31. Januar 2021
31.01.2021
Mallorca Zeitung

Künstliche Befruchtung trotz Corona - ein Risiko?

Die Forschungen sind noch ausbaufähig. Trotzdem ist die Nachfrage in den Kinderwunschkliniken auf Mallorca groß. Auch aus Deutschland kommen oft Menschen, deren Ziel, Eltern zu werden, oft stärker ist als die Angst vor Ansteckung

31.01.2021 | 01:00
Künstliche Befruchtung verhilft vielen Paaren auf Mallorca zum Kinderglück

Ob Weltreise oder Hochzeitsfeier – durch die Corona-Pandemie sind viele Vorhaben vorerst auf Eis gelegt. Doch es gibt Pläne, die keinen allzu langen Aufschub erlauben: In die Kinderwunschkliniken auf Mallorca kommen oft Paare um die 40, die Schwierigkeiten haben, auf natürlichem Weg Nachwuchs zu bekommen. Und je lauter die biologische Uhr tickt, desto komplizierter wird es. Deshalb ist die Nachfrage in den Einrichtungen trotz Corona groß. Dabei sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Virus im Zusammenhang mit der Reproduktionsmedizin ausbaufähig.

"Schwierig war es für uns vor allem zu Beginn der Pandemie, als so gut wie nichts über Covid-19 bekannt war", berichtet José Luis Gómez, stellvertretender medizinischer Leiter des In-vitro-Befruchtungszentrums CeFivBa, das im Privatkrankenhaus Quironsalud Palmaplanas untergebracht ist. Während des Lockdowns im Frühjahr war die Einrichtung genau wie die rund ein halbes Dutzend anderen Kinderwunschkliniken auf Mallorca geschlossen. "Wir empfingen nur noch Patienten, die bereits mitten in der Behandlung waren, haben aber keine befruchteten Eizellen mehr eingesetzt", so Gómez. Als er und seine Kollegen im Mai mit der neuen Normalität die Arbeit wieder aufnehmen durften, habe ihn eine regelrechte Nachfragewelle erreicht. "Eine Patientin sagte mir, sie habe mehr Angst vor Unfruchtbarkeit als vor dem Virus, und ich glaube, das trifft auf viele zu", so Gómez.

Mittlerweile gibt es zumindest ein paar erste Studien darüber, wie es sich mit den Ansteckungsrisiken von Covid-19 in der Reproduktionsmedizin verhält. Die Spanische Gesellschaft für Fruchtbarkeit (kurz: SEF) hält die Informationen auf ihrer Website aktuell. „Laut jetzigem Wissensstand ist das Risiko, dass sich das ungeborene Kind infiziert, sehr gering", fasst Gómez zusammen, der selbst als Sekretär der SEF tätig ist. Eine „vertikale Übertragung" des Virus, also von der schwangeren Mutter auf den Fötus im Bauch, sei bisher weltweit nur in ganz seltenen Fällen aufgetreten. Zumal ohnehin vergleichsweise wenige Schwangere unter den Infizierten sind – möglicherweise, weil sie die Hygieneauflagen im Alltag ernster nehmen.

Allein eine leicht erhöhte Rate von Frühgeburten sei bei Frauen festgestellt worden, die sich im letzten Schwangerschaftsdrittel mit Covid ansteckten. Auch gebe es keine Beweise dafür, dass das Virus im Sperma oder in den Eizellen vorhanden sei. Embryonen seien demnach nicht gefährdet. Die Fruchtbarkeit werde durch eine Corona-Erkrankung ebenfalls nicht beeinträchtigt. „Allerdings kann es morgen schon neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben, die Gegenteiliges nahelegen", so Gómez.

Bis dahin arbeitet das Personal der Kinderwunschkliniken auf Mallorca ohne besondere Einschränkungen weiter – abgesehen natürlich von den verschärften Hygienemaßnahmen und der Befolgung der Leitlinien des Gesundheitsministeriums. Teamsitzungen finden in getrennten Räumen per Video statt, regelmäßig wird Personal und Patienten die Temperatur gemessen, Patientinnen müssen vor Eingriffen PCR- oder Antigen-Tests machen.

Diesen Leitlinien kommen auch Jordi Suñol und sein Team nach. Er ist medizinischer Leiter des Instituto Bernabeu, das vor etwas mehr als einem Jahr an Palmas Carrer d'Aragó als Ableger einer Klinik-Kette vom Festland eröffnet hat. Zielgruppe sind hier vor allem Patienten aus Deutschland, Italien oder Frankreich. „Vor Corona machten Frauen aus dem Ausland bis zu 75 Prozent unserer Patientinnen aus, derzeit sind es nur bis zu 40 Prozent", so Suñol. Er sei aber dennoch überrascht, dass überhaupt noch so viele Menschen die derzeit so komplizierten und kostenaufwendigen Reisestrapazen auf sich nähmen. „Das zeigt, welche Priorität der Kinderwunsch in ihrem Leben hat und dass sie daran unbedingt festhalten wollen."

Dass gerade aus Deutschland viele Frauen nach Mallorca kommen, um sich den reproduktionsmedizinischen Verfahren zu unterziehen, liegt an den geltenden Gesetzen. Zwar ist es in Deutschland erlaubt, Eizelle und Samen eines Paares in einem Reagenzglas (in vitro) zusammenzuführen und die befruchtete Eizelle der Frau einzusetzen. Anders steht es jedoch um die in Deutschland verbotene Eizellspende: Kann eine Mutter in spe in Deutschland trotz hormoneller Stimulation selbst keine brauchbaren Eizellen (mehr) produzieren, bleibt ihr nur eine Behandlung mit Eizellspende im Ausland, wenn sie schwanger werden will. „Spanien ist in der Reproduktionsmedizin europaweit führend", so Suñol.

Weiter befeuert wird der sogenannte Fortpflanzungstourismus durch die bürokratischen Schwierigkeiten, die beispielsweise die Bundesrepublik lesbischen Paaren oder alleinstehenden Frauen in den Weg legt, die sich durch fremde Samen aus der Spenderbank künstlich befruchten lassen wollen. „Bei uns ist das problemlos möglich", so Ana Belén Castel, medizinische Leiterin des Instituto de Fertilidad in Palmas Industriegebiet Son Valentí. Auch sie kann nur einen geringen Teil an Patientinnen ausmachen, die wegen Angst vor Covid-19 ihre Nachwuchspläne aufgegeben oder vertagt hätten – allerdings kommt ihr Klientel ohnehin hauptsächlich von den Balearen selbst und muss sich nicht mit Quarantäneverordnungen und Flugausfällen herumplagen, um die Spezialisten aufzusuchen. „Wir bieten die Erstgespräche auf Wunsch auch per Video an", so Castel. „Viele möchten sich auch über die Corona-Risiken informieren, letztlich entscheiden sich aber doch fast alle für die Behandlung."

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