19. Dezember 2020
19.12.2020
Mallorca Zeitung

"Man muss an dem Trauma wachsen"

Triploidie ist ein seltener Gen-Defekt. Die Diagnose erhielten Yamila Di Santo und Kristin Hansen für ihren Sohn in der 17. Woche der Schwangerschaft. Seinen Tod will das Paar offen verarbeiten, um anderen Eltern zu helfen

19.12.2020 | 01:00
Am 11. Oktober, in der 17. Schwangerschaftswoche, kam Nael Nicolás zur Welt.

Nur wenige Tage bevor die Diagnose eintraf, hatten sich Yamila Di Santo und Kristin Hansen auf einen Namen für ihr zweites Kind geeinigt. Nael Nicolás sollte es heißen. Die risikoreichen ersten Wochen der Schwangerschaft waren überstanden, alle Routine-Untersuchungen bislang positiv verlaufen, und Yamila war inzwischen in der 17. Woche. Eine erneute Untersuchung stand an. Das Ergebnis war beunruhigend: Der Embryo sei zu klein für sein Alter. Auch mit seinem Herzen stimme etwas nicht, wurde dem Paar nach der Routine-Untersuchung gesagt.

Es folgte eine Amniozentese – eine Fruchtwasserpunktion, bei der auf genetische Schäden hin untersucht wird. Das Resultat: Triploidie. Statt des DNA-Doppelstrangs gibt es bei dieser genetischen Besonderheit drei komplette sogenannte haploide Chromosomensätze. Die Folge sind schwere Behinderungen. Die Prognose des Arztes lautete, dass der Embryo wahrscheinlich schon im Mutterleib, spätestens aber in den Wochen nach der Geburt sterben würde. „Davon gibt es vielleicht drei Fälle pro Jahr auf Mallorca", sagt Kristin Hansen. Der Embryo sei laut Arzt „zu 100 Prozent" nicht lebensfähig gewesen. Er empfahl einen sofortigen Schwangerschaftsabbruch, auch um die Gesundheit der Mutter nicht zu gefährden.

So sollte keine Woche vergehen zwischen dem Moment, als Nael Nicolás seinen Namen erhielt, und dem Moment, als er schließlich am 11. Oktober auf natürlichem Weg, aber tot auf die Welt kam.

Ängstliche Suche im Internet

Traumatische Erlebnisse wie diese werden oft verschwiegen, nicht angesprochen und im Stillen verarbeitet, soweit das überhaupt möglich ist. Für Yamila und Kristin war das aber keine Option. Eine Woche nach dem Schwangerschaftsabbruch, einer Woche des Schweigens, veröffentlichten sie in den sozialen Netzwerken einen Beitrag über ihr zweites Kind. „Ich hatte ängstlich die Krankheit gegoogelt, um mich auf das vorzubereiten, was ich zu sehen bekommen würde", schreibt Yamila darin. „Zu meiner Überraschung habe ich wenig bis nichts gefunden, es gibt praktisch keine Fotos, keine längeren Beschreibungen, nicht mal in Wikipedia, nur zwei Artikel von Abtreibungsgegnern, was ich in dem Moment am allerwenigsten gebrauchen konnte."

Auch diese Erfahrung ist ein Grund, warum Yamila und Kristin so offen über das schwierige Thema sprechen. Was sie als Mütter erlebt haben, solle anderen Frauen und Familien in vergleichbaren Situationen helfen, so das Paar. Nicht selten zerbrechen Beziehungen an einer traumatischen Erfahrung wie dieser. Die Deutsche und die Argentinierin hat es dagegen als Paar noch enger zusammengeschweißt, wie sie sagen. Die beiden Frauen sind sich einig, das sie über ihre Gedanken und Erfahrungen offen sprechen wollen.

Sichtbar sein als Lesben

Es ist auch konsequent. Das Paar engagiert sich auf Mallorca unternehmerisch wie gesellschaftlich für die Belange lesbischer Paare: Kristin Hansen organisiert seit fast zehn Jahren das internationale Festival ELLA auf Mallorca, in dessen Rahmen nicht nur Partys und Ausflüge stattfinden, sondern auch Vorträge lesbischer Politikerinnen und Unternehmerinnen aus aller Welt veranstaltet sowie gesellschaftliche Debatten angestoßen werden (ellaglobalcommunity.org). Yamila Di Santo, Sportlehrerin und Erzieherin, ist ebenfalls LGTB-Aktivistin und berichtet in ihrem Blog „Mamá al Cuadrado" (Mama hoch zwei) über den Alltag als lesbische Eltern in einer Welt immer noch heterosexueller Normen und die Erziehung ihrer Tochter, der dreieinhalbjährigen Sofia.

„Ich muss darüber reden, auch über die Details", sagt die 37-Jährige. Und dass dies auch für sie der richtige Weg ist, merken die beiden an den Reaktionen in ihrem Umfeld, in den sozialen Netzwerken, aber auch in der richtigen Welt. Bis auf ein paar einzelne Hassbotschaften habe es viel Zuspruch gegeben. „Danke für den Post", lautet ein Kommentar bei Instagram. „Ich denke, es ist richtig und wichtig, offen über solche Lebenserfahrungen zu sprechen – für all die Eltern und Kinder, die in der gleichen Situation sein werden."

Im Krankenhaus

Mit die schlimmsten Stunden seien für sie gewesen, als sie bereits das Medikament zur Einleitung des Schwangerschaftsabbruchs genommen hatte, erzählt Yamila. Sie sollte das Kind auf natürlichem Weg gebären, auch wenn es schon vor oder nach der Geburt sterben würde. Sie habe plötzlich die Vorstellung gehabt, dass ihr Kind trotz der Diagnose doch lebensfähig hätte sein können, sagt Yamila. Auch ihre katholisch geprägte Mutter habe die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch zunächst nicht gutgeheißen.

In der Nacht auf den 11. Oktober bringt Kristin ihre Frau ins Krankenhaus Son Llàtzer in Palma. So schwer die Situation, so herzlich der Umgang der Klinikangestellten, erzählt das Paar. 5.30 Uhr, es ist eine rasche Geburt. Im selben Moment, als der Embryo nach 17 Wochen Schwangerschaft tot zur Welt kommt, hört Yamila das Schreien eines anderen Neugeborenen auf der Station, wie sie erzählt. Tod und Leben, im selben Augenblick. Gut zehn Minuten behält sie Nael Nicolás auf der Brust. Als die Schwestern den Embryo gewaschen noch einmal zur Mutter bringen, setzen sie ihm wie jedem anderen Neugeborenen ein Mützchen auf und wickeln ihn in eine Decke, damit die Mutter ihr Kind noch einmal im Arm halten kann.

„Der Anblick tat weh", sagt Yamila. „Der kleine Körper war bereits fertig ausgeformt." Ihre Frau Kristin erlebte die schlimmsten Stunden erst danach, als sie wieder zu Hause waren. „Im Krankenhaus war ich noch einigermaßen stark", sagt sie, „aber danach konnte ich nicht mehr."

Trauer und Bewältigung

Der amtliche Papierkram, der erledigt werden muss. Fragen von Familie und Freunden, die beantwortet werden wollen. Eine kleine, private Zeremonie zur Einäscherung der sterblichen Überreste – es begannen Wochen der intensiven Verarbeitung. Dass es eine künstliche Befruchtung war, macht die Sache noch schwieriger – für eine Schwangerschaft muss ein lesbisches Paar einiges auf sich nehmen und lange bangen, ob alles gut geht. Nach vier Monaten Schwangerschaft sind eigentlich die kritischen Moment überstanden. Umso schlimmer dann die Diagnose, und umso schwieriger auch die Frage, ob man als Paar später einmal das Ganze noch einmal auf sich nehmen soll.

Yamila und Kristin haben inzwischen einen Teil des Weges zur Bewältigung geschafft, wie sie sagen. Die Argentinierin, die weiterhin den Beistand einer Therapeutin in Anspruch nimmt, hat den spanischen Wikipedia-Eintrag über die genetische Besonderheit der Triploidie ergänzt und auch ein Foto ihres toten Neugeborenen hochgeladen – andere Mütter sollen Antworten finden, wenn sie sie suchen.

Und zusammen mit Tochter Sofía, die das Geschehene bereits zu begreifen und zu akzeptieren scheint, entzündet das Paar nun jeden Tag eine Kerze neben der Urne, genauso wie auch am 11. November, genau einen Monat nach der Geburt von Nael Nicolás. Die kleine Urne steht bei ihnen zu Hause, später aber wollen sie die Asche in der Natur ausstreuen.

Man muss an dem Trauma wachsen", sagt Kristin im Nachhinein, „man wird bescheidener und empathischer mit der Welt." Auch wenn der Prozess der Bewältigung weitergehen wird, sind sich die beiden schon jetzt sicher, dass sie etwas Positives aus dieser schlimmen Zeit mitnehmen, aus dieser Prüfung des Lebens, wie sie sagen. Auf Instagram bittet Yamila ihren Sohn um Verzeihung und formuliert schließlich Dankesworte an ihn. „Mit deiner kurzen Existenz hast du mich gelehrt, stärker zu sein, mehr Mut zu zeigen und dich ein Leben lang zu vermissen."

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