13. April 2021
13.04.2021
Mallorca Zeitung

Tara Marie Amaury: "Wenn du sauer bist, nimm das Schwert"

Ein Interview mit der deutsch-französischen Schauspielerin ("Über die Grenze", "SoKo") über das Leben als Nonne, in sie verknallte Fischer in Cala Figuera und ihre Begegnung als "Hitlers Sekretärin" mit Bruno Ganz

13.04.2021 | 01:00
Tara Marie Amaury fühlt sich in der Altstadt von Palma momentan sehr wohl.

Melodische Stimme, warme braune Augen und ein herzliches Lachen: Tara Marie Amaury sprüht vor Freude und vor Tatendrang. Die deutsch-französische Schauspielerin, die mit bürgerlichem Namen „Linke" heißt und ihr Spielalter mit 37 angibt, ist 2015 nach Mallorca gezogen.

Hier jongliert sie mit vielen Bällen gleichzeitig: Sie leitet die Schauspielschule „Institute for Acting Mallorca" (I.AM), ist Präsidentin des Non-Profit-Vereins „International Casting & Acting Network Mallorca" (I.CAN) mit der Schauspieler-Datenbank „Balearic Actors" und gibt Meditations-Retreats und Persönlichkeitsentwicklungs-Seminare in Deutschland. Im MZ-Gespräch verrät Amaury, wie sie dabei selbst ihr Gleichgewicht behält.

Sie haben eine so positive Ausstrahlung. Wo kommt die her?
Oh, wow! (lacht) Zunächst einmal glaube ich, dass ich auf mehrerlei Weise dabei bin, ein gewisses Potenzial von mir zu erfüllen, und das befriedigt immer. Ich bin relativ geerdet im Leben, habe viel Energie und nutze sie auch. Zum anderen ist äußere Aktion bei mir in Balance mit innerer Einkehr. Ich bin dem Buddhismus seit vielen Jahren recht nah und war mit Mitte zwanzig zwei Jahre in einem Zen-Kloster, wo ich mich komplett von der Welt abgeschottet habe und Nonne war.

Warum trifft man als junge Frau eine so radikale Entscheidung?
Ich habe gemerkt: Da gibt es Dinge, wo ich mir selbst innerlich im Weg stehe. Denen wollte ich auf den Grund gehen. Das war, nachdem ich zwei Jahre in New York gelebt hatte und für ein halbes Jahr in Bayern war. Im bayerischen Schneegestöber im Winter habe ich die Welt ein bisschen verflucht, weil es mir zu der Zeit überhaupt nicht gut ging. Ich stellte mir die Frage: Wo gehöre ich hin? Was ist mein Weg? Dann habe ich die Bäume angeschrien und gesagt: Ich kann nicht mehr alleine meditieren, ich brauche eine Anleitung. Ich habe mir den Soto-Zen-Muttertempel in Frankreich ausgesucht und dort einen alten Mönch kennengelernt, meinen Meister, dem ich nach Südfrankreich gefolgt bin.

Hatten Sie in der Zeit ein Schweigegelübde?
Das nicht, aber man wurde angehalten, nicht zu viel zu sprechen. Denn dadurch geht viel an Kraft verloren. Als ich dann raus bin, merkte ich, wie diese gebündelte innere Kraft herauskam, wenn ich auf der Bühne stand. Ich hatte ein kleines Engagement, und das war so kraftvoll, wie ich es noch nie erlebt habe: Die kleinste Intention kam bis in die letzte Reihe an.

Warum hat letztendlich die Außenwelt gegen das Klosterleben gewonnen?
Weil ich gemerkt habe, dass es eigentlich die größere Herausforderung ist, das Gelernte in der Außenwelt anzuwenden. Die Wirkungen können größer sein, und auch deine Fehler. Deshalb finde ich das schwieriger.

Klappt es denn jetzt einigermaßen?
(lacht) Also, erleuchtet bin ich auf keinen Fall. Fehler gibt es natürlich auch sehr viele. Es klappt insofern gut, als dass ich mir der vielen inneren Stimmen besser bewusst bin und entscheide, welche ich sprechen lasse. Nach dem Kloster habe ich noch mehrere Jahre drei Stunden pro Tag meditiert. Inzwischen bin ich da großzügiger. Witzigerweise ist mein Partner auch Zen-Mönch gewesen. Wir haben uns aber nicht über Zen gefunden, sondern über Tinder.

In Film und Fernsehen kannte man Sie lange als Tara Marie Linke. Seit einer Weile ist Ihr Künstlername „Amaury". Warum?
Ich habe den Namen geändert, als meine französische Großmutter gestorben ist, weil ich sie extrem geschätzt habe und mich ihr sehr verbunden fühlte. Es war auch ein Name, der meinem Großvater mitunter das Leben gerettet hat: Er war algerisch-sefardischer Jude, ist als junger Mann nach England gegangen und hat sich mit der englischen Armee verbündet, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Dafür hat er seinen jüdischen Namen abgelegt und von Azoulay in Amaury geändert, damit er, falls die Deutschen ihn erwischen, „nur" Kriegsgefangener wäre und nicht gleich ins KZ käme.

Sie sind Schauspielerin, leiten eine Schauspielschule und sind dazu als Coach aktiv. Wie bekommen Sie alles unter einen Hut?
Es sind eben mehrere Hüte oder unterschiedliche Mützen. Da steckt natürlich gutes Zeitmanagement dahinter und Ausgleich durch Sport. Zum einen trainiere ich mit einem meiner Schauspielschüler, der aus dem Kongo stammt und wenig Geld hat, aber sehr diszipliniert ist. Deshalb haben wir einen Deal: Er muss den Unterricht nicht bezahlen, ist dafür aber mein Personal Trainer. Dazu mache ich noch Yoga und tibetischen Schwertkampf.

Was kann man sich darunter vorstellen?
Es heißt Tog Chöd und ist eine aktive Meditation mit dem Schwert. Im Grunde geht es dabei nicht um den Kampf mit einem äußeren Feind, sondern der Feind bist du selbst. Das merkt man auch: Wenn man mit sich nicht im Reinen ist, dann knallt man sich das Holz­schwert schnell mal ans Schienbein und hat blaue Flecken nach dem Training. Ich überlege auch gerade, eine Kindergeschichte über ein Mädchen mit Schwert zu schreiben. Tog Chöd ist die Transformation von Wut in Mitgefühl: Wenn du richtig sauer bist, nimmst du am besten mal das Schwert. Dieses Feuer gibt es ja bei Kindern durchaus auch. Und wenn das gelenkt wird, ist es eigentlich ein gutes Feuer. Eine andere tibetische Methode, die ich interessant finde, heißt „Die Dämonen füttern". Dabei hält man Konversation mit den ganzen Schattenseiten in sich. Man trinkt gewissermaßen eine Tasse Tee mit dem Teufel.

Auf „Balearic Actors" taucht Tog Chöd bei Ihren Spezialfähigkeiten auf. Haben Sie das schon mal bei einem Dreh eingesetzt?
Einmal für eine Werbung. Aber bei Filmdrehs will man ja meist einen Feind haben, gegen den man sich wehrt. Und Tog Chöd wirkt eher wie ein Tanz. Aber es gibt viele Caster, die aufmerksam werden, weil sie sehen: Da ist eine Frau, die mit dem Schwert umgehen kann. Ich suche jetzt auch nach neuen Möglichkeiten, die mit Schwertkampf zu tun haben, um mich auf Jobs vorzubereiten. So etwas wie die Netflix-Serie „Barbaren" fände ich richtig toll.

Welche Ihrer vielen Aktivitäten ist für Sie am erfüllendsten?
Meinen größten Input bekomme ich über das Schauspiel und über alles, was mit Meditation und Fortbildung zu tun hat. Wie funktioniert der Mensch mit seinen selbst gemachten inneren Hindernissen? Diese Fragen finde ich hochspannend, das ist mein Elixier. Und das Schauspiel ist extrem wichtig, weil es mein Labor ist: Wir leben von unserem gesamten Spektrum immer nur einen gewissen Prozentsatz aus. Der Archetyp „die Mutter" ist ebenso in mir drin wie der Archetyp „die Süße von nebenan" oder der Archetyp „die Intellektuelle". Und so weiter. Und „Archetyp Hitler" lebe ich zum Beispiel nicht aus. Aber das heißt nicht, dass er nicht auch in mir drin ist und aktiviert werden kann.

Apropos Hitler: Sie hatten ja 2014 beim oscarnominierten Film „Der Untergang" einen kleinen Auftritt als „Hedwig Brandt", die sich bei Hitler als Sekretärin beworben hat. Was ist Ihre eindrücklichste Erinnerung an den Dreh damals?
Bruno Ganz natürlich! Ich hatte damals die „Neue Zürcher Zeitung" abonniert gehabt und für die Wartezeit mitgenommen. Darauf hat mich Bruno Ganz, der ja Schweizer ist, direkt angesprochen. (spricht im Schweizer Dialekt): „Ah, die Zürcher, die les ich auch! Kann ich mir die gleich ausleihen?" Wir hatten auch einen Drehtag am 31. Oktober. Am selben Tag wurde in den Bavaria Filmstudios, wo dieses Bunkergelände aufgebaut war, die Szene gedreht, als Hitler und seine Frau sich umbringen. Da hat der Maskenbildner ein großes Werk vollbracht: Bruno Ganz ist ausgerechnet zu Halloween die ganze Zeit mit Kopfschuss-Wunde herumgelaufen. Das war schon echt absurd und ganz dark.

Sie haben ihre Kindheit in Ulm und Stuttgart verbracht. Wurde für eine Rolle schon mal verlangt, dass Sie Schwäbisch sprechen?
Ja, tatsächlich beim „Untergang". Denn Hedwig Brandt gab es wirklich: Die isch aus Schwaben. Und das schwingt leicht mit, als ich mich mit (schwäbelt) „Heil, mein Führa" vorstelle. Das ist eben nicht der „Führer", sondern der „Führa". Da hörsch's halt, gell?

Wie hat es Sie im Jahr 2015 nach Mallorca verschlagen?
(schwäbelt wieder) Na ja, i bin halt in Stuttgart rumg'sesse, gell. Und da hen i g'denkt: Schon nett hier, aber... (lacht) Nein, es war so: Vor fünf, sechs Jahren bin ich viel als Präsenztrainerin gebucht worden. Die Kunden sind dazu immer nach Stuttgart gepilgert. Das heißt: Sie saßen eh schon von Hamburg, Köln oder Berlin stundenlang im Zug, und als sie bei mir in Ostfildern ankamen, waren sie völlig fertig. Dann habe ich gedacht: Ich höre immer wieder von Kunden, die für einen oder zwei Tage zu Meetings und Seminaren nach Mallorca fliegen. Mir fehlte die méditerranée sowieso, und da Mallorca für die Deutschen im Hirn infrastrukturell erschlossen ist – Nizza ist ja Ausland, Mallorca nicht – habe ich mir gesagt: Jetzt pack ich meine Koffer und geh hin. Ich hatte davor noch nie einen Fuß auf die Insel gesetzt.

Sie sind direkt gekommen, um zu bleiben?
Genau. Ich lebte eine Zeit lang im Fischerdorf Cala Figuera bei Santanyí. Aber man wird so von der Dorfbevölkerung beobachtet: Die Single-Fischer Mitte 50 haben mich umworben und mir jeden Tag pulpo gebracht. Ich konnte keinen Fisch mehr sehen! Und dann kamen noch die Selfie-Touristen vorbei, wenn ich morgens meinen Teppich ausgeklopft habe. Ich bin so auf vielen asiatischen Urlaubsfotos gelandet: „Klick, da oben ist eine echte Mallorquinerin!" Und meine tibetische Fahne sah da auch völlig fehl am Platz aus. Ich war so ein komisches Chamäleon, das in Cala Figuera einfach nichts verloren hatte. Nach drei Monaten bin ich also wieder nach Palma gezogen. Hier mag ich den Flair der Altstadt sehr gerne.

Sie haben einmal gesagt, dass Mallorca das Hollywood von Europa werden könnte.
Ja, denn die Insel ist perfekt, weil sie landschaftlich große Vorzüge und eine gute Infrastruktur hat. Wir haben einen extrem gut angeschlossenen Flughafen, und es ist weitestgehend englischsprachig. Klar, man wird jetzt nicht den neuen „Herr der Ringe" auf der Insel drehen. Aber sie bietet viel, man bekommt als Filmteam auch viel Unterstützung, zum Beispiel durch die Mallorca Film Commission.

Ihr letztes Filmprojekt war die spanische Netflix-Produktion „La Casa de Tiza", die 2020 gedreht wurde. Wird man Sie auf Mallorca auch einmal auf einer Theaterbühne sehen können?
Ich habe wieder total Lust auf Theater! Toni Pons, ein Schauspieler von hier, hat ein Ensemble und meinte, er könne es sich gut vorstellen, mich in Produktionen miteinzubeziehen. Das ist dann natürlich etwas Kleines, in Binissalem im Weinkeller oder so. Aber Hauptsache, ein bisschen aktiv bleiben. Das Schöne am Theater ist, dass man die Schwingungen von vielen Menschen mitnimmt. Ich würde das so gern auch mal mit Meditation kombinieren: Also für eine Inszenierung links und rechts zwei Säulen mit meditierenden Zen-Mönchen aufstellen.

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