04. August 2020
04.08.2020
Mallorca Zeitung

Mallorca-Krimi "Verschollen in Palma": Bestseller-Autor Mons Kallentoft im Interview

Der schwedische Schriftsteller beschäftigt sich mit der dunklen Seite des Paradieses und nutzte zum Schreiben seine eigenen Ängste

04.08.2020 | 01:00
Mons Kallentoft (52) schätzt die spanische Lebensart und meidet Landsleute.

Mons Kallentoft lebt seit mehr als fünf Jahren in Palma de Mallorca. Doch weltweite Erfolge feierte der 52-jährige Autor bislang mit der Krimiserie um Zack Herry und Malin Fors, die in Schweden spielt und in 26 Sprachen übersetzt wurde.

Nun wählte er auch seine neue Heimat Mallorca als Kulisse für Verbrechen: Das 16-jährige, schwedische Mädchen Emme verschwindet während eines Partytrips in Magaluf. Drei Jahre später ist die Ehe ihrer Eltern zerbrochen. Ihr Vater Tim Blancks arbeitet als Privatdetektiv in Palma, sucht noch immer verzweifelt nach seiner Tochter und gerät in einen Strudel aus Gier, Korruption und Gewalt.

Der Krimi „Verschollen in Palma" eroberte in Schweden bereits Platz eins der Bestsellerliste. Am 25. Juli erschien die deutsche Fassung des rastlosen, spannenden Buches bei Klett-Cotta. Ein Gespräch mit dem Workaholic Kallentoft, der sich mit cortado und Coke zero direkt eine doppelte Koffein-Dröhnung bestellt und häufig in weiteren Schüben antwortet, wenn ihm noch ein kluger Gedanke kommt.

Herr Kallentoft, schon im ersten Kapitel Ihres Buches merkt man eine Art dunkle Faszination für Magaluf. Was macht diesen Ort für Sie zum perfekten Krimi-Setting?
Magaluf ist eine Projektionsfläche für unsere Träume und alle Arten menschlicher Gefühle. In der Realität erleben wir dort unsere dunkelsten Momente: Wir sind sehr betrunken, auf Drogen und tun Dinge, die wir bereuen. Für mich ist es aber zugleich ein Ort voller Lichter und Freude. Die Leute dort sind nicht hochintellektuell, aber glücklich. Magaluf wurde erbaut, um Geld zu machen, und dafür muss man etwas schaffen, das die Leute anspricht und ihnen Freude bringt. Was dabei herauskam, war „The Strip". Ich denke, das sagt eine ganze Menge über uns. Und ich sehe dabei nicht nur das Hässliche. Aber wir sind uns sicher einig, dass es nicht nur schön ist.

Sind Sie selbst gern dort?
(lacht) Nicht besonders, ich bin zu alt. Aber als junger Mensch hätte man mich dort sicher antreffen können. Und meine 17-jährige Tochter geht mit ihren Freunden dorthin.

Da drängt sich die Frage auf, inwiefern Ihre Tochter Sie zu diesem Buch inspiriert hat.
Manchmal sind meine eigenen Ängste ein guter Ausgangspunkt, um Spannung zu erzeugen. Und wenn man eine Tochter hat, ist es mit die größte Angst überhaupt, dass ihr etwas passiert. Das gilt wohl für alle Eltern. Für mich war es der Schlüssel zu meinen Emotionen, und hoffentlich auch für die der Leser. Das Buch ist außerdem voll von kleinen, persönlichen Erinnerungen, Momentaufnahmen, in denen ich etwas Symbolisches sehe. Aber ich war sehr darauf bedacht, alles zu fiktionalisieren, sodass sich niemand wiedererkennt.

Der Protagonist Tim Blancks ist so abgebrüht, dass es manchmal schwerfällt, Sympathien für ihn aufzubringen.
Das Hauptthema des Buches ist die Liebe. Aber es geht auch um Mallorca und die zwei Seiten des Paradieses: seine unglaubliche Schönheit und die dunkle Seite mit all der Korruption, mit Drogen und Verbrechern. Um Tim als authentischen Charakter in dieser Umgebung zu zeigen, muss er diese beiden Seiten widerspiegeln und in sich tragen. Er ist ein verlorener Mann mit einem Ziel. Wenn man ihm das nimmt, ist er nichts, und er ist sich dessen wohl bewusst. Eine der großen Fragen lautet für mich: Wie weit ist man bereit, für die Liebe zu gehen? Ich möchte, dass sich der Leser fragt, ob er dasselbe tun würde.

Warum musste dieses Buch auf Mallorca spielen statt in Stockholm?
Ich begriff das Ausmaß der Korruption hier und las Geschichten, die so verrückt sind, dass Schweden sie nicht glauben. Von Polizisten, die selbst Drogen nehmen und dabei gefilmt wurden. Ich fühlte, dass es hier einige perfekte Noir-Geschichten gibt, die es zu erzählen gilt. Für Privatdetektive, die untreuen Ehefrauen hinterherspionieren, gibt es in der Stadt wahrscheinlich sechs oder sieben Anbieter. In Stockholm kenne ich keinen einzigen. Außerdem hatte ich viele Ideen, wie ich Geschichten erzählen wollte, die nicht zu den anderen Serien gepasst haben. Ich wollte ein Buch mit einer anspruchsvollen Erzählweise schreiben. „Verschollen in Palma" ist etwas fordernd für den normalen Krimileser.

Die Sprache ist an manchen Stellen sehr sprunghaft und arbeitet mit einer Mischung aus flüchtigen Eindrücken und tiefgründigen Gedanken. Inwiefern spiegelt das Tims Innenleben?
Es ist definitiv ein Bewusstseinsstrom. Außerdem habe ich viel über Eltern gelesen, die vermisste Kinder haben. Sie alle sprechen davon, dass sie ihr Zeitgefühl verloren haben. Als ich die Handlung des Buches entwickelte, versuchte ich, das in der Art aufzugreifen, wie Tim die Realität wahrnimmt. Für ihn und seine Frau ist die Gegenwart niemals nur die Gegenwart, und die Vergangenheit nicht nur die Vergangenheit.

Sie deuten im Buch an, dass Teenager einerseits sehr verwundbar sind, sich andererseits aber nur schwer beschützen lassen. Macht sie das zu idealen Krimi-Opfern?
Ja, denn sie sind sich nicht bewusst, dass sie sterben können. Aber wir wissen, dass sie es können. Das ist wie in den Horrorfilmen: Geh nicht in den Keller! Du weißt, dass etwas schiefgehen wird, und fühlst sofort diese Spannung. Außerdem haben Teenager einen wahnsinnigen Lebenshunger. Alles ist möglich, du bist der König oder die Königin der Welt.

Über sich selbst haben Sie einmal gesagt, Sie seien ein Zyniker und Michel Houellebecq wirke neben Ihnen wie ein Glücksbärchi. Wie passt das eigentlich zur spanischen Lebensfreude?
Ich brauche die spanische Kultur, um ein bisschen entspannter und glücklicher zu sein. Wenn du eine Houellebecq'sche Art hast, das Leben zu betrachten, brauchst du Leute um dich, mit denen du ein Bier trinken kannst, ohne dabei zu viel zu denken und dir Sorgen zu machen. Die Menschen hier sind gut darin, alles mit einem Schulterzucken hinzunehmen: Es kommt so, wie es kommt.

Und wie nehmen Sie die Schweden-Community auf Mallorca wahr?
Ich bin kein Mitglied davon und glaube nicht, dass sie mich besonders mögen. Es gibt so viel Klatsch und Gerede in kleinen Gruppen, die zu viel Zeit haben. Sie denken, das wäre ein Leben, aber das ist es nicht. Die Arbeit ist das Leben. Ich arbeite die ganze Zeit und bin hierher gezogen, weil ich keine Kontakte zu Schweden haben wollte und weil ich die Nachbarschaft und das Leben auf Mallorca schätze. Hier werde ich in Ruhe gelassen. Als Schriftsteller solltest du unsichtbar sein. Der perfekte Posten ist wie eine Fliege an der Wand.

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