Große gesundheitliche Risiken: Wann der Saharastaub nach Mallorca kommt und was er mit den Menschen macht
Seit Jahren nimmt die Anzahl an Tagen mit Saharastaub in der Luft auf der Insel stetig zu. Wann es dazu kommt, woraus er besteht und welche Folgen er hat

Taucht der Saharastaub über der Insel auf, färbt sich der Himmel rötlich. Nicht nur bei Regen rieseln die Partikel dann herab. | FOTO: DM
Wenn der Himmel über Mallorca so aussieht wie das Reich des bösen Herrschers Sauron bei „Herr der Ringe“, schwebt in der Regel eine Saharastaubwolke über der Insel. Trotz der Prognose, dass es keine Wolken gibt, ist es düster und es wirkt wie ein rötliches Gewitter. Gefühlt gab es in diesem Jahr kaum eine Woche ohne Staubwolke. Der balearische Ableger des spanischen Wetterdienstes Aemet besitzt zwar nicht die technischen Möglichkeiten, den Feinstaub in der Luft zu messen, wie es in Deutschland mit Lasern geschieht. Hier wird nur über die mit Saharastaub versetzten Regenfälle Buch geführt – was nur einen Bruchteil der staubigen Tage ausmacht und entsprechend ungenau ist. Dennoch: 2014 waren es zwei Tage mit dem sogenannten Schlammregen. Bis 2022 steigerte sich diese Anzahl jährlich auf 32 Tage. Laut den Daten des spanischen Ministeriums für den ökologischen Wandel (MITERD) schwebten im Zeitraum von 2009 bis 2018 in 20 Prozent des Jahres Staubpartikel über den Balearen – sprich jeden fünften Tag war die Luft verschmutzt.
Wie kommt der Sand auf die Insel?
Dafür müssen die Sandkörner in der Sahara zunächst aufgewirbelt werden. Neben entsprechenden Windgeschwindigkeiten in Afrika ist dafür die Größe der Körner und die Bodenfeuchte verantwortlich. Die Staubpartikel werden in zehn Mikrometer große Teile (PM 10) und Feinstaub (PM 2,5) unterteilt. Erst ab einem Durchmesser von 50 Mikrometer ist ein Partikel für das menschliche Auge sichtbar. Das Haar eines Menschen hat einen Durchmesser von 70 Mikrometer.
„Damit die Staubwolke nach Mallorca zieht, sind Südwinde nötig“, sagt die balearische Aemet-Chefin María José Guerrero der MZ. „Auf einer Höhe von etwa anderthalb Kilometer bildet sich so die staubige Luftschicht über der Insel.“ Von alleine zieht sie nicht weiter, da bei anhaltendem Südwind stets Nachschub kommt. Da die afrikanischen Luftmassen entsprechend heiß sind, geht der Saharastaub fast immer mit einem Temperaturanstieg einher. Nicht nur der Staub an sich mindert die Luftqualität. Die Staubwolke verhindert, dass die Sonnenstrahlen zur Erde durchdringen. Mit weniger Sonnenstrahlen vollführen die Pflanzen weniger Fotosynthese. Dadurch steigt der Kohlenstoffdioxidgehalt, und der Sauerstoffgehalt ist geringer. Kurzum: Die Luft ist schlechter.
„Die Herkunft des Staubs lässt sich bedingt an der Sandfarbe erkennen. In der Westsahara ist der Staub meist deutlich rot bis braun gefärbt, in östlichen und mehr südlichen Bereichen ist er eher gelblich bis weiß“, schreibt der Deutsche Wetterdienst (DWD).
Wie verschwindet der Saharastaub wieder?
Damit die Staubwolke auf Mallorca wieder verschwindet, gibt es drei Möglichkeiten. „Größere Partikel sinken wegen der Schwerkraft auf den Boden. 67.000 Tonnen Saharastaub fallen pro Jahr auf den Balearen herab. Das sind 13 Gramm pro Quadratmeter“, sagt María José Guerrero. Wenn der Saharastaub in Bodennähe ist, sprechen die spanischen Meteorologen von calima. „Die Luftfeuchtigkeit liegt dann unter 80 Prozent und die Sichtweite bei weniger als fünf Kilometern.“
Möglichkeit zwei: Es regnet. „Wobei es nicht selten vorkommt, dass die heiße Staubschicht die Regentropfen verdampfen lässt. Dann kommt auf Mallorca kaum oder gar kein Wasser an. Das mindert die Wahrscheinlichkeit, dass es im Sommer auf der Insel einen heftigen Regenguss gibt“, sagt Guerrero.
Die dritte Möglichkeit ist, dass eine Kaltluftfront die Staubwolke vertreibt. „Die zieht in der Regel von Norden oder Westen heran – ganz selten von Osten“, sagt Guerrero. Nicht nur der Staub verschwindet, es wird dann auch kühler.
Die Staubwolken orten
Verschiedene Institute bieten Karten an, auf denen man die Staubwolken nachverfolgen kann. So zum Beispiel das vom DWD unterstützte Karlsruher Institut für Technologie oder das Copernicus-Institut. Dort ist nicht nur die Position der Staubwolke in einzelnen Zeitabschnitten zu sehen, sondern auch die jeweilige Partikelgröße. Ab der Farbe Orange sind die Körner in einer sichtbaren Größe. Laut der Copernicus-Prognose sollte am Freitag (2.8.) eine größere Staubwolke südlich von Mallorca entlangziehen und vor allem den Süden der Insel betreffen.
Gesundheitliche Risiken
Bereits in den 80er-Jahren veröffentlichte der Physiker Julio Díaz vom Instituto de Salud Carlos III. in Madrid erste Studien zur Auswirkung des Saharastaubs auf die Gesundheit. Er ist heute einer der renommiertesten Experten auf diesem Gebiet. In erster Linie verursache der Staub Atemwegserkrankungen, sagt er. Durch die schlechte Luftqualität und die meist damit einhergehenden hohen Temperaturen komme es auch zu Blutkreislaufproblemen und gar Anomalien bei Geburten. Díaz wies nach, dass bei Saharastaub und Hitze mehr Babys frühzeitig und mit niedrigem Gewicht zur Welt kommen.
„Obwohl es sich um natürliche Partikel handelt, sind sie für den Menschen schädlich. In einer anderen Studie haben Forscher aufgezeigt, dass die Staubwolke sogar Bakterien mit sich führen kann, die Hirnhautentzündungen auslösen“, sagt Díaz der MZ. Auch der DWD schreibt: „In Südeuropa treten Saharastaubereignisse deutlich häufiger auf, und es gibt Hinweise auf eine höhere Sterblichkeit nach solchen Episoden“.
Saharastaub sorgt für mentale Probleme
In seiner jüngsten Arbeit wies Díaz gemeinsam mit seiner Kollegin Cristina Linares nach, dass die höhere Partikelanzahl durch Waldbrände und Saharastaub in der Luft auch einen Einfluss auf die Anzahl an Personen hat, die mit mentalen Problemen Krankenhäuser aufsuchen. Die Forscher unterteilten dafür Spanien in neun Abschnitte, einer davon sind die Balearen. „Nirgendwo sonst waren die Daten so klar und deutlich wie dort“, sagt Díaz. „Mentale Probleme, Angstzustände, Depression – nur auf den Balearen konnten wir einen Anstieg aller drei Krankheitsbilder deutlich nachweisen.“
Wobei Partikel und Hitze keine Krankheiten direkt auslösen, sondern in der Regel die vorher bestehenden Probleme nur verschlimmern. Auffällig ist zudem, dass die Forscher auf relativ alte Vergleichszeiträume zurückgegriffen haben. „Das liegt einerseits daran, dass wir offizielle Daten des Statistikamtes beziehen, die meist zwei Jahre Verzug haben. Andererseits hat die Corona-Pandemie die Statistiken zur Sterblichkeit so durcheinandergewirbelt, dass die Daten unbrauchbar werden“, sagt Díaz.
Was kann man dagegen tun?
„In erster Linie das Auto stehen lassen. Die natürlichen Partikel können wir schlecht verhindern. Wir können aber dafür Sorge tragen, dass wir nicht noch zusätzlich die Luft verschmutzen“, sagt Díaz. 2025 wird in Palmas Zentrum eine Feinstaubzone (ZBE) eingeführt. Die entsprechenden Pläne zur EU-Vorgabe – die eigentlich schon für das derzeit laufende Jahr bestand – bewilligte der Stadtrat vergangene Woche. Auch die von Corona bekannte Atemmaske könnte wieder eine Rolle spielen. „Wobei ich als Wissenschaftler nur die Daten vorbringe“, so Díaz. „In Spanien sterben nach einem sehr kurzen Krankheitsverlauf jährlich rund 10.000 Personen an Luftverschmutzung – 3.500 davon durch Partikel. Laut Studien tendiert die Zahl künftig gen 30.000.“ Hinzu kommen Tausende langfristige Gesundheitsprobleme und aus finanzieller Sicht die Krankenhauskosten.
„Derzeit forsche ich, wie sich die Menschen besser an den Klimawandel anpassen können“, sagt Julio Díaz. „Es ist wie das Rennen zwischen dem Hasen und der Schildkröte. Wir sind die Schildkröte, die mit langsamen Schritten sich besser auf die Hitze einstellt. Der Hase ist die Klimaerwärmung, die schnellen Schrittes steigt. Es ist ein ungleiches Rennen, wir dürfen aber nicht das Handtuch werfen.“
Nicht nur Nachteile
Der Saharastaub ist aber nicht nur schlecht, sondern verbessert die Qualität des Bodens und ist ein Segen für die Landwirte. „Jeder Schlammregen bringt etwa eine Tonne Tonerde pro Quadratkilometer. Das ist ein super Dünger für alle Pflanzen“, sagt Miquel Serra vom Ökobauernverband Apaema. Gemäß dem Motto, je mehr, desto besser, sei ein Überdüngen mit dem Staub praktisch unmöglich. „Es ist jetzt aber auch nicht so, dass wir dadurch schlagartig die größten Tomaten der Welt bekommen. Der Effekt ist eher langfristig“, sagt Serra. Der Staub sorge auch dafür, dass andere Mineralien besser im Boden gehalten werden.
Der Saharastaub setzt sich überwiegend aus Quarz, Ton, Kaolinit, Eisenoxiden – im Endeffekt nichts anderes als Rost und daher im rötlichen Staub enthalten –, Kalzit und Gips zusammen. Neben Eisen, Aluminium, Magnesium und Phosphor sind kleinere Mengen Plutonium dabei, wie Forscher aus Málaga herausfanden. Die radioaktive Menge sei zu gering, als dass sie dem Menschen schaden könne.
Die schmutzigen Nebeneffekte könne man für die Düngung in Kauf nehmen. „Es macht den Pflanzen nicht so viel aus, wenn sie mit Staub bedeckt sind. Das funktioniert als Sonnenschutz und hilft sogar. Das bisschen Fotosynthese, das dadurch verloren geht, kann man vernachlässigen.“ Einige Öko-Bauern bedecken die Blätter absichtlich mit Kaolin-Ton. „Neben der Sonne hält es vor allem Bakterien aber auch einige Insekten fern. Besonders die Olivenfruchtfliege von Olivenbäumen“, so Serra.
Ärgerlich ist der Staub hingegen für die kommerziellen Landwirte, wenn er die komplette Ernte ruiniert. „Bei Blattgemüse wie Spinat, Kohl oder Salat ist die Arbeit zu groß, die Köpfe vom Staub zu befreien. Das lohnt sich das Putzen finanziell nicht. Da gibt es immer wieder Klagen der Landwirte“, sagt Serra.
Wie wir Menschen uns an das neue Klima und seine gesundheitlichen Folgen anpassen müssen, so werden auch die Bauern neue Wege suchen müssen. Denn die Tage auf Mallorca mit Saharastaub in der Luft werden tendenziell eher mehr als weniger.

In einer Waschanlage. | FOTO: VICENS
Auswirkungen auf Solaranlagen
Autofahrer kennen das Ärgernis, wenn der Staub alles schmutzig macht. An den Waschanlagen bilden sich dann riesige Schlangen, Hochdruckreiniger verkaufen sich bombastisch. Auch Solaranlagen werden dreckig. „Es ist wie beim Auto: Die Scheibe ist zwar schmutzig, man kann aber durchgucken“, sagt Heinz Torwie von der Installationsfirma Solarta. „Wie viel Prozent Leistung das im Endeffekt kostet, ist von der Verschmutzung abhängig. Ich würde aber schätzen, dass es weniger als zehn Prozent sind.“
Am Morgen, wenn die Sonnenstrahlen schräg auf die Solarpanele fallen, sei die Quote an Licht, die es nicht durch die Staubschicht schafft, höher. „Wer an die Anlage einfach rankommt, kann sie abwischen. Dazu eignet sich ein Schwamm und Wasser. Am besten morgens bei Sonnenaufgang, wenn die Panele kühl und durch den Tau leicht feucht sind“, sagt Heinz Torwie. Bei Anlagen auf dem Dach könne höchstens Schwamm oder Bürste an einen langen Stab befestigt werden.
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