30. April 2021
30.04.2021
Mallorca Zeitung

Impfkampagne auf Mallorca: "Theoretisch 260.000 Dosen pro Woche"

Die Leiterin der Impfkampagne auf Mallorca und den Nachbarinseln, María Eugenia Carandell Jäger, über Kapazitäten, Logistik und immer neue Probleme im Kampf gegen Corona

30.04.2021 | 01:00
Muss planen und improvisieren gleichermaßen: María Eugenia Carandell

María Eugenia Carandell Jäger ist die Leiterin der Corona-Impfkampagne der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut auf Mallorca. Sie wurde 1960 im schweizerischen Sankt Gallen geboren. Ihre Mutter ist deutschsprachig, sie selbst aber – neben Katalanisch und Spanisch – mit Französisch aufgewachsen. Im MZ-Interview wirkt sie energisch, kompetent und pragmatisch.

Im Direktvergleich scheint es auf den Balearen unkomplizierter zu sein, einen Impftermin zu bekommen als in Deutschland. Siegt hier südländische Spontaneität?
Ich glaube nicht. Unsere medizinische Grundversorgung basiert auf einem sehr leistungsstarken und kleinteiligen System. Die Krankenakten der Bewohner sind fast alle zentral gespeichert, das vereinfacht die Sache sehr. Jeder Arzt im öffentlichen System kann direkt auf diese Daten zugreifen, egal in welchem Gesundheitszentrum und auf welcher Insel. Die Organisation der Impfkampagne haben wir darauf aufgebaut und zudem alle Personen ins System eingespeist, die bisher nicht darin waren. Zum Beispiel Residenten, die hier leben, aber das öffentliche Gesundheitssystem nie in Anspruch genommen haben.

Leser berichten uns von Problemen, ohne Gesundheitskarte für das staatliche System einen Termin zu bekommen.
Wir haben diese Frage an das spanische Gesundheitsministerium weitergegeben, da hier sehr viele ausländische Residenten leben. Das Ministerium klärt gerade, was mit all den Menschen passiert, die nicht gemeldet sind und sich – aus welchem Grund auch immer – nicht melden wollen und somit keine tarjeta sanitaria bekommen können. Da wird man schauen müssen, vermutlich wird es eine europäische Lösung geben. Was ich Ihren Lesern aber beteuern kann, ist, dass wenn sie auf den Balearen leben und beim Rathaus gemeldet sind, sie keinerlei Probleme haben werden, im Gesundheitszentrum die Karte zu bekommen. Wir haben eine Abteilung, die sich extra darum kümmert, dass der Anmeldevorgang schnell geht.

Probleme gab es bisher auch bei der Lokalisierung bestimmter Risikogruppen.
Das Filtern nach Geburtsdatum ist natürlich am einfachsten. Sobald andere Faktoren wie Vorerkrankungen hinzugezogen werden, wird es komplizierter. Da muss man teilweise Fall für Fall vorgehen. Aber die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Patientenvereinigungen hat uns weitergebracht.

Wann beginnt die Massenimpfung auf den Balearen?
Wir hätten diesen Begriff von Anfang an nicht benutzen sollen. Wir hatten zunächst optimistisch gedacht: Wenn wir 50.000 oder 60.000 Impfdosen pro Woche erhalten, wird massiv geimpft und dann starten wir durch. Aber letztlich kommen mal 30.000 Dosen, in der nächsten Woche nur 12.000. Dieses Bild der Massenimpfungen, das alle im Kopf haben, stimmt so nicht. Aber neben den großen Impfzentren werden vor allem in sehr vielen Gesundheitszentren gleichzeitig sehr viele Menschen geimpft, auch wenn man es nicht sieht. Wann fängt die Massenimpfung also an? Sie hat schon begonnen! Wann geht sie weiter? Wenn die Impfdosen kommen. Wie viele Dosen könnten wir theoretisch pro Woche verimpfen? 260.000. Werden jemals 260.000 pro Woche ankommen? Vermutlich nicht.

Die neuen Impfstoffe von Janssen vereinfachen die Situation?
Nur bedingt. Hätten wir einen Impfstoff für alle, der am besten nur einmal gespritzt werden müsste, wäre das toll. Aber wir müssen je nach Alter und Vorerkrankungen verschiedene Impfstoffe verabreichen, und das bereitet uns am meisten Kopfzerbrechen.

Wie läuft die Logistik ab?
Unsere Impfwoche beginnt mittwochs, denn der Großteil der Impfstoffe kommt dienstags an und wird im Gesundheitszentrum Son Pisà in Palma gelagert. Dort gibt es Hochleistungsgefrierschränke, von hier wird verteilt. Wir versuchen, die Impftermine und die Verteilung der Dosen jeweils montags zehn Tage im Voraus zu planen. Das ist aber sehr komplex.

Vor allem wenn die Lieferung ausbleibt.
Genau das ist jetzt wieder passiert, es kamen einige Dosen von Pfizer weniger als angekündigt, also mussten wir uns mit den Verantwortlichen der drei Inseln im Eilverfahren zusammensetzen, um alles umzuorganisieren.

Werden noch Dosen zurückgehalten?
Nein, da haben wir aus Anfangsfehlern gelernt. Nur Moderna haben wir noch auf Vorrat, weil es da viele Lieferschwierigkeiten gab, aber ab jetzt wird auch dieser Stoff direkt verimpft.

Welche Etappenziele haben Sie sich gesetzt?
Die Sterblichkeitsrate zu senken, also Menschen zu schützen, die älter als 80 Jahre sind. Dann geht es darum, die Morbidität zu verringern, also die Komplikationen, die der Krankheitsverlauf vor allem bei Menschen zwischen 60 und 79 Jahren annehmen kann. Und dann werden wir bald in die Gruppe der sehr jungen oder jungen Menschen einsteigen. Dann ist das Ziel die Herdenimmunität.

Warum steht Mallorca bei den Corona-Zahlen gerade im Vergleich beispielsweise mit Deutschland recht gut da?
Weil wir enorme Opfer vor allem im Gastgewerbe gebracht haben. Wir sind sehr strikt bei den Auflagen im öffentlichen Leben, vor allem in den Innenräumen von Bars und Restaurants – das ist ein zentraler Punkt bei der Verhinderung von Infektionen.

In Deutschland ist die Gastronomie seit November komplett dicht, trotzdem sind die Zahlen dort ungleich schlechter.
Wir sollten uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Nie. Sonst schießen die Zahlen plötzlich wieder in die Höhe. Vier Infektionsherde in einem großen Ort reichen dafür aus. Wir haben im Übrigen auch ein effizientes System zur Rückverfolgung der Infektionsketten. Das ist aber hier auch einfacher als etwa in Regionen mit Millionenstädten.

Befürchten Sie, dass sich viele junge Leute nicht impfen lassen wollen?
Ich beschäftige mich nie mit Problemen, die ich derzeit nicht habe. Aber die Bevölkerung auf den Balearen ist vergleichsweise jung, und die Herdenimmunität ist nur möglich, wenn sich auch Jüngere impfen lassen. Ich glaube, dass wir dann die Botschaft ändern müssen. Bisher lautet sie: „Impfe dich, um dein Leben zu retten." Bei jüngeren Leuten geht es eher darum, ihr soziales Leben und die wirtschaftliche Zukunft zu retten. Da müssen wir an Gemeinschaftssinn und Solidarität appellieren. Abgesehen davon kann auch ein 30-Jähriger an Corona sterben, es passiert nur seltener.

Verstehen Sie die Bedenken einiger Menschen, gerade in Bezug auf AstraZeneca?
Ja, aber wir dürfen das Vertrauen in die Impfung nicht aufgeben. Zumal alle Stoffe fortlaufend und strengstens geprüft werden.

Wann erreichen wir die Herdenimmunität?
Das spanische Gesundheitsministerium rechnet in etwa mit August, wenn 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein sollen. Das Beispiel Israel lässt hoffen, dass es schon früher so weit sein könnte. Dort zeigt sich, dass schon 57 Prozent die Herdenimmunität ermöglichen.

Wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Müssen wir uns dann jedes Jahr impfen lassen?
Das weiß man noch nicht. Je mehr Infizierte es gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von Mutationen. Ich bin keine Expertin was das angeht, aber ich vermute, wir werden uns jährlich gleichzeitig gegen die Grippe und
gegen Corona impfen lassen.

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