Anna-Maria Liebig weiß genau, wie es sich anfühlt, plötzlich die Diagnose „Krebs“ zu bekommen. 2013 wurde im Eierstock der 38-Jährigen ein Tumor festgestellt. Damals lebte sie noch in Deutschland. Vom deutschen Sozial- und Gesundheitssystem fand sie sich gut aufgefangen und versorgt. 2016 zog die gelernte Krankenschwester, damals schwanger, wegen ihres mallorquinischen Freundes nach Mallorca. Bei den Nachsorgeuntersuchungen auf der Insel und bei Erkundigungen über die Unterstützung von Krebs-Patienten in Spanien stellte sie deutliche Unterschiede zu Deutschland fest.

Keine Übernahme von Taxifahrten

„Allein die banale Tatsache, dass hierzulande keine Taxifahrten für Krebspatienten übernommen werden, finde ich traurig. Man erwartet von teils alten Menschen, dass sie alleine ins weit entfernte Krankenhaus fahren. Auch jüngere Alleinstehende müssen sich, wenn sie nicht mehr in der Lage sind zu fahren, private Fahrtdienste organisieren“, erklärt die Mallorca-Residentin.

Auch hätte die zweifache Mutter nach ihren Behandlungen in Deutschland Echthaar-Perücken im Wert von über 500 Euro bezahlt bekommen, entschied sich aber dagegen. „Hier gibt es dieses Angebot gar nicht. Und die Perücken bestehen oft aus purem Plastik, und das sieht man auch“, findet Liebig, die zu den medizinischen Behandlungen auf der Insel nichts Negatives sagen kann.

Als Betroffene helfen

Wie es ist, während der oft langwierigen Behandlungen und psychisch sehr belastenden Zeit keine Unterstützung von Freunden, Nachbarn oder Verwandten zu haben, will sie sich lieber gar nicht vorstellen. Sie hatte Glück, viele helfende Hände um sich.

Weil sie anderen Betroffenen helfen will, arbeitet die 38-Jährige seit einem Jahr als Freiwillige bei Cancer Support Mallorca. Den gemeinnützigen Verein, der Krebspatienten und ihren Angehörigen hilft, hatte 2011 die Britin Krista Hyer gegründet. Hyer war damals selbst an Krebs erkrankt und suchte nach Gleichgesinnten, die sich mit ihr austauschen wollten. Zusammen mit Bekannten rief die Residentin die lokale Krebshilfe-Gruppe ins Leben. Zehn Jahre lang war sie deren Vorsitzende und setzte sich dafür ein, dass Krebspatienten und Angehörige zunehmend besser unterstützt werden. Im Januar 2022 starb Hyer.

Hilfe für ausländische Patienten und ihre Angehörigen

Cancer Support Mallorca hilft insbesondere ausländischen Patienten und Angehörigen. Spanier wendeten sich oft an die spanienweite Asociación Española Contra el Cáncer (AECC), die deutlich mehr Freiwillige und auch finanzielle Mittel hat, so die Koordinatorin von Cancer Support Mallorca, Rebecca Upton. Bei der gebürtigen Britin, die auf Mallorca aufgewachsen ist, melden sich insbesondere Briten, deutschsprachige, schwedische oder philippinische Residenten.

Die derzeit 35 aktiven Freiwilligen begleiten die Patienten auf Wunsch zu Arztterminen, übersetzen oder beantragen Gelder, erledigen den Einkauf oder führen ihren Hund aus. Der Verein stellt den mehr als 50 Bedürftigen zudem emotionsfokussierte Therapeuten (terapeuta emocional) oder Ernährungsberater zur Seite. Zudem bestehen Kooperationen mit Anbietern von Yoga- oder Pilateskursen, Friseuren und Spas. Dort bekommen Patienten und Angehörige Rabatte.

Wollmützen, die Cancer Support Mallorca manchmal auch in Krankenhäusern verteilt. Cancer Support

Präsenz in Krankenhäusern

In mehreren Krankenhäusern der Insel verteilen die Freiwilligen auf den Tagesstationen Perücken, Wintermützen oder gestrickte Brust-Prothesen für den BH und machen die Organisation dabei auch bekannter: mittwochs im Son Llátzer, donnerstags in Son Espases, zweimal im Monat im Krankenhaus von Manacor. Darüber hinaus treffen sich montags und mittwochs in Puerto Portals (Carrer Lluna, 3) Mal-Gruppen.

Kein direkter Kontakt zu Patienten und ihren Angehörigen

Viele Freiwillige wie Liebig wiederum müssen bei all dem Altruismus auch auf sich selbst achtgeben. Erst kürzlich besuchte die 38-Jährige eine alleinstehende Brustkrebs-Patientin zu Hause. Diese hatte sich bei der Organisation mehr Kontakt zu ihren Mitmenschen gewünscht. Auch später habe sie immer wieder an den Besuch bei der Seniorin gedacht, so Liebig. „Ich habe als Krankenschwester zwar schon immer sehr viel Kontakt mit kranken Menschen gehabt. Trotzdem lassen mich die Schicksale nie kalt.“ Bei der Abgrenzung helfe ihr sehr, dass sie mit ihrer Familie und ihren beiden Kindern sehr beschäftigt sei.

Je nach Bedarf wird die zweifache Mutter die Patientin künftig auch weiterhin besuchen. „Sie meldet sich dann bei der Cancer-Support-Nummer. So ist ganz klar geregelt, dass wir keinen direkten Kontakt haben und etwa keine Nummern austauschen müssen“, so die Freiwillige. Sonst wäre es mit der notwendigen Abgrenzung schnell dahin.