07. Februar 2021
07.02.2021
Mallorca Zeitung

Ein Jahr Corona auf Mallorca: Chef-Epidemiologe Arranz zieht Bilanz im Interview

Javier Arranz glaubt an einen Sommer mit Urlaubern und daran, dass uns Maske und Abstand erhalten bleiben

07.02.2021 | 10:22
Javier Arranz: "Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich glaube an Tourismus dieses Jahr."

Seit einem Jahr wütet das Coronavirus nun auf Mallorca. Am 7. Februar 2020 wurde ein in Marratxí lebender Brite mit Verdacht auf Sars-Cov-2 ins Krankenhaus Son Espases eingeliefert, zwei Tage später lag der positive Befund vor. Der Mann hatte sich an einem Skilift am Mont Blanc bei einem Landsmann angesteckt. Seither wurden auf den Balearen rund 54.000 nachweislich bekannte Infektionen mit dem Coronavirus gezählt, 628 Menschen starben. Die MZ-Schwesterzeitung hat mit dem Corona-Sprecher der Balearen-Regierung, dem Epidemiologen Javier Arranz, ein Interview zum Jahrestag des ersten Covid-19-Falls auf der Insel geführt.

Schauen wir gleich mal in die Zukunft: Wo werden wir in einem Jahr stehen?
Ich denke, wir werden eine Krankheit mehr auf der Welt haben, mit der wir zu leben gelernt haben werden: mit Impfungen, mit immunisierter Bevölkerung und mit mehr Hilfsmitteln, um sie festzustellen. Ich glaube nicht, dass das Coronavirus verschwindet, aber mit der Zeit wird es einfach ein Virus wie viele andere.

Vieles wird auch mit dem Fortschritt der Impfungen zusammenhängen. Bisher verzögert sich die Produktion, es gibt Fälle von Senioren, die sich nach der Impfung infiziert haben und die neuen Mutationen stellen die Effektivität der Impfungen auf die Probe. Das klingt nicht sonderlich ermutigend.
Als die Pandemie begann, hatten wir Probleme, Material für die Mitarbeiter des Gesundheitswesens zu beschaffen. Aber das hat sich geändert. Ich denke, dass mit den Impfungen dasselbe passiert und in ein paar Wochen wird das Thema der Produktion erledigt sein. Als wir begonnen haben, über die Impfungen zu sprechen, habe ich erklärt, dass wir nicht die eine Wunder-Impfung haben würden, sondern verschiedene mit unterschiedlichen Qualitäten. In Bezug auf die Mutationen kann ich nur sagen, dass die Hersteller diese bei ihren Impfstoffen bereits einkalkulieren. 

Jetzt mal von Beginn an: Wuhan war bereits in Quarantäne, in Italien wurden zumindest einzelne Gegenden in den Lockdown geschickt, und hier haben wir weitergelebt, als gehe uns das alles nichts an. Warum sahen wir das Virus nicht kommen?
Am 31. Dezember 2019 war ich gerade dabei, eine Grafik zu erstellen, wie viele Fälle es in Wuhan gab und im Januar habe ich mit meinen Kollegen darüber gesprochen. Dann hatten wir den ersten Fall, den wir sehr gut in den Griff bekamen. Die Situation änderte sich mit dem massenhaften Ausbruch in Italien. Wahrscheinlich hätten wir hier härter durchgreifen müssen, dann hätten wir diese heftige erste Welle verhindern können. Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen, dass der Präsident der Zentralregierung oder der Landesregierung hier alles absperrt, wie das etwa in Neuseeland bei fünf Fällen passiert ist, wenn ein Experte das vorschlägt. Jetzt sind wir so weit. Deutschland hat die gesamte Wirtschaft mit einer Inzidenz von 200 Fällen pro 100.000 Einwohner in 14 Tagen lahmgelegt, hier flehen und Betreiber von Restaurants und Bars an, bei Inzidenzen von knapp unter 500 Fällen öffnen zu dürfen.

Wer waren die bisher 628 Toten auf den Balearen?
Die Mehrheit waren entweder in Seniorenheimen, annähernd die Hälfte der Toten, oder in einem sehr fortgeschrittenen Alter. Das Alter ist das wichtigste Risikofaktor. Aber zurzeit sehen wir eben auch, dass junge Menschen ohne Vorerkrankungen sterben. Wenn es von Beginn an mehr Tote unter den jungen Leuten gegeben hätte, wären wir jetzt in einer anderen Situation, denn die jungen Menschen hätten mehr Angst vor dem Virus gehabt.

Wie hoch liegt die Sterblichkeitsrate auf den Balearen?
So weit ich weiß, kommen wir in Spanien nicht an die 2 Prozent heran, und hier ist sogar Deutschland ein kleines Stückchen darüber.

Wenn man sich dieser Tage die Kurven der Fallzahlen anschaut, sieht die erste Welle direkt mickrig aus. Damals wurde nur ein Bruchteil der PCR-Tests gemacht, die man heute macht. Jetzt hatten wir teils über 500 positive Tests an einem Tag, wie viele waren es demnach wirklich im April 2020?
Ich glaube, der Höhepunkt im April waren etwas mehr als 100 Fälle an einem Tag, und damals haben wir schon gesagt, dass das wohl nur 20 Prozent der tatsächlich vorhandenen Fälle waren, eben die mit schweren Verläufen, die ins Krankenhaus kamen und die wir getestet haben. Man darf also davon ausgehen, dass wir auch damals auf etwa 500 Fälle pro Tag kamen.

Sie sind ein Verfechter davon, die derzeitigen Restriktionen nur sehr langsam wieder aufzuheben, um eine vierte Welle zu verhindern. War die Öffnung nach dem Lockdown im Frühjahr demnach zu schnell?
Ich glaube nicht, dass wir auf den Inseln eine überstürzte Öffnung veranlasst haben. Natürlich hätten wir trotzdem einige Dinge anders machen können. Andere Regionen in Spanien haben sich schneller getraut zu öffnen, das hat uns überrascht.

Die Balearen waren Vorreiter bei der Maskenpflicht seit Juli 2020. Dennoch kamen die zweite und die dritte Welle mit Wucht. War die Maske zu irgendetwas gut?
Wir haben damals im Sommer sehr viel darüber diskutiert. Heute gibt es Studien, die den Effekt der Maske messen und es sieht ja so aus, als ob uns die Maske trotz allem geschützt hat. Aber es geht ja nicht nur darum, eine Maske zur Pflicht zu machen, sondern darum, dass diese auch richtig aufgesetzt wird. Und das ist schwierig zu messen, in welchem Maße das geschehen ist.

Als wir im September die zweite Welle besiegt hatten, wurden wir da zu übermütig?
Schauen Sie, heute nähern wir uns dem Niveau von November, das immer noch über dem von Ende September liegt. Wenn wir im September in diese Situation kamen und danach die Kurve wieder angestiegen ist, warum ist sie das? Vielleicht, weil wir nicht streng genug waren. Aber es war schwierig, gerade mit dem touristischen Umfeld. Man musste abwägen, dürfen Touristen kommen oder nicht, dürfen Deutsche kommen? Deshalb sage ich jetzt, wir müssen sehr vorsichtig sein. Vielleicht muss nicht alles geschlossen sein, aber mit Pauken und Trompeten wieder zu öffnen? Vorsicht!

Wäre ein zweiter kompletter Lockdown nötig gewesen?
Ich glaube nicht. Vielleicht noch weitere Einschränkungen der Mobilität, vielleicht hätten wir die Ausgangssperre schon früher einführen sollen. Das hätte vielleicht geholfen, vor allem auf Ibiza.

Können Sie als Epidemiologe die Proteste der Gastronomen, der Fitnessstudio-Betreiber oder der Angestellten im Nachtleben nachvollziehen?
Natürlich! Das ist eine Form, klarzumachen, dass sie ein Problem haben und Lösungen dafür verlangen. Ich glaube, die Demonstrationen hatten das Ziel, mehr Hilfen lockerzumachen. Das ist zumidnest das, was ich hoffe. Denn wenn die Proteste in die Richtung gingen, sie wieder öffnen zu lassen, dann schauen diese Leute nicht in die Zukunft. Denn wenn wir mit einer guten Bilanz den Sommer erreichen und Zukunft haben wollen, dann können wir doch jetzt nicht öffnen. Die Leute stecken sich nun mal an, wenn sie zusammen sind, und sie sind zu Hause zusammen, in den Außenflächen der Bars, an der Theke. Und wenn die Wirte wieder öffnen, dann müssen sie sich in Gesundheitspolizisten verwandeln. Wirte haben mir erzählt, sie können doch einem Gast nicht vorschreiben, dass er die Maske aufsetzen muss. Aber genau das muss er. Er tut es doch auch, wenn ein betrunkener Gast die anderen belästigt. Manche haben es ja getan, aber das können die Wirte noch besser.

Auf Mallorca geht die Inzidenz seit Tagen stark zurück. Dennoch sagen Sie, die Restriktionen könne man nicht aufheben. Welcher Indikator zeigt uns an, wann der Moment für eine Öffnung gekommen ist?
Klar gibt es die Inzidenz, aber das ist nicht der einzige Faktor. Die Belegung der Intensivstationen ist mindestens genauso wichtig, und die kommt mit einer Verzögerung an ihren Höhepunkt. Und danach kommen die Todeszahlen. Genauso wie die Klinik-Einweisungen, die ein Bild davon abgeben, wie die Arbeitsbelastung in den Krankenhäusern ist. Jetzt befinden wir uns an dem Moment, dass - sollte sich die Inzidenz weiter positiv entwickeln - wir in ein paar Wochen so weit sind, dass die Einlieferungen weniger werden und wir dann die Restriktionen lockern können. Was uns beunruhigt, sind die neuen Virus-Varianten, weil wir nicht wissen, was passiert, wenn wir die Beschränkungen lockern. 

Wo muss man anfangen, wenn die Restriktionen aufgehoben werden?
Wir müssen öffnen, aber sehr langsam. Wenn wir morgen alle Außenflächen der Bars öffnen, dann - so leid es mir tut -, wissen wir, dass die Leute dahinströmen und ihr Bier oder ihren Gin-Tonic trinken. Wir müssen die Inzidenz so weit senken wie möglich und ab dann mit sehr stark beschränkten Kapazitäten öffnen und nur ganz langsam mehr Leute zulassen. Außerdem müssen die Öffnungszeiten beschränkt sein. Und dann müssen wir genau beobachten, wie das funktioniert. 

Die Auswirkungen eines Jahres ohne Urlauber waren für die Insel-Wirtschaft katastrophal. Viele fürchten nun ein zweites Jahr, das genauso wird. Trauen Sie sich zu, einen Termin für die Rückkehr der Urlauber zu definieren?
Ich schließe nicht aus, dass dieses Jahr Urlauber kommen können, aber das hängt ja nicht allein von uns ab, sondern auch von den anderen Ländern. Normalität werden wir 2022 wieder haben. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich glaube, wir werden dieses Jahr Tourismus haben, natürlich unter Einhaltung vieler Sicherheitsmaßnahmen. 

Welche der Hygienemaßnahmen werden uns auch nach der Pandemie erhalten bleiben?
Ich denke, dass viele Menschen mit Erkältungssymptomen auch in Zukunft Masken tragen werden, vor allem im Winter oder wenn sie in ihr Gesundheitszentrum gehen. Das würde die Grippe-Fälle senken, wie wir dieses Jahr sehen. Ich hoffe auch, dass das Desinfektionsgel erhalten bleibt. Dass man in ein Restaurant gehen kann und sich dort die Hände säubern kann. Das wird Magen-Darm-Erkrankungen seltener machen. Und auch ein gewisser Abstand sollte uns erhalten bleiben. /jk

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