28. September 2020
28.09.2020
Mallorca Zeitung

Biete Fotos, freue mich über eine Gegenleistung

MZ-Serie Auswandern in Corona-Zeiten: Die Magdeburgerin Andrea Melcher entschied sich spontan für Mallorca - und hatte Glück. Nun will sie auf der Insel eines ihrer Hobbys mittelfristig zum Beruf machen und dadurch auch anderen helfen

28.09.2020 | 01:00
Andrea Melcher fotografiert mit Leidenschaft fast alles, was ihr vor die Linse kommt. Auch Selbstporträts gehören dazu

Andrea Melcher hat ihre Kamera so gut wie immer dabei, wenn sie das Haus verlässt. Auch als sie die MZ zum Interview am Kloster Cura auf dem Berg Randa trifft („hier ist es so schön idyllisch") unterbricht sie das Gespräch mehrmals, um schnell ein paar Schnappschüsse zu machen. Von weidenden Schafen, von einem säugenden Lamm. „Tiere fotografiere ich ohnehin am liebsten, die meckern nicht über Falten", sagt Melcher und lacht.

Überhaupt lacht die Mallorca-Auswanderin aus Magdeburg gern und laut. Eine Eigenschaft, die auf der Insel gern gesehen sei, ihr in Deutschland aber oft missbilligende Blicke eingebracht habe, erzählt sie. „Ich mag die Art des Lebens und Lebenlassens hier auf Mallorca", so die 48-Jährige. Trotzdem ist ihr Verhältnis zum Leben auf der Insel zwiegespalten. Zwei Mal war sie bereits drauf und dran, nach Deutschland zurückzukehren. Zwei Mal entschied sie sich letztlich dagegen. „Altwerden möchte ich hier aber nicht, da bin ich mir sicher", sagt Melcher mit Nachdruck. Dabei seien einige ihrer 15 Inseljahre die schönsten ihres Lebens gewesen – und sie plant nun ein engagiertes Tauschprojekt, bei dem sie Mallorca vor die Linse holen möchte.

Fotos gegen Sachleistungen

„Fotografie hat mich immer schon begleitet, sie ist meine Leidenschaft, wenn auch bisher nur als Hobby", sagt Melcher und fährt mit der Hand über ihre Kamera. Auf ihrem Facebook-Profil sind zahlreiche Ergebnisse ihres Könnens zu sehen: junge Familien, verliebte Paare, aber auch ein Barbier bei der Arbeit, zwei Friseurinnen im Salon, Gastronomen in Restaurants oder Tierärzte in der Praxis. „Ich biete Fotoshootings nicht gegen Geld, sondern gegen Sachleistungen an", erklärt Andrea Melcher und holt weiter aus. „Die Idee kam mir während des Lockdowns und ich habe gleich nach der Ausgangssperre losgelegt. Viele Unternehmen haben kein Geld, brauchen aber Publicity. Da dachte ich mir, ich kann helfen und gleichzeitig für mich Kontakte ausbauen."

Mittelfristig würde sich Melcher nämlich gern als Fotografin selbstständig machen. Bis dahin nimmt sie für ihre Fotos nichts weiter als das, was die Unternehmer zu bieten haben: ein kostenloses Essen, einen Friseurbesuch oder eine Massage bei der Physiotherapeutin. „In den ersten Wochen habe ich Klinken geputzt und es lief richtig gut an, ich habe ständig auswärts essen können. Aber seit Deutschland die Reisewarnung für die Balearen ausgesprochen hat, hat es auch mich getroffen. Viele Unternehmen haben dichtgemacht und öffnen erst im kommenden Frühjahr wieder." Sie hofft, dass sie dann richtig durchstarten kann.

Neben zahlreichen positiven Rückmeldungen habe sie wegen ihrer Tauschaktion bereits Kritik eingefahren. „Professionelle Fotografen sehen es nicht gern, sie haben Angst, dass ich ihnen die Kunden wegnehme. Das kann ich auch nachvollziehen, die Situation ist gerade nicht leicht. Aber ich verstehe nicht, warum sie nicht mitziehen und ähnliche Aktionen starten, um Unternehmern und sich selbst zu helfen, und stattdessen ganz auf Aufträge verzichten."


Mut zu Neuem

Sich über Konventionen hinwegzusetzen ist für Melcher nichts Neues. „Man muss nicht alles gelernt oder studiert haben, um etwas zu können und gut zu machen. Und ich bin überzeugt davon, dass man in normalen Zeiten ohne Corona alles schaffen kann, wenn man es mit Leidenschaft tut", findet sie. Schon oft hat die Magdeburgerin Neuanfänge gewagt, sowohl beruflich als auch räumlich. „Seit der Grenzöffnung der DDR, als ich mit 17 Jahren meine Heimat verließ, habe ich kein festes Zuhause im eigentlichen Sinne", berichtet sie.

Damals zog es sie zunächst in den Westen Deutschlands. Sie lebte in verschiedenen Städten, machte eine Ausbildung zur Fitnesstrainerin, musste mit einer schweren Krankheit kämpfen und entschied sich schließlich mit Anfang 30, auf der Aida als Trainerin anzuheuern. „Ich hatte eine Trennung hinter mir, wollte einfach raus, die Welt sehen und den Kopf frei kriegen", berichtet Melcher. Der Wechsel der Aida-Passagiere fand stets im Hafen von Palma statt. „Eines Tages lief ich dort durch die Straßen und dachte mir: Warum nicht auf Mallorca bleiben?", erinnert sich Melcher.

Ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, ohne Kontakte auf der Insel, ohne ein Jobangebot auf Mallorca oder eine Wohnung in Aussicht, verließ sie das Schiff. „Mut im Leben ist für mich das Wichtigste", so Melcher. Ihre Rechnung ging auf. Sie fand schnell eine Unterkunft, trat als Haushälterin eine Stelle bei einer Familie in Costa de la Calma an. In den folgenden Jahren lernte sie Spanisch, arbeitete hart – einige Jahre als Haushälterin an verschiedenen Orten der Insel, einige Jahre in einem Hotel in Cala d'Or. Nebenbei organisierte sie Fitnessreisen, am liebsten für Senioren. „Ich liebe den Umgang mit Menschen, finde es toll, ältere Leute in Bewegung zu bringen."


Angst vor dem Altern

Das Thema Altern lässt sie auch abseits des Sports nicht los. In mehreren Projekten versuchte Melcher bereits, meist deutschsprachige Senioren auf Mallorca aus ihrer Einsamkeit zu locken, Wohngemeinschaften für ältere Menschen zu gründen oder sie bei der Suche nach vertrauenswürdigen Handwerkern zu unterstützen. Alles nebenbei und unentgeltlich. Vielleicht weil sie sich selbst in ihnen spiegelt. „Ich habe Angst davor, alt zu werden, ganz klar", gibt die 48-Jährige offen zu. „Nicht wegen der körperlichen Gebrechen, sondern weil Alte nicht mehr positiv in der Gemeinschaft aufgenommen werden. Und allein sein ist fürchterlich." Einsamkeit sei auch der Hauptgrund dafür gewesen, warum sie mehrmals konkret über eine Rückkehr nach Deutschland nachgedacht habe. Denn so wenig Melcher an Verwurzelung und Heimat festhält, so wichtig sind ihr doch zwischenmenschliche Kontakte. „Dauerhaft Freundschaften zu knüpfen ist auf Mallorca schwer. Einige einsame Winter hier habe ich nur durch meinen Sport gut überstanden."

Auch in der Fotografie hat Melcher einen Weg gefunden, Senioren zusammenzubringen. Im Sommer organisierte sie ein Shooting mit Rentnern am Strand von Peguera. „Die Resonanz war toll, allen Beteiligten hat es Spaß gemacht und am Ende kamen tolle Fotos dabei heraus."


Pläne ohne Mallorca

Ihre Arbeit als Haushaltshilfe – derzeit ist sie wieder bei einer Familie in Costa de la Calma angestellt – will Melcher vorerst nicht aufgeben. Dafür sei das Fotografie-Standbein noch zu wackelig. Aber selbst wenn sie es schaffen sollte, sich im kommenden Jahr mit ihren Bildern selbstständig zu machen – Mallorca taucht in ihren langfristigen Planungen nicht auf. „Ich bin in den vergangenen Jahren nur noch hier, weil mein Partner hierbleiben möchte. Aber auch ihm ist klar, dass ich eines Tages weg will." Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Wohin, das kann Melcher noch nicht sagen. „Vielleicht kaufen wir uns ein Schiff und umsegeln die Welt", sagt sie und lacht wieder ihr sympathisches Lachen. „Aber in einem Altenheim auf der Insel werde ich bestimmt nicht enden."

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