, erneut eine Pfarrgemeinde zu übernehmen. Das ist ein Prozess des Zusammenwachsens, den ich nicht noch einmal beginnen – und nach nur wenigen Jahren wieder beenden möchte. Stattdessen plane ich, Vertretungen zu übernehmen. Das wäre für mich sozusagen die Kür.

Auch als Winterpfarrerin auf Mallorca?
Das kann ich mir sehr gut vorstellen, aber nicht für zehn Monate. Das wäre eine lange Trennung, etwa von den Enkelkindern – sechs wurden während unserer Mallorca-Zeit geboren.

Im Rahmen von Gottesdiensten nehmen Pfarrerin Heike Stijohann und ihr Mann Paul Abschied von Mallorca – am 19. Juli um 11 Uhr in Cala Ratjada und um 17 Uhr in Peguera. Nach einer Vertretung durch den „Winterpfarrer" tritt dann das Nachfolger-Pfarrehepaar am 1. September seinen Dienst an: Martje Mechels und Holmfried Braun, die sich im ­Frühjahr im Pfarrer-Casting gegen einen Konkurrenz-Kandidaten ­durchgesetzt haben (MZ ­berichtete). Sie kommen samt ihrer 16-jährigen Tochter Mia aus dem Rheinland auf die Insel.
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