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Angststörungen, Psychosen, Suizidgedanken - Wie steht es um die mentale Gesundheit auf Mallorca?

Mentale Probleme sind auch auf den Balearen weit verbreitet – mit steigender Tendenz bei Kindern und Jugendlichen. Behandelt werden sie zumeist mit Tabletten. Immerhin: Die Politik räumt dem Thema Priorität ein

Dämonen im Kopf: Auch auf Mallorca leiden viele Menschen leiden unter psychischen Problemen

Dämonen im Kopf: Auch auf Mallorca leiden viele Menschen leiden unter psychischen Problemen / Merlinlightpainting / Pixabay

Sophie Mono

Sophie Mono

Kurz nach der Trennung fing es an. Herzrasen, Angstzustände, Panikattacken. Das Gefühl, allem nicht mehr gewachsen zu sein. Dem Haushalt, der Arbeit, ja sogar den sozialen Verpflichtungen. „Es kam mir vor, als würde alles, was man im Leben tagtäglich meistern muss, und was man sonst einfach erledigt, plötzlich zu riesigen Aufgaben heranwachsen, die mich überrollen“, berichtet Sara. Die 46-jährige Spanierin möchte ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich weiß, es sollte einem im Jahr 2024 nicht mehr peinlich sein, zuzugeben, dass man eine Psychotherapie macht. Aber irgendwie ist es doch immer noch unangenehm. So, als wäre man nicht normal“, sagt sie.

Mentale Gesundheit – das ist eines der Themen, dem die balearische Ministerpräsidentin Marga Prohens Priorität einräumt, zuletzt am Montag in einer Rede im Parlament. Sie ist damit nicht allein: Die Weltgesundheitsorganisation erinnert mit aktualisierten Leitfäden regelmäßig daran, wie wichtig mental health für unsere Gesellschaft ist und betont dabei, dass die Probleme seit der Corona-Pandemie größer geworden sind. Auch in Spanien sprechen die Zahlen für sich. Laut Statistiken des Gesundheitsministeriums in Madrid werden hierzulande bei mehr als einem von zehn Menschen mentale Probleme diagnostiziert.

Nicht alles happy auf Mallorca

„Urlauber glauben kaum, dass man hier auf der Insel krank werden kann. Sie denken, hier seien alle happy, aber das ist natürlich eine Fehleinschätzung“, sagt Rainer Oberguggenberger, Leiter von Mallorcas Psychiatrie und diesjähriger MZ-Preisträger. Letztlich sei es eine Frage von Genetik und biopsychosozialen Faktoren, ob man psychisch erkranke. „Das Risiko für eine Psychose ist in Palma ebenso hoch wie in Moskau oder anderswo.“ Hinzu käme hier aktuell ein großer Druck auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. „Dies alles kann Leiden potenzieren, genau wie Drogen, Alkohol, soziale Medien oder andere Faktoren.“ Auch Sara ist sich sicher, dass ihre Probleme nichts mit dem Wohnort zu tun haben. „Es würde mir anderswo genauso schlecht gehen.“

Auf den Balearen sind es laut der Gesundheitsbehörde rund 50.000 Inselbewohner, denen die Ärzte mentale Störungen diagnostiziert haben, die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. „Viele holen sich keine Hilfe, die Hemmschwelle ist in allen Altersklassen hoch“, sagt Guillem Febrer, Sprecher der Vereinigung „3 Salut Mental“, die auf Mallorca die drei Stiftungen „Gira-Sol“, „Es Garrover“ und „Estel de Llevant“ vereint, die sich alle mit psychischen Erkrankungen oder Einschränkungen befassen. Hoch ist die Hemmschwelle aus Scham sich selbst und der Außenwelt gegenüber. Aus Angst, sich den inneren Hürden oder äußeren Auslösern zu stellen. Manchmal auch aus schlichter Unreflektiertheit – Verdrängung statt Konfrontation dürfte die meistgefahrene Strategie derjenigen sein, die einer Therapie ausweichen, obwohl es ihnen nicht gut geht.

Hausarzt als Filter

Bei Diego (Name geändert) hat es ebenfalls lange gedauert, bis er zum ersten Mal zum Hörer griff, um beim Hausarzt eine Überweisung für eine vom öffentlichen System finanzierte Therapie zu bekommen. „Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, liegen einige Auslöser dafür, dass es mir nicht gut geht, schon in der Kindheit. Hätte ich bereits als junger Erwachsener Hilfe gesucht, hätte ich wohl die vergangenen 15 Jahre zufriedener gelebt“, sagt der 36-Jährige. Anders als bei Sara gab es bei Diego kein punktuelles Ereignis wie eine Trennung, das ihn dazu brachte, in Therapie zu gehen. „Ich hatte auch nie akute Angstzustände.“ Stattdessen waren es Bindungsstörungen, die das Leben des Junggesellen bestimmten. „Lange dachte ich, dass mein Leben cool so ist, aber vieles habe ich mir schöngeredet. Letztlich habe ich gemerkt, dass ich einfach nicht wahrhaben wollte, dass ich Glaubenssätze aus meiner Kindheit in mir trage, die mich bis heute negativ beeinflussen.“ Auf der Suche nach Hilfe habe ihn das Gesundheitssystem dann wieder ausgebremst. „Mein Hausarzt wollte mich dazu drängen, es mit Antidepressiva zu versuchen, dabei wollte ich doch die Probleme anpacken und nicht betäuben“, sagt Diego. Letztlich habe er sich selbst eine Therapeutin gesucht. Für jede Sitzung zahlt er 70 Euro.

Tatsächlich kommt im öffentlichen Gesundheitssystem dem Hausarzt (médico de cabecera) eine Filterfunktion zu. Er entscheidet, wie schwerwiegend die Symptome sind und ob eine Therapie gerechtfertigt ist. Nur ein geringer Anteil derjenigen Patienten, die nicht als dringend eingestuft werden, wird tatsächlich zeitnah an Psychologen weitergeleitet, sagt auch Rainer Oberguggenberger. Menschen mit leichteren Problemen, die über das benötigte Geld verfügen, bleibt daher wie Diego nur das Selbstzahlermodell. Sie suchen sich selbst Coaches oder Therapeuten.

Pillen statt Therapie

Auf den Inseln sind laut Zahlen der balearischen Psychologenkammer 2.142 Psychologen lizenziert, doch bei Weitem nicht alle sind auf mentale Gesundheit spezialisiert. Nur wenige arbeiten im öffentlichen Gesundheitssystem – und beschäftigen sich dort vor allem mit den härteren Fällen. Auch wegen des Personalmangels sei die Verschreibung von Medikamenten durch den Hausarzt bei leichteren Fällen gang und gäbe, sagt Xavier Revert von der Psychologenkammer. „85 Prozent der Antidepressiva werden vom Hausarzt verschrieben, nur 15 Prozent von uns Psychiatern“, bestätigt auch Rainer Oberguggenberger.

Tatsächlich ist der Konsum von bestimmten Psychopharmaka auf den Balearen im spanischen Vergleich überdurchschnittlich hoch, wie aus aktuellen Studien hervorgeht. Laut dem Landesgesundheitsministerium kauften im ersten Halbjahr 2024 mehr als 176.000 Personen – ein Drittel Männer, zwei Drittel Frauen – mindestens eine Packung Antidepressiva (Stimmungsaufheller) oder Anxiolytika (Beruhigungsmittel).

Holpriger Start

„Zu viele“, sagt Carme Bosch, die mit ihrem Team an einer Langzeitstudie mitarbeitet, die untersucht, inwiefern die Verschreibung der Psychopharmaka tatsächlich angemessen ist. Die Psychiaterin ist nach einer ersten kurzen Amtszeit seit Mai 2024 Generaldirektorin für Mentale Gesundheit in der balearischen Landesregierung, ein Amt, das die konservative Landesregierung zu Beginn der Legislaturperiode 2023 schuf und für 2024 mit einem Budget von fünf Millionen Euro ausstattete. Der Start war holprig, in gut einem Jahr hat die Leitung drei Mal gewechselt. Der für Ende 2023 angekündigte Nachfolger der bereits unter der linken Vorgängerregierung erarbeiteten Strategiepläne ist noch immer nicht fertiggestellt.

Dass bisher nichts passiert ist, will sich Carme Bosch aber nicht vorwerfen lassen. Man habe bereits eine Million Euro investiert, um mehr Fachkräfte anzuheuern – in den Gesundheitszentren, um auch leichtere Fälle wie die von Diego oder Sara schneller zu behandeln, in den Notaufnahmen, um auf akute Notfälle eingehen zu können, vor allem aber auch an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.

Psychologen in den Schulen

Immer öfter sind es Jugendliche oder sogar Kinder, die psychische Störungen aufweisen. „Je früher diese entdeckt werden können, desto besser. Auch in Grundschulen sind jetzt Profis aktiv“, sagt Carme Bosch. Ministerpräsidentin Marga Prohens bezifferte am Montag die Zahl der für die Schulen eingestellten Psychologen auf 75. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Suizidprävention – allein im Jahr 2022 nahmen sich 109 Menschen auf den Inseln das Leben. Bei jungen Menschen bis 29 Jahre war es die häufigste Todesursache. „Hier ist unser Eingreifen am dringendsten“, sagt Carme Bosch.

Für vieles von dem, was die Generaldirektion angeht, ebnete bereits die linke Vorgängerregierung den Weg. Anders als bei vielen anderen Themen setzten die Konservativen beim Regierungswechsel auf Kontinuität bei der mentalen Gesundheit. Das zeigt sich auch beim Personal: So war der langjährige sozialistische Politiker und Psychiater Oriol Lafau der erste Generaldirektor, bis er im Februar 2024 aus persönlichen Gründen zurücktrat. „Wir führen vieles weiter, was vor dieser Legislaturperiode angestoßen wurde und gehen darüber hinaus“, formuliert es Carme Bosch.

„Noch vor gut sieben Jahren war mentale Gesundheit eines der Themen, die in der Verwaltung stiefmütterlich behandelt wurden. Das hat sich glücklicherweise durch die Pandemie geändert. Sie hat viele psychische Leiden sichtbarer gemacht und das Thema an die Öffentlichkeit gebracht – die Politik reagiert nun darauf“, sagt Guillem Febrer von „3 Salut Mental“. Er begrüßt die Schaffung der neuen Generaldirektion. „Wir fühlen uns von der ernst genommen, die Dienstwege sind kürzer geworden.“ Auch das Hauptaugenmerk auf Prävention sei richtig.

„Die Gesellschaft sollte nicht darauf warten, dass sich Betroffene irgendwann Hilfe suchen, sondern viel früher auf sie zugehen und Hilfe anbieten.“ Mit seinen Mitstreitern von „3 Salut Mental“ kämpft Febrer auch für Schulungen, etwa im Freizeitbereich. „Missstände können schneller aufgedeckt werden, je mehr das Umfeld Frühwarnzeichen richtig deutet“, sagt er. „Es reicht nicht, zu warten, bis sich tiefsitzende psychische Störungen entwickelt haben, die stationär behandelt werden müssen.“

Stationäre Behandlung

Das findet auch Rainer Oberguggenberger, der das dem Landeskrankenhaus Son Espases angegliederte Hospital Psiquiàtric leitet. Mit seinem Team behandelt er nur die schwersten Fälle psychischer Erkrankungen: Schizophrenien, bipolare Störungen, schwere Zwangserkrankungen, akute Suizidgefahr. Die Klinik ist für die da, die durch ihre Einschränkungen keinen normalen Alltag mehr bewerkstelligen können. Doch sowohl wegen des Patientenwohls als auch aus wirtschaftlicher Sicht sollte eine stationäre Behandlung nie die Hauptrolle spielen, unterstreicht der Psychiater. „Prävention ist viel billiger und zielführender.“

Die Ansätze der alten und neuen Landesregierung seien richtig. „Allerdings braucht es nicht nur Struktur und Geld, sondern auch Leute, die das gut umsetzen können, und daran mangelt es leider weiterhin.“ Gutes Personal sei knapp, erst recht auf den Inseln. Ein großes Wohnheim für Menschen mit mentalen Problemen, wie Oberguggenberger es seit Jahren fordert, gibt es immer noch nicht.

„Wir sind aber froh, dass wir die stationäre Aufnahme zu Hause fördern konnten“, berichtet der Österreicher. 10 bis 15 Prozent der Patienten werden kurz nach dem Klinikaufenthalt schon wieder nach Hause entlassen und dort von Psychiatern intensiv betreut. „Letztlich führt auch das ein Stück weit dazu, die Stigmatisierungen aufzuheben und die Menschen mit psychischen Problemen nicht wie früher von der Gesellschaft abzuschotten.“

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