26. Dezember 2020
26.12.2020
Mallorca Zeitung

Playa de Palma auf Mallorca und Corona-Krise: "Alles wie am Anfang"

Am Ballermann fiel die Partysaison komplett aus. Michael Bohrmann vom Deutschen Eck hielt die Stellung

26.12.2020 | 01:00
Playa de Palma auf Mallorca und Corona-Krise: "Alles wie am Anfang"

Seit 16 Jahren ist der Düsseldorfer Michael Bohrmann (51) Betreiber des Restaurants Deutsches Eck an der Playa de Palma. In all den Jahren blieb das bei deutschen Residenten und Ballermann-Urlaubern gleichermaßen beliebte Lokal an der Bierstraße im Sommer und Winter stets geöffnet. In der Corona-Krise wurde es wie viele andere Bars, Clubs und Restaurants in die Zwangspause geschickt. Im Juli sorgte die Bierstraße zudem für Negativschlagzeilen, weil dort Hunderte Urlauber ohne Abstand und Masken gefeiert hatten. Die Balearen-Regierung schloss die Partymeilen auf Mallorca und Ibiza daraufhin für drei Monate. Die MZ traf Michael Bohrmann auf der Außenterrasse seines Lokals – denn dort darf der Wirt momentan noch Gäste bewirten.

Wo waren Sie zur Jahreswende 2019 und was haben Sie sich damals von 2020 erwartet?

Zum Jahreswechsel war ich natürlich hier im Deutschen Eck, bis 23 Uhr in der Küche, und danach haben wir ein Feuerwerk gemacht – und das in der komischen Vorahnung, es könnte das letzte sein. Schließlich gab es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland schon die Umweltschutz-Debatte mit der ganzen Knallerei, und ich befürchtete, dass das im kommenden Jahr auch hier zum Problem werden könnte.

Also haben wir nochmal 40 Minuten lang geknallt. Dass es in diesem Jahr wegen Corona ausfällt, hätte ich aber nicht gedacht. Gewünscht hatte ich mir vor einem Jahr Zufriedenheit, Gesundheit und dass alles so bleibt, wie es ist. Denn: Eigentlich war ich zu diesem Zeitpunkt sehr zufrieden mit allem.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal bewusst damit beschäftigt, dass das Coronavirus auch für die Insel und Ihr Leben Folgen haben könnte?

Wir waren nach Karneval im Urlaub in der Karibik. Als wir vom Kreuzfahrtschiff kamen, sagte man uns, wir sollten möglichst schnell wieder nach Hause fliegen. Da bekam ich auch schon die ersten Infos von den Mitarbeitern, dass hier die Supermärkte zumachen mussten. Ich hab dann noch gesagt: „Macht euch keine Sorgen, das ist nach zwei Wochen bestimmt wieder vorbei."

Ich hab auch die Löhne natürlich ganz normal weiter bezahlt. Wir sind dann so schnell wie möglich nach Mallorca zurückgekehrt, da wir auch unser Kind dabeihatten.

Dann kam der Lockdown. Wie haben Sie den erlebt?

Ich muss gestehen, dass ich immer mal davon geträumt habe, für ein paar Wochen alles dicht zu machen, um mal Pause zu machen. Anfangs habe ich deshalb alles sehr locker genommen: Wenn die Saison dieses Jahr mal erst im Mai oder Juni losgeht, dann stehen wir das auch durch – Hauptsache, der Sommer läuft gut. Ich hatte 23 Leute, die ich schon zu Karneval beschäftigt hatte und die auch schon fürs Opening bereitstanden. Die haben im März und April normalerweise ein paar freie Tage, bevor es dann richtig losgeht. Dass ich alle weiterbeschäftigt habe, war dieses Jahr aber ein Riesenfehler. Denn ich musste alle 23 Mann bis Oktober weiter bezahlen und gucken, dass sie irgendwie über die Runden kommen.

Wenn Sie eine Szene, die Sie während dieser Woche erlebten, aussuchen müssten, welche wäre das?

Ich erinnere mich an einem Tag während der Ausgangssperre, als ich vormittags ins Deutsche Eck wollte, um Rechnungen für die Steuer zu holen – denn die musste ich ja auch in dieser Zeit bezahlen. An einem Kreisverkehr in Cala Blava stoppte mich die Polizei. Der Beamte fragte mich, ob ich mein Geschäft aufhabe. Da ich ja geschlossen hatte, schickte er mich wieder nach Hause. Ich erklärte ihm, dass ich ja auch mal nach dem Rechten schauen müsste. Doch die haben mich partout nicht fahren lassen. Irgendwann durften wir mal mit einer Bescheinigung zum Geschäft, aber auch das wurde wieder gekippt. Ich denke mal, dass viele nicht wussten, was nun erlaubt ist und was nicht – und das war schon wirklich nervig.

Vor welchen Herausforderungen hat Sie der Lockdown gestellt?

Das Schlimmste für mich waren diese ganzen Wechseleien alle paar Wochen. Normalerweise hat man feste Abläufe und kann das Geschäft genau planen. Doch dieses Jahr war überhaupt nichts planbar. Und wenn du dann immer wieder Hoffnung schöpfst und dann doch wieder enttäuscht wirst, ist das schon ziemlich hart. Ich wollte auch auf mein Personal und natürlich auf die Familie positiv einwirken. Doch wenn man sich selbst fragen muss, wie lange man noch durchhält, fällt dies natürlich schwer.

Beispiel Juli: Die Insel war gerade wieder auf einem guten Weg, und die ersten Touristen kamen. Wir waren sogar die Ersten, die wieder aufmachten – noch vor den Pilotprojekt-Hotels. Und als alles zu laufen schien, haben sie uns wieder den Laden zugemacht. Das war viel übler als im März, da wir auch viel mehr Waren gekauft hatten.

Dass Sie im Juli wieder schließen mussten, lag vor allem daran, dass am 10. Juli Hunderte Partyurlauber in der Bierstraße feierten, als ob es kein Corona gab. Danach schloss die Balearen-Regierung die Partymeilen der Insel. Hatten Sie damit gerechnet, dass es an diesem Abend so einen Ansturm geben würde?

Nein, es war auch nicht normal, dass ein Laden (Las Palmeras, Anm. d. Red.) in der Straße aufmacht und wir auf einmal hier ein Riesentheater mit Hunderten Leuten haben. Die ganzen Tage vorher war das hier sehr ruhig und alles ging gesittet zu. Wir waren an diesem Abend hilflos. Wäre die Polizei gekommen und hätte den Bereich wegen Überfüllung geräumt, hätte da jeder Verständnis für gehabt. Natürlich hatten wir uns gefreut, dass es endlich wieder losging. Aber wir wurden an diesem Abend wirklich überrannt. Wir haben es in dieser Situation auch gar nicht geschafft, den Service zu leisten und zusätzlich auf die Maßnahmen zu achten. Mein Türsteher war im Eingangsbereich und ich hinten permanent damit beschäftigt, den Leuten zu sagen, dass sie Abstand halten, nur einzeln auf Toilette gehen und ihre Masken tragen sollen. Das war wie im Kindergarten. Als die Regierung uns dann zugemacht hat, dachte ich nur: Ich hätte diesen Stress wirklich nicht zwei Monate mitmachen können.

Hätten Sie im Rückblick etwas anders gemacht?

Es war vielleicht ein Fehler, an dem Tag Stehtische hinzustellen. Bei Sitzplätzen hast du das alles besser unter Kontrolle. Bei Stehtischen wird viel gewechselt – und das war bei den vielen Leuten natürlich extrem. Ich hab im Nachhinein die Betreiber anderer großer Läden, die da noch nicht aufhatten, eingeladen, sich die Situation bei mir
anzusehen und zu schauen, was alles passieren kann: Morgens stellt man seine Tische hin und erst abends merkt man, dass sie zu nah stehen, wenn der Laden voll ist. Das Problem ist, dass die Leute Tische und Stühle verrücken – und schon ist kein Abstand mehr da.

Sie haben dann aber ein Schlupfloch gefunden, das Lokal wieder zu öffnen?

Das Ganze funktionierte, weil in der escritura tatsächlich Carrer del Llaüt 14 als offizielle Adresse des Lokals steht und eben nicht die Bierstraße. Nachdem wir mit diesem Eingang wieder aufgemacht hatten, stand drei Stunden später die Polizei vor der Tür. Aber wir konnten eben beweisen, dass dieses „Schlupfloch" an der Seite wirklich der offizielle Eingang ist. Das wusste natürlich niemand, entsprechend gab es Beschwerden von den Nachbarn. Aber wir konnten trotzdem auflassen, da wir im Recht waren.

Wie gestaltete sich bei Ihnen dann das Auf und Ab des Herbstes?

Ich hatte bei den Behörden darum gebeten, dass ich zumindest zwei, drei Tische auf die Straße stellen darf, um den Leuten vom Strand zu zeigen, dass hier noch ein Laden geöffnet hat. Ohne Alkoholausschank, sondern nur Kaffee und Kuchen. Das Ganze sollte lediglich ein bisschen Werbung sein – schließlich musste ich Steuern, Versicherungen und Löhne weiterzahlen.

So konnte ich viele Spanier als Kunden gewinnen, die nun auf uns aufmerksam wurden. Diese schätzen unsere Sauberkeit, dass unser Personal Spanisch spricht und natürlich unser Essen. Entsprechend war unser Lokal – trotz fehlender Touristen – mit Spaniern und Residenten stets gut besucht. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal am 11.11. statt einer Karnevalsparty ein Gänse-Essen veranstalten würde, das so gut ankommt. Und in der Adventszeit hatten wir dieses Jahr das erste Mal Zeit, eine Backaktion für Kinder zu veranstalten. Wir erfinden uns momentan täglich neu und versuchen so, über die Runden zu kommen. Irgendwann durften ja alle in der Bier- und Schinkenstraße wieder aufmachen, obwohl das natürlich zu diesem Zeitpunkt Quatsch war, da eh keiner mehr aufmachen wollte.

Sind Menschen, die Ihnen sehr nahestehen, an Covid-19 erkrankt?

Bis vor ein paar Wochen habe ich wirklich niemanden gekannt, der Covid-19 hatte. Irgendwann hat mir mal ein Vertreter erzählt, dass er jemanden kennt, der erkrankt war und dem es gar nicht gut ging. Wenn man hier an der Playa schaut, dann ist die Gefahr eher gering, sich anzustecken – denn es sind ja kaum Menschen hier. Aber geh mal nach Palma, wo es viel voller ist. Da ist die Gefahr viel größer, und deshalb muss man das Ganze auch sehr ernst nehmen.

Hat Sie dieses Jahr verändert?

Ja, definitiv. Ich bin insgesamt viel vorsichtiger geworden. Und ich habe gelernt, Sachen viel mehr zu genießen und wertzuschätzen. Aber auch mehr zu rechnen: Früher kam der Gasmann und hat alle Flaschen gewechselt. Heute guckst du, ob das sein muss. Gleichzeitig versuche ich aber auch, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Hat die Krise auch die Insel verändert?

Komplett! Es ist nichts mehr so, wie es einmal war. Es sind ja nicht nur die Restaurant-Betreiber, die betroffen sind. Es ist der Fensterputzer, die gestoría, die Banken, der Kerzenlieferant, der T-Shirt-Fabrikant, der uns unsere Shirts für die Touristen gemacht hat, der Bäcker, der Gemüsemann, der Bierlieferant. Und jeder muss zusehen, wie es weitergeht. Rücklagen schaffen konnte dieses Jahr niemand, auch wir nicht.

Glauben Sie, dass die Insel jemals wieder so werden kann wie zuvor?

Die Lage wird ja nun auch dafür genutzt, den Wandel der Playa voranzutreiben. Die Spanier waren zudem auch froh, dass sie ihre Insel mal wieder für sich hatten. Wir sind die Ausländer und müssen uns fügen. Klar, wir leben hier an der Playa sehr viel von den Deutschen – ob es nun Sauf- oder Rolextouristen sind. Aber wir alle sitzen in einem Boot und leben vom Tourismus. Deshalb: Wenn die Touristen nicht mehr kommen, geht die Wirtschaft insgesamt vor die Hunde. Wir machen hier gerade so viel Umsatz wie in unserer Anfangsphase. Und wir müssen auch wieder genauso lernen und ausprobieren, was überhaupt funktioniert. Alles ist eigentlich wieder so wie am Anfang, in unserem ersten Jahr.

Was nehmen Sie sich für 2021 vor?

Den Mist zu vergessen – so schnell wie möglich. Und natürlich wünsche ich mir Gesundheit und dass es mich nicht so erwischt wie andere, die alles verloren haben. Ich hoffe, dass es im Frühjahr wieder ein bisschen Normalität gibt und alle wieder aufmachen können. Wir müssen umdenken und uns mit weniger zufriedengeben.

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