27. Dezember 2020
27.12.2020
Mallorca Zeitung

Die Landärztin von Llucmajor hört auf

Eva-Marie Hieber praktiziert seit 20 Jahren als Hausärztin und Psychologin auf der Insel. In dieser Zeit hat die 68-Jährige viele Deutsche kommen und gehen gesehen. Nun setzt sie sich zur Ruhe. Ein wenig hat daran auch die Pandemie Schuld

27.12.2020 | 01:00
Nach 44 Jahren, davon 20 auf Mallorca, setzt sich die Allgemeinärztin und Psychotherapeutin Eva-Marie Hieber zur Ruhe.

Es ist ein Weihnachtsgeschenk, das viele ihrer Patienten sicherlich am liebsten direkt nach den Feiertagen wieder umtauschen würden: Eva-Marie Hieber geht nach 44 Jahren im Dienste der Medizin in den wohlverdienten Ruhestand – und das ausgerechnet an Heiligabend. „Nach dieser langen Zeit ist nun endlich Schluss", sagt die 68 Jahre alte Landärztin. 20 Jahre ihrer Arztkarriere hatte die gebürtige Ludwigshafenerin als Hausärztin und Psychotherapeutin auf Mallorca praktiziert und in dieser Zeit mehr als 1.500 Patienten betreut. „Und das waren nur die festen, die regelmäßig zu mir kamen", so Hieber. Wie viele Urlauber sie in all den Jahren in ihrer Praxis in Llucmajor behandelt hat, weiß sie nicht. „Das waren unzählige."

Insbesondere in den letzten Monaten haben sich die Menschen in ihrer kleinen Praxis an der Ronda Migjorn, 95, förmlich die Klinke in die Hand gegeben. Denn Hieber war eine der Ersten, die PCR-Tests angeboten haben – und das auch noch zu einem fairen Preis. „Außerdem waren wir längere Zeit die Einzigen, die die wichtigen Begleitschreiben für Reisen in mehreren Sprachen angeboten haben, ohne die man am Flughafen sonst massiv Probleme bekommen hätte", sagt Hieber.

Service stand bei der Landärztin sowieso immer schon an erster Stelle – und vielleicht war auch das der Grund dafür, dass die Medizinerin so beliebt war. Denn Hieber nahm sich stets Zeit für die Sorgen und Anliegen ihrer Patienten. Auf das schnelle Geld war sie nie aus, so wirkte es. Da kam es dann auch mal vor, dass sie am Ende einer Behandlung gar vergaß, ihre Leistungen abzurechnen. „Ach, das machen wir beim nächsten Mal", sagte sie dann, wenn sie den betroffenen Patienten an dem kleinen Empfang verabschiedete.

Hieber verzichtete auf Unterstützung durch Sprechstundenhelferinnen und machte praktisch alles selbst: von der Patientenaufnahme, über die Untersuchungen und auch die ­Abrechnung und Rezeptausstellung bei der Verabschiedung. „Wir sind hier so klein, das passt schon", sagte sie dazu. Lediglich ihre Tochter Nicola, die in einem Raum hinter dem Empfang eine kleine Werbeagentur betreibt, half ab und an aus – beispielsweise wenn das Telefon klingelte und ihre Mutter gerade mit Patienten beschäftigt war.

Auf die Insel gekommen sind Tochter und Mutter zusammen mit Vater und Ehemann Anton R. Hieber, der ebenfalls Mediziner ist, sich jedoch bereits vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt hat. Dieser hatte 1997 ein Angebot erhalten, als Augenarzt auf der Insel zu arbeiten. Zu diesen Zeitpunkt hatten er und seine Frau eigene, gut laufende Arztpraxen in Ludwigs­hafen. „Wir haben in dieser Zeit jeweils rund 150 Patienten am Tag betreut", erinnert sich Eva-Marie Hieber. „Das war wirklich zu viel, und wir konnten einfach nicht mehr." So beschlossen die beiden, ihre Praxen zu verkaufen und ins Ausland zu gehen. „Eigentlich wollten wir beide nach Italien", sagt Hieber. Doch dann sei das Jobangebot für ihren Mann gekommen, und das Mutter-Vater-Tochter-Gespann zog schließlich nach Mallorca.

Zunächst habe nur ihr Mann außer Haus gearbeitet. „Doch wir haben schnell bemerkt, dass es großen Bedarf an deutschsprachigen Ärzten auf der Insel gibt", sagt die Allgemeinmedizinerin. Somit ließ auch sie sich als Medizinerin nieder. „Da es im gesamten Südosten Mallorcas gerade einmal einen deutschen Arzt gab, lag es nahe, hier zu starten." Also bezog die damals 48-Jährige ihre Praxis in Llucmajor, von wo aus sie Patienten auch in Cala Figuera, ­Porreres, Colònia de Sant Jordi oder auch Felanitx zu Hause besuchte. „Schon in Deutschland war ich eine Landärztin – und die blieb ich hier eben auch."

In all den Jahren habe sie viele Deutsche kommen und gehen gesehen. „Im Schnitt waren die meisten nach acht Jahren wieder weg", so Hieber. Sie aber blieb und baute sich immer wieder einen neuen Patientenstamm auf. In dieser Zeit habe sie allzu häufig Auswanderer mit Alkoholproblemen betreut. „Viele greifen wegen der Einsamkeit zur Flasche und bekommen dann starke psychische Probleme", so Hieber. „Alkohol ist hier zudem gesellschaftlich akzeptiert – in Kombination mit der Einsamkeit ist das keine gute Mischung." Bereits in Deutschland hatte sie als Psychotherapeutin gearbeitet und sich speziell ausbilden ­lassen. „Dort kamen die Leute wegen Stress­problemen zu mir, hier ist es vor allem der ­Alkohol." Zu erkennen, welche Probleme ihre Patienten haben, wie sie ticken und wie man ihnen helfen könne, habe sie immer fasziniert.

Mit neuen Problemen haben auch jetzt in der Krise viele ihrer Patienten zu kämpfen. „Momentan gehen deshalb besonders viele zurück nach Deutschland", weiß die Ärztin zu berichten. Gleichzeitig beobachte sie aber auch einen großen Zuzug neuer Auswanderer. „Aber irgendwie sind das andere Menschentypen als bisher." So kämen momentan besonders viele Deutsche nach Mallorca, die sich vor der Auswanderung keine Gedanken über die medizinische Versorgung und Krankenversicherung gemacht hätten. „Die stehen dann in meiner Praxis mit ihrer deutschen Versichertenkarte und sind verdutzt, dass sie damit nicht klarkommen." Viele würden herkommen, da sie glaubten, dass die Corona-Situation hier bei schönem Wetter viel entspannter sei. „Aber das ist natürlich ein Trugschluss." Auch mit der wirtschaftlichen Situation hätten sich viele Neu-Auswanderer nicht auseinandergesetzt.

Das Virus sei mit ein Grund dafür, dass sie nun ihre Praxis abgibt. „Ehrlich gesagt, habe ich jeden Tag Angst gehabt, mich zu infizieren – und ich gehöre nun einmal auch zur Risikogruppe." Bereits am 28. Dezember wird Nachfolgerin Milanka Krämer die Praxis übernehmen. Und die Landärztin? „Ich werde erst einmal viel schlafen. Und dann würde ich gern mal wieder nach Südafrika reisen, wenn sich alles normalisiert hat."

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