21. Oktober 2020
21.10.2020
Mallorca Zeitung

1.800 Insider-Fakten über Palma de Mallorcas Trendviertel Santa Catalina

Albert Herranz, Sohn eines Spaniers und einer Schwedin, kennt das unter Ausländern so beliebte Stadtviertel so gut wie kaum ein Zweiter. Nun hat er ein Glossar mit Hunderten von Einträgen vorgelegt, um noch mehr über die Geschichte, die Menschen und die Identität des Quartiers zu vermitteln

21.10.2020 | 01:00
Albert Herranz vor einem neuen Wandgemälde in Santa Catalina.

Insgesamt über 20 Jahre lang war das Trendviertel von Palma de Mallorca, Santa Catalina, das Zuhause von Albert Herranz. Nach längeren Aufenthalten in Schweden und Barcelona zog es ihn bei seiner Rückkehr auf die Insel immer wieder in das ehemalige, westlich der Innenstadt gelegene Fischerviertel. Bis zum Jahr 2011 wohnte er dort in diversen Straßen. Dann sah sich ­Herranz wegen der steigenden Mietpreise gezwungen, von Santa Catalina wegzuziehen. Sein Vermieter wollte plötzlich deutlich mehr Geld als die 500 Euro haben, die er für seine Einzimmerwohnung bezahlt hatte. Nun wohnt Herranz in dem beschaulichen Örtchen Campanet. „Immerhin wurde mir der Zutritt zum Viertel nicht verboten", scherzt er. Besser ist's, denn der Sohn eines Spaniers und einer Schwedin forscht seit Jahren zu dem durch den Zuzug von Ausländern stark gewandelten barrio. Vor allem für sein neuestes Buch waren Gespräche mit den Bewohnern und Lokalbesitzern vor Ort unabdinglich.

In dem knapp 200-seitigen „Glossari de Santa Catalina i Es Jonquet" (Documenta Ba­lear, 17 Euro, Katalanisch) hat er in über zehn Jahren Arbeit mehr als 1.800 Namen von für Santa ­Catalina und Es Jonquet wichtigen Persönlichkeiten, Straßen, Geschäften und Lokalen vom Mittelalter bis 2017 zusammengetragen.

Orte und Menschen

Wer öfter in Santa Catalina unterwegs ist oder gar dort lebt, kann in dem Buch etwa einen Straßennamen nachschlagen. Unter dem Eintrag für „Fàbrica, Carrer" erfährt man etwa, dass der Name der heutigen Fußgängerzone und Gastro-Meile auf eine einstige Gas-Fabrik zurückgeht. Sie befand sich an der Ecke zum Carrer Joan Crespí und hat in dem Glossar einen eigenen Eintrag (Econòmia, fàbrica de gas L).

Derlei Informationen zu bekommen, war für Herranz ein Kinderspiel – ganz im Gegensatz zu denen über so manche Persönlichkeiten. An sie erinnern sich, wenn überhaupt, nur noch die ältesten Bewohner. „Immer wieder erzählten mir Einzelne von ihnen etwa von einem Obdachlosen, der damals gewettet haben soll, dass er gegen Geld vor den Augen der Passanten frisch geborene Kätzchen verspeisen würde", so Herranz. Von ihm wie auch anderen kuriosen Bewohnern konnte er allenfalls die Spitznamen herausfinden und dokumentieren. Auch Fotos der einstigen Bewohner des Viertels standen Herranz nur in sehr seltenen Fällen für seine Recherchen zur Verfügung.

Das gilt auch für „Mestre Lloisó", einen Schuster. Er soll Bewohnern im 19. Jahrhundert Briefe vorgelesen haben, die sie von ihren in Kuba lebenden Verwandten bekommen hatten. „Damals waren viele Analphabeten und hatten Familienmitglieder, die in den Inselstaat ausgewandert waren", erzählt ­Herranz. Das hätten die cataliners den Bewohner von Andratx gleichgetan, mit denen sie traditionell in sehr engem Kontakt standen – unter anderem durch die Fischerei. „Bis 1812 gehörte Santa Catalina und Es Jonquet sogar zu Andratx und nicht zu Palma", erzählt der Autor. Zum Leben hinter den Stadtmauern von Palma hätten die Bewohner von Santa Catalina trotz der geografischen Nähe nur wenig Kontakt gehabt. Statt also etwa dort Arbeit zu suchen, schauten sie sich in anderen Gegenden der Insel, auf dem Festland oder gar in Kuba um. „Auch der Name der Bar Cuba soll etwa auf dessen einstigen Gründer zurückgehen, der aus Kuba mit viel Geld zurück auf die Insel kam", so Herranz.

Der Name „Can Mujeres" (Bei den Frauen) eines ehemaligen Lokals an der Kreuzung des Carrer Caro mit dem Carrer Despuig erzählte ebenfalls eine Geschichte: „Morgens zwischen 5 und 7 Uhr sollen nur Hausfrauen in die Bar gekommen sein, um dort Kaffee für das Frühstück zu holen. Der Besitzer des damaligen Cafés soll zudem bewusst auf eine Stammkundschaft aus etwa 20 Bewohnern gesetzt ­haben, die gleichzeitig seine Freunde waren", erzählt Herranz.

Besonders nostalgisch wird der in Schweden geborene und auf der Insel aufgewachsene Herranz, wenn er etwas weiter südlich an der Ecke des Carrer d'Espanto mit dem Carrer del Vicari Antoni Marimon vorbeikommt. Wo heute die Stagier Bar beheimatet ist, holte er sich als kleiner Junge regelmäßig heiße ­Schokolade in der Hormiga Chocolatera. Das ­beliebte Lokal machte 1990 zu. Auch seine Mutter habe sich dort zuvor oft mit ihren britischen Freundinnen getroffen. Noch heute ­erinnert sich Herranz daran, dass die Frauen damals über Riki Lash gesprochen haben. Der Radiojournalist aus Kalifornien mit dem vollen Namen Richard Lazaar war um 1950 auf die Insel gekommen und machte sich unter anderem durch die in es Jonquet ansässige Bar „My own place" (MOP) einen Namen, von der aus er seine Sendungen moderierte.


Sogar eine eigene Pflanze


Auch eine für das Viertel typische Pflanze hat Herranz bei seinen Recherchen ausfindig gemacht: „Bugiot" (lat. Thesium divaricatum). Das Leinblatt soll an Palmas Stadtmauer und in Es Jonquet gewachsen sein. Wegen seiner harntreibenden Wirkung hätten die Menschen es in Form von Tees getrunken, um sich 1917 vor der spanischen Grippe zu schützen.

Welche Entwicklungen das einstige Fischerviertel bis zum heutigen Trendviertel ­gemacht hat, kann man sich gut nach dem Anblick der historischen Fotos im Mittelteil des Buches und dem Vergleich mit heute vorstellen. „Das Viertel war lange sehr arm. Einige Häuser hatten bis zu den 80er-Jahren nicht einmal fließendes Wasser. Nach dem Bürgerkrieg hat das Rathaus von Palma in Santa ­Catalina und Es Jonquet lange Zeit nicht mehr investiert", erzählt Herranz. Dann sei es über die ­Jahre hinweg, Stichwort Gentrifizierung, zu ­einem Ungleichgewicht gekommen, das die ursprüngliche Identität des Viertels bedroht. „Heute ist Santa Catalina zunehmend ein Immobilienkonzept. Das meine ich gar nicht nur negativ. Man muss sagen: Diejenigen, die erkannt haben, dass das Viertel be­sonders ist, waren die Ausländer", so ­Herranz. Doch Identität, das seien eben nicht nur ­schöne Häuser, sondern auch die Menschen die dort lebten und leben.

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