24. März 2019
24.03.2019

Darum sind Herzpatienten auf Mallorca in besten Händen

Bypass-, Herzklappen-, Aorta-Operationen: Die Kardiochirurgie im balearischen Landeskrankenhaus Son Espases genießt einen exzellenten Ruf, die Sterblichkeitsrate der Patienten ist Jahr für Jahr eine der niedrigsten weltweit. Nun wollen die Insel-Ärzte auch endlich Herztransplantationen ausführen

24.03.2019 | 01:00
Teamleistung, nicht nur von Chirurgen: eine Operation am offenen Herzen im Landeskrankenhaus Son Espases.

Hannelore Erping war fit und eigenständig, fuhr mit ihren 84 Jahren noch selbst Auto und schmiss den Haushalt. Doch mit einem Mal kostete sie alles viel Mühe, schnell blieb ihr beim Spazierengehen die Luft weg, sie verließ kaum noch das Haus. Das war der Moment, als ihre auf Mallorca lebende Tocher sie im Sommer vergangenen Jahres von Deutschland auf die Insel nachholte. „Hier kann ich mich besser um meine Mutter kümmern", erzählt Martina Quetglas, die bereits seit vielen Jahren mit ihrer Familie auf der Insel lebt und hier in einem Krankenhaus arbeitet. Quetglas kümmerte sich um die Anmeldung ihrer Mutter bei der staatlichen Krankenversicherung, der Seguridad Social. Ein Facharzt für Lungenerkrankungen im Krankenhaus Son Llàtzer in Palma untersuchte die Seniorin und zog einen Kardiologen hinzu. Schnell stand fest: Eine Herzklappe schließt nicht richtig.

Es ist nicht so, dass Erping, die bereits einen Herzschrittmacher trägt, nicht auch in Deutschland von einem Kardiologen untersucht worden wäre. Da sei es schon erstaunlich, dass der Herzklappenfehler nicht früher diagnostiziert worden sei, meint die Tochter.

Auf Mallorca dagegen ging es jetzt Schlag auf Schlag, schnell fiel die Entscheidung für eine Operation. Son Llàtzer überwies Erping an das Landeskrankenhaus Son Espases , in einem Gespräch klärten die Ärzte sie über die Risiken des Eingriffs auch in ihrem Alter auf. Die 84-Jährige nahm sie in Kauf – zu schlecht ging es ihr inzwischen, zu häufig waren die Zwischenfälle, wegen denen sie in die Notaufnahme musste.

Und dann war da die Statistik. Die Herzchirurgie in Son Espases genießt einen Ruf, der auch weltweite Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Die international allgemein akzeptierte Sterblichkeitsrate bei Herzoperationen liegt zwischen 2,5 und 4,5 Prozent, in Spanien sterben mittlerweile im Schnitt nur noch 3 von 100 Patienten auf dem Operationstisch. „In Son Espases liegen wir zwischen 2 und 2,5 Prozent", erklärt José Ignacio Sáez de Ibarra, Leiter der herzchirurgischen Abteilung, im Gespräch mit der MZ.

Das sei eine Leistung des gesamten Teams, nicht nur der derzeit sieben Chirurgen und Kardiologen, sondern auch der Assistenten, Krankenpfleger und -schwestern, Anästhesisten sowie nicht zuletzt der Kardiotechniker. Diese steuern die Herz-Lungen-Maschine, die den Patienten während der gesamten Operation am Leben hält. Die wenigen Todesfälle von Herzpatienten in Son Espases ereigneten sich weniger auf dem Operationstisch als auf der Intensivstation, infolge des schlechten Zustands des Patienten, erklärt der gebürtige Kolumbianer. Kritisch wird es insbesondere bei einer übermäßigen Verkalkung der Gefäße oder beispielsweise einer unkontrollierten Blutung der Hauptschlagader.

Die Anfänge

Mittlerweile seit dem Jahr 1992 wird auf Mallorca am Herzen operiert. Zuvor mussten alle Patienten in Krankenhäuser auf dem spanischen Festland gebracht werden, so wie es auch heute bei Herztransplantationen der Fall ist oder beispielsweise bei Patienten mit schweren Verbrennungen. Pionier der Herzchirurgie auf Mallorca war Oriol Bonnín. Der vielfach ausgezeichnete Arzt, der auch an der ersten Herztransplantation in Spanien im Jahr 1984 beteiligt gewesen war, wird in der Branche geradezu verehrt. Anfang der 90er-Jahre baute er die erste herzchirurgische Abteilung auf den Balearen auf – nicht im öffentlichen Gesundheitssystem, sondern in der damals hochmodernen privaten Policlínica Miramar.

Zehn Jahre später wurde dann auch im öffentlichen Gesundheitssystem der Balearen am Herzen operiert, Gründer der Herzchirurgie im damaligen Landeskrankenhaus Son Dureta war ebenfalls Oriol Bonnín, der sein Team aus der Policlínica Miramar auch gleich mitbrachte und mit den anderen Abteilungen verzahnte. Das private und das öffentliche Gesundheitssystem in Spanien sind durchlässig – viele Ärzte arbeiten in beiden Systemen und es bestehen Abkommen der Gesundheitsbehörde mit privaten Kliniken zur Patientenversorgung.

Ein Qualitätssprung auch in der Herzchirurgie war der Umzug des Landeskrankenhauses in den Neubau Son Espases im Norden Palmas 2010. „Son Dureta, das war Entwicklungsland", meint Sáez de Ibarra in einem drastischen Vergleich, während er durch die Abteilung der Herzchirurgie von Son Espases im zweiten Obergeschoss führt. Ein Blick in die Operationssäle ist für Besucher nicht möglich, der 51-Jährige zeigt aber die Station, in der operierte Patienten liegen, nachdem sie die Intensivstation verlassen haben. Auf einem Monitor sind auf einen Blick die Herzschläge aller Patienten zu sehen, in mehreren Reihen pulsieren Linien im Takt der jeweils gemessenen Frequenz.

Herzklappe vom Schwein

Es sind drei Arten von Operationen, die Sáez de Ibarra und seine Kollegen in Son Espases vornehmen. Am häufigsten mit etwas mehr als der Hälfte der Eingriffe verlegen sie Bypässe – Überbrückungen mit körpereigenen Venen meist aus den Beinen des Patienten. Eine solche Operation ist nötig, wenn die Herzkranzgefäße durch die Verkalkung der Arterien verengen. Rund 180 Bypässe werden jedes Jahr in Palmas Großklinikum verlegt.

Dann gibt es Operationen an der Aorta, also der Hauptschlagader, die aus der linken Seite des Herzens entspringt. Eine Operation ist zum Beispiel nötig im Fall einer krankhaften Erweiterung oder einer Verletzung der Aorta. Eine dritte Gruppe bilden Operationen an den Herzklappen, die repariert oder ersetzt werden können „durch Herzklappen von Kühen oder Schweinen", wie José Ignacio Sáez de Ibarra erklärt. Auch künstliche Herzklappen kommen zum Einsatz, die wegen ihrer längeren Haltbarkeit aber vor allem bei jüngeren Menschen eingesetzt werden. Der Nachteil: Patienten müssen für immer Medikamente einnehmen, um die Bildung von Blutgerinnseln an den Herzklappen zu verhindern.

Bei Herzklappen-Operationen in Son Espases liegt die Sterblichkeitsrate am niedrigsten, der Abteilungsleiter gibt sie mit einem Prozent an. Beruhigend für die deutsche Patientin Hannelore Erping und ihre Tochter war aber vor allem der persönliche Umgang – zumal Sáez de Ibarra sein Ruf bereits vorauseilte, als er sich als operierender Arzt vorstellte. „Als er zur Tür hereinkam, da habe ich mich so gefreut", erinnert sich Tochter Martina Quetglas. Die Entscheidung zur Operation fiel im November, Sáez de Ibarra operierte im Januar. Der Eingriff zur Reparatur der Herzklappe dauerte rund drei Stunden. Es folgten zwei Tage auf der Intensivstation – so sieht es das Protokoll vor – sowie fünf Tage im Krankenzimmer, bevor die 84-Jährige bereits entlassen werden konnte.

Geplant: Transplantationen

Angesichts der langen Erfahrung, der guten Ausstattung und der geringen Sterblichkeitsrate überrascht es, dass bislang keine Herztransplantationen in Son Espases stattfinden. Das Problem ist statistischer Natur. Infolge der Insellage reicht der Einzugsbereich nicht aus, um auf die nötige Zahl von Patienten zu kommen, die ein neues Herz benötigen. Mit einer Bevölkerung von rund 1,1 Millionen Menschen liegen die Balearen knapp unter dem Wert von 1,3 bis 1,5 Millionen, den das spanische Gesundheitsministerium vorgibt.

Gleichzeitig ist die Insellage aber auch ein Argument, für die Inseln eine Ausnahme zu machen. Im Durchschnitt ein Dutzend Patienten muss jedes Jahr für Herztransplantationen an Krankenhäuser in Madrid, Barcelona oder Valencia überwiesen werden. Und da es sehr schnell gehen muss, sobald ein Spenderherz da ist, bleibt den Betroffenen nichts anderes übrig, als auf dem Festland auf die Organspende zu warten. „Die sozialen Kosten für die betroffenen Familien sind sehr hoch", stellt Sáez de Ibarra klar. Im Schnitt müssten die Patienten ein halbes Jahr in der fremden Stadt auf ein kompatibles Herz warten.

Mit diesen Argumenten läuft inzwischen der Antrag beim Gesundheitsministerium in Madrid, in Zukunft auch in Son Espases Spenderherzen einzusetzen. Die Chirurgen des jetzigen Teams hätten alles Nötige in ihrer Ausbildung gelernt, notwendig wäre nur eine Auffrischung der Kenntnisse und eine organisatorische Einbindung der Operationen, sagt Sáez de Ibarra. Der Nachwuchs wird zudem inzwischen direkt vor Ort herangezogen: Seit 2016 gibt es auf Mallorca ein Medizin-Studium, die Lehre findet bis zur Erweiterung der Balearen-Universität im Krankenhauskomplex statt.

Ein Teil des Prozesses – die Entnahme von Herzen – findet ohnehin schon jetzt in Son Espases statt, um die Spenderorgane anschließend zu Krankenhäusern auf dem spanischen Festland zu fliegen. Auch beim Thema Organtransplantationen hat das balearische Landeskrankenhaus schließlich einen herausragenden Ruf. Die Entnahme des Herzens ist allerdings der wesentlich leichtere Teil einer Transplantation, stellt der gebürtige Kolumbianer klar – und verwendet dabei einen leicht einleuchtenden Vergleich: „Das ist so wie bei einem Auto, das in die Werkstatt gebracht wird: Auseinanderbauen ist immer einfacher als Zusammenbauen."

Man kann sich gut vorstellen, wie Sáez de Ibarra und seine Kollegen – darunter ist derzeit zumindest auch eine Chirurgin – den Patienten die komplexen Eingriffe verständlich erklären und die Angst nehmen. „Man fühlt sich einfach gut aufgehoben", meint Martina Quetglas im Nachhinein, auf das öffentliche Gesundheitssystem Spaniens sei trotz manch langer Warteliste letztendlich Verlass. Aber wie sollte sie sich für die herzliche Behandlung bedanken – mit einer Schachtel Pralinen, einer Flasche Wein? Quetglas schrieb stattdessen einen Dankesbrief an das Personal von Son Espases sowie auch von Son Llàtzer.

Genesung bei ihrer Mutter nun einmal länger als bei einem jungen Menschen, sagt Quetglas. Aber mit 84 hat sie noch mal ein neues Leben auf Mallorca begonnen. „Wir gehen wieder spazieren und bummeln, und sie hilft auch schon wieder im Haushalt mit."

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