01. Januar 2021
01.01.2021
Mallorca Zeitung

"Januar und Februar werden für viele Familien auf Mallorca richtig hart"

Toni Bauzà, Chef der Hilfsorganisation Tardor in Palma, ist der Stress deutlich anzusehen. Er fordert im neuen Jahr eine moralische Kehrtwende

01.01.2021 | 01:00
365 Tage im Jahr kümmert sich Toni Bauzà um Bedürftige in der Tafel Tardor.

Man möchte sich Palma derzeit nicht ohne Toni Bauzà vorstellen. Der vielseitig talentierte medizinisch-technische Assistent, Fitnesstrainer und Radiomoderator, leitet ehrenamtlich die Associació Tardor, die neben einer Essensausgabe zwei Obdachlosenheime betreibt. Durch die Krise wurde die Schlange vor der Tafel täglich länger, der Arbeitsumfang steigt immer weiter. Toni Bauzà ist die Anstrengung anzumerken, wir haben ihn in einer der wenigen ruhigen Minuten getroffen.

Erinnern wir uns: Wie haben Sie Silvester im Vorjahr verbracht?
Wie jedes Jahr: Wir haben in der Tafel Essen an Bedürftige ausgegeben.Wir haben 365 Tage im Jahr geöffnet und schließen nie. Sowohl Weihnachten als auch Silvester bieten wir den Leuten ein besonderes Festtagsmenü mit einer schönen Dekoration an. Meine Familie steht da hintenan. Mit der feiere ich erst am Tag danach.

Was waren Ihre Wünsche und Vorsätze für das Jahr 2020?
Das Leben ist ein Mysterium. Wir wissen nicht, was wir auf der Erde treiben, warum wir existieren und was das Universum ist. Wenn ich es mir aussuchen kann, dann entscheide ich mich dafür, Gutes zu tun und in Frieden zu leben. Ich bin weder abergläubisch noch religiös. Ich habe weder Wünsche noch Vorsätze, sondern Ziele. Das Hauptziel ist, so viele Menschen wie möglich von der Straße zu holen. 2020 wollte ich eine Unterkunft eröffnen. Das habe ich im März mit dem „Llar Inge" geschafft. Mit dem „Llar Kurt" kam nun noch ein zweites hinzu.

Wann sind Ihnen die Auswirkungen der Pandemie auf die Insel richtig bewusst geworden?
So richtig eigentlich erst im Mai. Dann standen bei uns täglich über 2.000 Menschen vor der Tür. Viele Saisonarbeiter waren auf die Insel gekommen und mussten feststellen, dass es keine Arbeit gibt. Anderthalb Monate haben die Ersparnisse gereicht, dann standen sie bei uns in der Schlange an. Im Mai reichte sie um zwei Häuserblocks, ich habe noch nie so eine lange Menschenschlange gesehen, nie so viele Leute um Hilfe bitten hören. Das hat mir den Schlaf geraubt. Die Gesellschaft war auf so etwas nicht vorbereitet. 2019 kamen rund 300 Menschen zu unserer Essensausgabe. Die Zahlen waren konstant. Bis Januar 2021 wird sich die Anzahl verdreifacht haben. Derzeit stehen wir bei etwa 850 Menschen, die warme Mahlzeiten bekommen, und 230 Familien, also mehr als 700 Menschen, die wir mit Lebensmitteln versorgen.

Wie schaffen Sie das?
Mit der Hilfe von Freunden und Freiwilligen. In den Supermärkten stellen wir zum Beispiel Einkaufswagen auf, die die Leute mit Lebensmitteln füllen. Wir haben 33 Spardosen aufgestellt, die befüllt werden können. Unser Spenderkreis umfasst derzeit 526 Personen, die uns monatlich unterstützen. Stiftungen wie Kalonge überweisen ebenfalls monatlich einen Betrag. Das alles reicht aber bei Weitem nicht. Allein die Plastikdosen, in denen die Bedürftigen ihre Mahlzeiten mitnehmen, kosten wöchentlich 400 Euro. Hinzu kommen mehr als 6.000 Euro monatlich für die Mieten der Essensausgabe und die Unterkünfte. Letztere sollen sich zwar selbst finanzieren, aber was sollen wir machen, wenn die Leute kein Geld für die Miete haben?

Wie organisieren Sie die Verteilung?
Das hat am Anfang etwas gedauert. Teilweise standen die Bedürftigen unter Quarantäne. Wir mussten Essen in Wellblechhütten und Camps bringen. Mittlerweile hat sich alles eingespielt. Im Prinzip ist es die gleiche Arbeit wie zuvor, nur wesentlich größer. Wir haben das Geschäft neben der Essensausgabe angemietet und daraus ein Lager gemacht. Das konnten wir durch Hilfsprogramme der Europäischen Union mit Pasta, Reis und Keksen füllen. Da fehlen dann noch frische Waren wie Fisch, Fleisch und Gemüse. Die müssen wir uns suchen.

Welche Konsequenzen hatte die Pandemie für Ihr Privatleben?
Da habe ich keine Unterschiede festgestellt. Ich muss eine Maske tragen, das ist alles. Durch meine soziale Aufgabe habe ich die Sondergenehmigung, dass ich rund um die Uhr das Haus verlassen darf. Mein Tag besteht aus meiner Arbeit bei Tardor, meinem Job als Radiomoderator und meinem Fernstudium in Marketing am Abend. In der wenigen Freizeit, die ich habe, rufe ich meinen Sohn und meine Tochter an und frage, wie es ihnen geht. Ich führe ein einfaches Leben.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt?
Es war wie ein Science-Fiction-Film. Ich habe mir Bücher und wissenschaftliche Berichte über Pandemien gesucht. Mir ist aufgefallen, dass viele Leute falsch informiert waren, weil sie sich nicht die Mühe gemacht haben, verlässliche Informa­tionsquellen zu suchen. Dabei hat die Menschheit schon früher Pandemien durchgemacht. Das ist nur eine weitere. Und nie verfügten wir über so viele technische Möglichkeiten wie heute. Das stimmt mich optimistisch.

Zeitweise haben sich so viele freiwillige Helfer gemeldet, dass es nicht für alle Einsatzmöglichkeiten gab. Ist es der Gedanke, sich einmal wie ein Held zu fühlen, der die Leute in Krisenzeiten zum Helfen animiert?
Einige mögen ihr Selbstvertrauen erhöhen wollen, indem sie ein Foto von sich bei ihrem Einsatz schießen. Das sind aber die wenigsten. Die meisten Freiwilligen sind einfach Leute, die kommen, ihre Arbeit machen und wieder gehen. Sie erscheinen meist nicht mal auf Fotos. Viele wollen das auch nicht. Nach diesem Profil suchen wir unsere Freiwilligen aus.

Was ist mit Ihnen. Sie sind der Chef einer der größten Hilfsorganisationen der Insel. Wie sehen Sie sich selbst?
Ich bin nur einer von vielen. Ich sehe mich nicht als Chef. Ich bin ein Freiwilliger, mit anderen Aufgaben.

Im Sommer gab es einen kurzen Hoffnungsschimmer, dass die Situation sich verbessert. Wie haben Sie den wahrgenommen?
Die Bedürftigen konnten kurz Luft schnappen. Die Leute haben sich kleine Jobs gesucht und konnten sich über Wasser halten. Es war aber nur eine Illusion – und zwar weltweit. Niemand hat eine Lösung gefunden, nicht Spanien, nicht Deutschland, nicht Schweden. Niemand hat die Formel gefunden, um Leben zu retten und dennoch die Wirtschaft zu erhalten. Jetzt muss rund die Hälfte der Bars und Restaurants wieder schließen. Es ist ein Desaster.

Im Herbst war es eine Achterbahnfahrt. Den einen Tag hieß es, bald wird alles gut. Den anderen Tag, dass es alles noch viel schlimmer kommt...
Die Politiker haben eine unlösbare Aufgabe. Sie müssen die ganze Welt zufrieden stellen. Das ist nicht machbar. Deswegen lügen sie. Wenn ein Politiker mit einer Lüge die Leute optimistisch stimmen kann, dann macht er das. Vor allem in den südeuropäischen Kulturen. Daher bewundere ich Angela Merkel. Sie hat eine wissenschaftliche Bildung und ist eine sehr transparente Person. Sie sagt die Wahrheit. Die Deutschen fordern diese Wahrheit aber auch ein. Südeuropäer wollen lieber jemanden, der ihnen Hoffnung macht. Zu jedem Preis.

Durch Ihre Arbeit kommen Sie täglich in Kontakt mit Hunderten Personen. Wie gehen Sie bei Tardor mit Ansteckungsrisiken um?
Das Risiko besteht immer, wobei wir uns natürlich zu schützen versuchen. Bei Tardor hatten wir bislang keinen einzigen bestätigten Fall. Übrigens ist bei uns noch niemand aufgetaucht, um einen PCR-Test von den Freiwilligen zu verlangen. Das ist ähnlich wie im Gesundheitssystem. Mein Bruder ist einer der Verantwortlichen der Rettungseinsätze. Er hat mir gesagt: „Niemand macht bei uns die Corona-Tests. Denn wenn sie Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger testen lassen, dann müssten sie das Krankenhaus schließen, weil es so viele positive Fälle gibt." Deswegen ist in Spanien auch so viel medizinisches Personal an Corona gestorben. Es ist eine moralische Entscheidung, auch bei uns.

Haben Sie keine Angst vor dem Virus?
Angst nicht, aber Respekt. Wir wissen noch zu wenig Bescheid. Es ist unklar, welche mittel- und langfristigen Folgen das Virus für unsere Gesundheit hat.

Hat Sie dieses Jahr verändert?
Seit Jahren weise ich die Leute in meinen Radioprogrammen darauf hin, dass wir unmoralisch sind. Allein im vergangenen Jahr starben in Spanien 32.000 Menschen, die vergeblich auf ihr Pflegegeld gewartet hatten – also chronisch Kranke und ältere Menschen, die Hilfen brauchten und nicht bekamen. Heute, an dem Tag, an dem wir miteinander sprechen, werden weltweit 8.500 Kinder, die jünger als fünf Jahre alt sind, aus Gründen sterben, die hätten verhindert werden können. Ich sehe niemanden, der dagegen demonstriert oder den das etwas schert. In Spanien war schon vor der Pandemie jedes vierte Kind dazu verdammt, in Armut zu leben. Nun ist es jedes dritte. In manchen Regionen in der Extremadura sogar jedes zweite Kind. Corona hat die Wahrnehmung unser eigenen Armseligkeit verstärkt.

Das beantwortet nicht die Frage.
Ich habe mich nicht verändert. Corona hat mir aber mehr Argumente geliefert, um die Menschen aufzurütteln. Ich würde die Leute gerne schütteln und sagen: Wacht endlich auf! Die Welt muss wieder sozialer und menschlicher werden. Heute, wo die Informationen dank der Technologien in einem Fingerschnips um die Weltkrei sen, könnten wir eine große soziale Bewegung in Gang setzen.Wir brauchen kein Luxusauto, keine Luxusimmobilie oder eine Meisterschaft vom FC Bayern München. Wir brauchen mehr Menschlichkeit. Im Kongo kratzen Kinder Coltan aus alten Handys und sterben in Löchern, nur damit wir schnelle Smartphones haben. Jeder weiß das, aber niemand unternimmt etwas. Und dann wollen wir alle gute, tolle Menschen sein? Das sind wir nicht. Wir lassen so etwas zu. Das ist die Wahrheit.

Es ist viel von der „neuen Normalität" die Rede gewesen. Glauben Sie, dass die Insel irgendwann wieder so sein wird wie früher?
Der Tourismus wird auch in den kommenden zehn Jahren die Wirtschaft der Insel kennzeichnen. Dann kommt aber der Klimawandel. In den Alpen gibt es schon jetzt kaum noch Gletscher. Tier- und Pflanzenarten, die zuvor nur im Mittelmeerraum anzutreffen waren, haben sich mittlerweile dort angesiedelt. Die Migration nach Europa wird immer weiter zunehmen. Die Rede ist von 350 Millionen Menschen, die in ihren Heimatländern wegen des Klimawandels nicht länger überleben können.Wir leben in einer Epoche des Umbruchs: strukturell, ökologisch, wirtschaftlich. Und wir brauchen auch einen moralischen Umbruch, bei dem Güte und Solidarität die Oberhand behalten.

Wie werden Sie den Jahreswechsel verbringen?
Wir werden den ganzen Tag arbeiten, damit sich die Leute die Festtagsmenüs mitnehmen können. Wir versuchen, das Leben der Bedürftigen so gut es geht zu normalisieren. Den Jahreswechsel werde ich dann bei mir zu Hause verbringen. Wahrscheinlich muss ich dann für den nächsten Tag schon Sachen vorbereiten.

Was nehmen Sie sich für das kommende Jahr vor?
So viele Mittel wie möglich zusammenzubekommen, um noch mehr Unterkünfte für Wohnungslose zu eröffnen. Das größte Problem der mallorquinischen Gesellschaft bleiben die Mieten. Die Familien können sich keine angemessene Unterkunft leisten. Die Mieten sind nicht gesunken und werden das auch künftig nicht tun.

Der Winter wird noch schlimmer, heißt es immer wieder. Sehen Sie das auch so?
Ja, Januar und Februar werden richtig hart. Viele Familien werden auf der Straße landen. Das Gesetz über die Zwangsräumungen schützt nur Familien mit Kindern bis zu drei Jahren. Wenn meine Kinder älter sind, kann ich vor die Tür gesetzt werden. Ja, sind wir denn verrückt geworden? Soll das ein Witz sein? Knapp die Hälfte der alleinerziehenden Eltern steht kurz davor, von der Gesellschaft wegen fehlender finanzieller Mittel ausgeschlossen zu werden. Die Anzahl der Obdachlosen wird massiv steigen. Schon jetzt rufen uns täglich Sozialarbeiter von der ganzen Insel an, um uns zu fragen, ob wir eine Familie unterbringen können, die auf der Straße gelandet ist.

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