Ambulante Pflege auf Mallorca: Das gilt es zu beachten
Auf Mallorca gibt es nur wenige Pflegedienste, die sich an Deutsche wenden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass hier weniger Hilfe zu erwarten ist

Angemessene Pflege auf Mallorca will gut organisiert sein. / Vita Fonfara
Den Lebensabend auf Mallorca genießen, das ist der Auswanderertraum vieler Deutsche, Schweizer und Österreicher. Nicht selten sorgen Alter oder Krankheit aber irgendwann für ein unangenehmes Erwachen. Einige Residenten zieht es dann zurück nach Deutschland, andere aber bleiben trotz hoher Pflegebedürftigkeit auf der Insel. Möglich machen es ambulante Pflegedienste, die auf den deutschsprachigen Markt auf Mallorca spezialisiert sind. Doch dabei gibt es einiges zu beachten.
Verschiedene Pflegedienste
Kochen, waschen, zum Arzt begleiten, ins Bett bringen oder einfach nur gemeinsam fernsehen oder auf der Terrasse sitzen und plaudern: Das Personal, das die Pflegedienst-Agentur „Senior Mallorca“ beschäftigt, ist vielseitig einsetzbar. „Für alles, was im Alltag einer pflegebedürftigen Person ansteht – aber immer auch verbunden mit pflegerischen Tätigkeiten“, berichtet Mario Urresti.
13 Jahre ist es her, dass der Spanier, der in Deutschland aufwuchs und akzentfrei Deutsch spricht, gemeinsam mit seinem Kollegen Eduardo Simón den Pflegedienst „Senior Mallorca“ aufbaute. Von Anfang an spezialisierte sich das Unternehmen aus Palma nicht nur auf spanische, sondern auch auf deutsche Kunden. Aktuell sind hier rund 70 Pflegemitarbeiter beschäftigt, die auf der ganzen Insel zum Einsatz kommen. „Es sind alles Pflegefachkräfte“, betont Urresti. Sprich: Sie können Senioren nicht nur Gesellschaft leisten, sondern auch Katheter oder künstliche Darmausgänge wechseln oder reinigen, Wunden pflegen oder Tabletten verabreichen.
In den vergangenen 13 Jahren hat Urresti viele private Pflegedienste gerade aus Deutschland erlebt, die ebenfalls versuchten, auf der Insel Fuß zu fassen. „Neben uns gibt es noch zwei weitere, die sich etabliert haben, alle anderen sind spätestens nach ein, zwei Jahren wieder verschwunden“, sagt Urresti. „Auch in Spanien gibt es eine Unmenge an Vorschriften für die häusliche Pflege, und die muss man einhalten, sonst kriegt man Probleme.“
Osteuropäische Betreuer einfliegen
Die Pflegeagentur „Vita Fonfara“ will sich ganz neu einen Kundenstamm auf Mallorca aufbauen. Zwölf Jahre Erfahrung hat das Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet vorzuweisen, mittlerweile in verschiedenen deutschen Bundesländern. „Was Spanien angeht, sind wir noch in den Babyschühchen“, gibt Betriebsleiterin Nina Steinhauer zu. „Vita Fonfara“ kooperiert bereits seit Jahren mit Vermittlungsagenturen aus Osteuropa. Die Idee: „Statt ins kalte Deutschland können wir die Betreuungskräfte aus Litauen und Co. auch nach Fuerteventura oder Mallorca schicken“, so Steinhauer. Der Vorteil: Die osteuropäischen Betreuungskräfte wohnen bei den Kunden im Haus, seien quasi 24 Stunden am Tag einsetzbar. „Wobei natürlich auch sie nur acht Stunden am Tag arbeiten, aber erfahrungsgemäß einigen sich die Betreuer und die Kunden schnell auf angemessene Arbeitszeiten.“
„Senior Mallorca“ verfährt anders: Die Pflegekräfte wohnen nicht bei den Kunden. Sind mehr als acht Stunden Pflege nötig, werden mehrere Pfleger in Schichten eingesetzt. Dafür ist die Agentur vor Ort, die Verantwortlichen machen regelmäßig Hausbesuche, schauen nach dem rechten und fungieren auch als Bindeglied zwischen Angehörigen in Deutschland und den Senioren. Bei den Mitarbeitern handelt es sich überwiegend um spanische, teils aber auch um deutsche Pflegekräfte. „Der allgemeine Pflegekräftemangel ist deutlich zu spüren“, so Mario Urresti.
Gleichzeitig steige die Nachfrage immer weiter – auch unter deutschen Residenten. „Allerdings gehen auch viele nach Deutschland zurück, weil sie sich die private Pflege auf Mallorca nicht leisten können.“ Die sehr gut Betuchten brächten häufig ihre eigenen Pflegekräfte aus Deutschland mit. „Das ist allerdings nicht ganz legal, sie müssten ja in Spanien auch angemeldet werden“, so Urresti.
Leistungen aus Deutschland
Grundsätzlich gilt: Wer in Deutschland gesetlich sozialversichert ist, kann sich das ihm zustehende Pflegegeld auch nach Mallorca exportieren lassen. Der Satz richtet sich an den entsprechenden Pflegegraden aus. „Das Pflegegeld ist eine frei verfügbare Leistung, die der Pflegebedürftige grundsätzlich verwenden kann, wie er es möchte. Allerdings prüft die Pflegekasse regelmäßig, ob der Pflegebedürftige auch die nötige Pflege erhält“, berichtet der Jurist Rainer Fuchs. Der Autor des Ratgebers „Sorgenfrei leben unter Spaniens Sonne“ war einst Sozialreferent der deutschen Botschaft in Madrid und lange als Referatsleiter für internationale und europäische Sozialversicherung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales tätig.
„Um die Einstufung der Pflegegrade vorzunehmen, müssen die Auswanderer nicht nach Deutschland zurück, denn die Pflegekassen kommen mit ihren Experten zu ihnen ins Haus nach Spanien“, so Fuchs weiter. Zuständig für die Begutachtung in Spanien ist der „Medizinische Dienst Hessen“. Seit Corona erfolge die Begutachtung manchmal sogar ausschließlich telefonisch, ergänzt Mario Urresti. „Wenden Sie sich einfach an Ihre gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung, die wird alles Weitere veranlassen“, rät Rainer Fuchs.
Pflegesachleistungen, wie etwa die Betreuung in Pflegeeinrichtungen, können nach der gegenwärtigen deutschen Praxis dagegen nicht nach Spanien exportiert werden. Wer sich entscheidet, bei Pflegebedürftigkeit auf Mallorca zu bleiben, hat diesen Anspruch in Spanien nicht. „Viele schreckt das ab. Zumal die meisten Deutschen auch nicht in einem spanischen Pflegeheim enden möchten, da sie oft die Sprache kaum verstehen“, sagt Mario Urresti. „Zudem sind die Standards in den Pflegeheimen in Spanien, abgesehen von ein paar sehr teuren Privatresidenzen, deutlich niedriger als das, was man aus deutschen Heimen gewohnt ist“, so Fuchs.
Da das deutsche Pflegegeld geringer ausfällt als die Kosten für eine ambulante Pflege, müssen die Kunden letztlich selbst tief in die Tasche greifen, wenn sie in ihrem Haus auf Mallorca gepflegt werden wollen. Für eine osteuropäische Betreuungskraft über die Agentur „Vita Fonfara“ werden laut Nina Steinhauer etwa 2.800 Euro pro Monat fällig. Mario Urresti von „Senior Mallorca“ will keinen Preis für die Vollpflege nennen. „Er variiert stark je nach den Bedürfnissen und auch dem Wohnort auf der Insel.“
Leistungen aus Spanien
Wer mehr als fünf Jahre lang in Spanien angemeldet ist, der hat auch Anrecht auf spanische Pflegeleistungen, die allerdings in der Regel geringer ausfallen als das deutsche Pflegegeld. „Sie richten sich aber, anders als in Deutschland, wo der Satz unabhängig vom Vermögen des Betroffenen ist, nach dem Kontostand des Antragstellers“, weiß Mario Urresti. Wer zu viel Vermögen nachweisen kann, bekomme gar nichts.
„So oder so sollte man sich aber in einem ersten Schritt mit den Sozialdiensten (Servicios Sociales) der Gemeinde in Verbindung setzen.“ Dort könne man auch über weitere Pflegeleistungen informiert werden – praktisch alle Gemeinden auf Mallorca böten auch einen öffentlichen ambulanten Pflegedienst an, der allerdings nur in geringem Ausmaß in Anspruch genommen werden kann. Manche Rathäuser hätten darüber hinaus auch Angebote wie „Essen auf Rädern“ oder die Ausgabe von Notrufknöpfen (Teleasistencia) im Programm.
„In jedem Fall ist es sinnvoll, zukunftsorientiert zu denken und schon vor der Pflegebedürftigkeit zu schauen, welche Optionen man in diesem Fall auf Mallorca hat“, betont Nina Steinhauer von „Vita Fonfara“. „Der Klassiker ist der Oberschenkelhalsbruch, 80 Prozent der Pflegefälle fangen damit an. Da kann schon der Rücktransport nach Deutschland ein Problem werden, wenn man keine private Versicherung dafür abgeschlossen hat“, sagt auch Experte Rainer Fuchs. „Es ist immer besser, sich frühzeitig zu informieren.“
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